Matt Sweeney und Bonnie »Prince« Billy haben wieder ein gemeinsames ­Album veröffentlicht

Ein zartes Rudel

Die beiden genreprägenden Indie-Musiker Will Oldham und Matt Sweeney haben mit »Superwolves« zum zweiten Mal ein gemeinsames Album herausgebracht. Beide sind für ihre Umtriebigkeit bekannt.

16 Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Longplayer »Superwolf« haben sich Matt Sweeney und Will Oldham, beide inzwischen Anfang 50, erneut zusammengetan, um unter dem Titel »Superwolves« ein weiteres Album einzuspielen. Dabei überlässt der grandiose Folk-Songwriter Oldham alias Bonnie ›Prince‹ Billy das Komponieren erneut dem ebenfalls einschlägig anerkannten Postrock-Vorreiter und vielseitigen Gitarristen Sweeney, während er die Lyrics und den markant-brüchigen Gesang beisteuert.

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Für Oldham stellen die Aufnahmen eine Rückkehr zur alten, gewohnten Form dar, nachdem sein jüngstes als Bonnie ›Prince‹ Billy veröffentlichtes Album, »I Made a Place« (2019), eher mit mediokrem, etwas zu eingängigem Alternative Country daherkam. Wie schon bei »Superwolf« beschränkt sich Sweeney in seinen schönen Gitarrenriffs und Akkordverläufen überwiegend auf fingerpicking, also aufs Zupfen der Saiten, die – mal angezerrt, mal clean – Oldhams Gesangsmelodien umspielen oder sogar doppeln.

Auf »Superwolves« finden sich Lieder, die in ihrer flüchtigen Nahbarkeit und melodischen Fragilität jeden Gedanken an arrivierte oder gar saturierte Independent-Routiniers, die man hier am Werk vermuten könnte, vergessen machen.

Weitere Instrumente wie Schlagzeug, Bass und Orgel kommen nur bei einigen wenigen der 14 Stücke zum Einsatz, am eindrucksvollsten beim festlich-psychedelischen »Hall of Death«, der zweiten Vorabsingle und einem typischen Beispiel für Oldhams oft morbide, aber zugleich auch augenzwinkernde Texte. Der Rocksong im Dreivierteltakt mündet im Refrain: »Oh, I’m gonna walk down  he hall of death again«, gemeinsam gesungen von Oldham und Sweeney, der den Harmoniegesang beisteuert. Doch die finsteren Zeilen klingen alles andere als bedrückend, sondern geradezu erbaulich und tröstend, während Sweeney zusammen mit dem Ensemble des nigrischen Tuareg-Musikers Mdou Moctar Einflüsse aus dem westafrikanischen Wüsten-Blues geltend macht. Moctars Mitmusiker Ahmoudou Madassane beteiligte sich hier auch als Co-Songwriter.

Matt Sweeney ist heutzutage in erster Linie als umtriebiger Session- und Live-Gitarrist bekannt, vor allem durch Alben, die der berühmt-berüchtigte Rick Rubin produziert hat. Sweeney ist auf Alben von so unterschiedlichen Musikern wie Adele, Johnny Cash, den Dixie Chicks, Neil Diamond und gar Kid Rock als Studiogitarrist zu hören gewesen. Hinzu kommt, dass er zum einen des Öfteren beim HipHop-Duo Run the Jewels (bestehend aus El-P und Killer Mike), zum anderen bei diversen Projekten des kalifornischen Wüstenrock-Gurus Josh Homme mitwirkte. Als Live-Gitarrist spielte Sweeney unter anderem in der Band von Iggy Pop. Größere Bedeutung hat allerdings sein Wirken als Frontmann der wegweisenden US-Indierockband Chavez in der Mitte der neunziger Jahre und als Songwriter und Gitarrist zusammen mit Oldham.

Im Goldenen Zeitalter des amerikanischen Indierock zwischen, sagen wir, den Jahren 1987 (als das Album »You’re Living All Over Me« von Dinosaur Jr. erschien) und 1997 (»The Lonesome Crowded West« von Modest Mouse markierte einen späten, abschließenden Höhepunkt) ist Sweeneys Band Chavez aus New York City zumindest aufmerksamkeitsökonomisch leider schlicht und ergreifend untergegangen. Zwar gab es nicht nur bei den in den Neunzigern noch höchst relevanten Musiksendern und Radiostationen eine gewisse experimentierfreudige Offenheit bei der Suche nach der nächsten widerspenstigen Alternative-Band der Post-Nirvana-Epoche, doch die kreischenden Dissonanzen in Sweeneys damaligem Gitarrenspiel und die rhythmische Vertracktheit der Band konnten auch für Indie-affine Ohren recht sperrig erscheinen. Stattdessen gelten Chavez mit ihren beiden Alben »Gone Glimmering« (1995) und »Ride the Fader« (1996) als Vorreiter des Math-Rock, dem aber stets nur ein kleineres Publikum zugeneigt war. Zum 25jährigen Jubiläum der Veröffentlichung des Debüts brachte die Plattenfirma Matador »Gone Glimmering« im Herbst vorigen Jahres in erweiterter Form als Doppel-LP neu heraus.

Will Oldham wiederum betrat die Bühne der alternativen Popkultur ursprünglich als Fotograf; von ihm stammt das ikonische Coverfoto des Albums »Spiderland« der Band Slint. Das 1991 erschienene Album prägte den Post-Rock ungemein. Die Mitglieder der Gruppe kamen wie der 1970 geborene Oldham aus Louisville, Kentucky, und waren mit ihm befreundet – beim Baden in einem Baggersee auf der zum Bundesstaat Indiana gehörenden Seite des Ohio River machte Oldham Schnappschüsse der Band. Das Schwarzweißfoto auf dem Cover, auf dem nur die Köpfe der gutgelaunten Musiker über der spiegelnden Wasseroberfläche zu sehen sind, findet sich, dem zunächst sehr überschaubaren Erfolg des Albums zum Trotz, inzwischen des Öfteren auf Listen oder in Online-Galerien als eines der besten Plattencover und Bandfotos.

Die Musiker der Gruppe bildeten zudem (abgesehen von Slint-Gitarrist David Pajo) die Backing Band für Will Oldhams Debütalbum »There Is No-One What Will Take Care of You«, das 1993 unter seinem anfänglichen Künstlernamen Palace Brothers erschien. Oldhams Erstling ist mit seiner verletzlichen Direktheit, sowohl der Texte als auch des Songwritings, und der schlichten Instrumentierung ein maßgebliches Werk des Lo-Fi-Folk beziehungsweise -Country. Lieder wie »I Tried to Stay Healthy for You« oder das düstere Titelstück ­prägen sich in ihrer Sloganhaftigkeit ebenso ein wie Oldhams ihm stän­dig zu entgleiten drohende, zerbrechliche Stimme. Neben Bill Callahan (Smog) sowie in den Folgejahren beispielsweise Chan Marshall (Cat Po­wer), Elliott Smith und Jason Molina (von den Bands Songs: Ohia sowie Magnolia Electric Co.) begründete Oldham damit das Indie-Folk-Genre, dem sich um die Jahrtausendwende zahlreiche neue Singer/Songwriter aus Nordamerika und Großbritannien zuwandten – man könnte retrospektiv sogar von einem Folk-Revival sprechen.

Oldham veröffentlichte in dieser Zeit – ab 1999 unter dem Namen Bonnie ›Prince‹ Billy – seine erfolgreichsten Alben, angefangen mit »I See a Darkness«, dessen Titelstück bereits ein Jahr später von Johnny Cash gecovert wurde (auf »American III: Solitary Man«), wiederum produziert von Rick Rubin und mit zweiter Gesangsstimme von Oldham selbst.

Sweeney hat erst an Cashs 2006 posthum veröffentlichtem Album »American V: A Hundred Highways« mitgewirkt. Zuvor war er neben David Pajo, einem weiteren notorischen Indie-Gitarrencrack, Mitglied von Billy Corgans kurzlebiger Smashing-Pumpkins-Nachfolgeband Zwan. Zugleich spielte er bei Aufnahmen und Live-Konzerten seines langjährigen Weggefährten Will Oldham mit.

Da Sweeney selbst ein starker Songwriter ist – jedoch nicht wie Oldham über eine unnachahmliche Stimme verfügt –, drehten sie schließlich die Rollen um und spielten 2005 das ebenfalls hochgelobte Album »Superwolf« ein. Darauf gab es mit »Bed Is for Sleeping« zudem eine Gänsehaut verursachende Ballade, die zweifellos zu den nicht eben wenigen zeitlosen Glanzstücken im Werk Oldhams gehört, die er aber ausnahmsweise nicht selbst geschrieben hat.

Auch auf »Superwolves« finden sich zum Beispiel mit »My Popsicle« oder »My Body Is My Own« Lieder, die in ihrer flüchtigen Nahbarkeit und melodischen Fragilität jeden Gedanken an arrivierte oder gar saturierte Independent-Routiniers, die man hier am Werk vermuten könnte, vergessen machen. Oldham singt vom Verbergen der eigenen Gefühle und dem letztlichen Zurückgeworfensein auf sich selbst: »I have learned to hide my feelings   have learned to laugh alone  hrough sun and sea my skin is peeling  nd my body remains my own.« Eingebettet werden die Worte von nicht weniger zarten Gitarrenmotiven. Sweeney hat sich seine besten musikalischen Ideen ­offenbar wieder für die Zusammenarbeit mit Oldham aufgehoben.

Matt Sweeney & Bonnie ›Prince‹ Billy: Superwolves (Drag City/Domino)