Die Filme der Defa sind nun in den Mediatheken von ARD und MDR zugänglich

Wie Netflix für Linke

Zum 75. Geburtstag der Defa erfährt die Filmkunst der DDR späte Anerkennung. Die Online-Mediatheken der ARD, des MDR und der Bundeszentrale für politische Bildung sowie Filmfriend, das Video-on-Demand-Filmportal der öffentlichen Bibliotheken, machen ­zahlreiche Defa-Filme zugänglich. Für linke Cineasten gibt es großartige Werke zu entdecken, deren Themen auch über 30 Jahre nach dem Ende der DDR von allgemeiner Relevanz sind.

Die Gründung der Deutschen Film-AG (Defa) am 17. Mai 1946 geht auf die Initiative der damaligen sowjetischen Besatzungsmacht zurück. Auf dem Gelände der UFA, des Filmimperiums der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, sollten nun antifaschistische und fortschrittliche Filme produziert werden. Als erster deutscher Spielfilm der Nachkriegszeit entstand 1946 die »Mörder sind unter uns« (Regie: Wolfgang Staudte), in dem ein Kriegsheimkehrer von den Erinnerungen an ein von deutschen Soldaten an polnischen Zivilisten begangenes Massaker heimgesucht wird.

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Nach Gründung der DDR 1949 wurde die deutsch-sowjetische ­Aktiengesellschaft schließlich in ein volkseigenes Unternehmen umgewandelt. Die Defa produzierte circa 700 Spielfilme, 950 Animations­filme und 200 Dokumentarfilme bis zur »Abwicklung« und Privatisierung nach der Wiedervereinigung. Der letzte Spielfilm, den die Defa vor dem Fall der Berliner Mauer 1989 produzierte, war »Coming Out« (Regie: Heiner Carow). Er thematisierte offen Homosexualität und zeich­nete ein einfühlsames Porträt der Ostberliner Schwulenszene. Während ihres Bestehens produzierte die Defa auch belanglose Unterhaltungs­filme oder platte Propaganda-Streifen wie »Ernst Thälmann: Führer seiner Klasse« (Regie: Kurt Maetzig, 1955), die nur noch für Historiker oder Filmwissenschaftler interessant sind.

Die Defa-Schauspielerinnen gehörten zu den großen Stars der DDR. In den »Frauenfilmen« wurden gesellschaftliche Konflikte im Arbeits- und Familien­alltag gezeigt und durchgespielt.

Die westdeutsche Sicht auf die Geschichte der Defa und des Staatssozialismus ist immer noch stark von der Vorstellung geprägt, dass der »bornierte« autoritäre SED-Staat die künstlerische Kreativität der »freiheitsliebenden« Intellektuellen unterdrückt habe. Relevant sind nach dieser Auffassung Filme vor allem dann, wenn sie verboten wurden oder trotz Zensur versteckte Kritik am »Regime« beinhalteten. So kann man zum Beispiel zwei DVD-Boxen mit dem Titel »Verboten« ­erwerben, die 18 Defa-Spielfilme enthalten, die in der DDR dauerhaft oder zeitweise nicht zur Vorführung zugelassen waren.

Berühmt-berüchtigt sind die ­Filme, die der Verbotswelle des sogenannten Kahlschlag-Plenums, der 11. Tagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965, zum Opfer fielen. Eine Koalition von Hardlinern um Erich Honecker setzte damals ein Verbot der nahezu gesamten Jahresproduktion der Defa durch. Die Anhänger eines spätstalinistischen »sozialistischen Realismus« störten die Einführung von widersprüchlichen Antihelden in die Geschichten, die Konzentration auf gesellschaft­liche Konflikte, freizügige Liebesbeziehungen sowie neue experimentelle ästhetische Formen.

Viele der Filmschaffenden hatten zuvor Lockerungen in der Kulturpolitik nach dem Mauerbau 1961 genutzt, um zentrale Probleme der Gesellschaft zu thematisieren. Die missliebigen Filme thematisierten zum Beispiel Ungerechtigkeit im Justizsystem (»Das Kaninchen bin ich«, Regie: Kurt Maetzig), Konflikte zwischen Arbeitern und Bürokratie vor dem Hintergrund der Mangelwirtschaft (»Spur der Steine«, Regie: Frank Beyer), Kritik der irrationalen »Tonnenideologie« zur Planerfüllung (»Der Frühling braucht Zeit«, Regie: Günter Stahnke), ein Plädoyer für nichtkonformistische Erziehungsmethoden in der Schule (»Karla«, ­Regie: Herrmann Zschoche) oder Werben um mehr Verständnis für rebellische Jugendliche (»Denk bloß nicht, ich heule«, Regie: Frank Vogel). Auch stilistisch waren viele der verbotenen »Kaninchen«-Filme hochinteressant. Der Einfluss der französischen Nouvelle Vague war ebenso zu erkennen wie der der Neuen Wellen in Osteuropa, als sowjetische, tschechische und polnische Filme international neue Maßstäbe gesetzt hatten.

Vor dem Mauerfall sollten nie wieder so offen die Probleme der DDR-Gesellschaft thematisiert werden wie in den verbotenen Filmen von 1965 und 1966. Trotzdem wäre es zu einfach, die künstlerische Kreativität und das bornierte Regime als unverrückbaren Gegensatz betrachten. All diese Filme waren schließlich zuvor genehmigt worden. Nach Beginn von Wirtschaftsreformen, genannt »Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung« (NÖSPL), und dem Jugend-Kommuniqué des ZK der SED von 1963 ­standen die Filmthemen durchaus im Einklang mit der ursprünglich geplanten Politik der Parteiführung um Walter Ulbricht. Die Koalition der Hardliner um Honecker konnte zunächst 1965 das Ende der kulturellen Öffnung durchsetzen, bis sie schließlich 1971 auch Ulbricht und die NÖSPL-Reformen endgültig zu Fall brachten.

Der Riss ging durch den gesamten Partei- und Kulturapparat. Das Verhältnis zwischen SED und Kulturschaffenden wurde durch den Sieg der Hardliner auf dem »Kahlschlag-Plenum« nachhaltig beschädigt. In den »Kaninchen-Filmen« blitzte zumindest im »Kurzen Sommer der DDR« die Möglichkeit einer anderen Filmkunst auf, die zentrale Widersprüche der Gesellschaft darstellte. Um das Scheitern des Staatssozia­lismus zu verstehen, sind die Aus­einandersetzungen während der »Reformwelle« in der ersten Hälfte der sechziger Jahre immer noch entscheidend. Vielleicht wurde hier die letzte Chance verpasst, nachhaltige Reformen zur Rettung des Staatssozialismus einzuleiten.

Es ist keineswegs so, dass die Defa zwischen 1966 und 1989 keine interessanten Filme mehr produzierte. Anstatt hochpolitische Gegenwartsfilme zu drehen, wichen allerdings viele Filmschaffende auf weniger heikle Genres aus wie Antifaschismus, Märchen, Science-Fiction, Kinder- oder Dokumentarfilme.

Der Antifaschismus war in der DDR Staatsdoktrin und sollte sich auch in der Filmproduktion widerspiegeln. Nach offizieller Lesart standen der kommunistische Widerstand und der Beitrag der Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus eindeutig im Vordergrund. Es gehört jedoch zu den Legenden, die sich nach der Wiedervereinigung bildeten, dass die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung der Juden in der DDR kein Thema gewesen sei.

Richtig ist, dass die SED besonders in den fünfziger Jahren Auschwitz zur Sprache brachte, um die lasche Strafverfolgung von Tätern durch die Behörden in Westdeutschland anzuprangern. Zu nennen ist hier der Spielfilm »Rat der Götter« (Regie: Kurt Maetzig, 1950) zur Rolle der I.G. Farben, die Giftgas für Gaskammern produzierte und in Auschwitz ein eigenes Lager unterhielt. Der Dokumentarfilm »Ein Tagebuch für Anne Frank« (Regie: Joachim Hellwig, 1958) zeigt, dass ein ehemaliger Leiter des I.G.-Farben-Lagers unbehelligt in Westdeutschland lebt und sich die Regierung Adenauer für die Freilassung der deutschen Verantwortlichen der Judendeportation aus niederländischen Gefängnissen einsetzt. In beiden Filmen wurde im Namen der Opfer gefordert, einen dritten Weltkrieg zu verhindern, den die »Militaristen« und »Monopolherren« in der BRD planen würden.

Später produzierte die Defa jedoch eine Reihe von Filmen, die einen nicht propagandistisch geprägten Zugang zur Shoah fanden. Herausragend ist immer noch die deutsch-bulgarische Koproduktion »Sterne« (Regie: Konrad Wolf, 1959). Der bulgarisch-jüdische Kommunist Angel Wagenstein hatte im Drehbuch ­seine Erlebnisse als Partisan im Kampf gegen die Wehrmacht verarbeitet. Der Film ist ein Melodram über eine scheiternde menschliche Annäherung zwischen einem Wehrmachtssoldaten und einer griechischen Jüdin, die von einem Zwischenlager in Bulgarien nach Auschwitz deportiert wird. Der Film gibt den Opfern Gesicht und Namen, ohne nach Hollywood-Manier mit einem Happy End zu beruhigen. »Sterne« gewann den Preis der Jury der Filmfestspiele von Cannes als bulgarischer Beitrag. Wolfs Film gilt heute sowohl wegen seiner Bildsprache als bahnbrechend als auch, weil er als erster Spielfilm mit deutscher Beteiligung den Massenmord an den Juden direkt thematisierte.

In der BRD kam eine zensierte Fassung von »Sterne« 1960 in die Kinos. Es erschien den westdeutschen Behörden nicht als opportun, einen Wehrmachtsangehörigen zu zeigen, der Waffen an bulgarische Partisanen abgibt. Erst 1979 sollte die US-amerikanische Serie »Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss« (Regie: Marvin J. Chomsky) beim westdeutschen Publikum ­einen Schock auslösen. Im Fernsehen der DDR wurde die Serie nicht gezeigt – man habe selbst zu dem Thema schon bessere Filme gemacht, hieß es.

Tatsächlich produzierte die Defa zum Beispiel 1974 die Literaturver­filmung von Jurek Beckers Roman »Jacob der Lügner« (Regie: Frank Beyer). Becker, der als Kind mit seinen jüdischen Eltern nach dem deutschen Überfall auf Polen ins Ghetto von Lodz und später in verschiedene Konzentrationslager deportiert worden war, lässt seine Hauptfigur Jacob Radionachrichten erfinden, die den Ghettobewohnern Mut machen sollen. »Jacob der Lügner« wurde als einziger Defa-Film für einen Oscar (in der Kategorie »Bester fremdsprachiger Film«) nominiert. Dem Film gelingt es, mit den Mitteln des subtilen und tragischen Humors von der Judenvernichtung zu erzählen, ohne zu relativieren oder zu bagatellisieren.

Herausragend ist auch die Literaturverfilmung »Der Aufenthalt« ­(Regie: Frank Beyer, 1983), die auf einem Roman von Hermann Kant ­beruht, der darin seine Erlebnisse in polnischer Kriegsgefangenschaft verarbeitet hatte. Der legendäre Defa-Drehbuchautor Wolfgang Kohl­haase, der »Billy Wilder des Ostens«, machte daraus ein Kammerspiel über die deutsche Schuld. In einer Szene, die in einer polnischen ­Gefängniszelle für deutsche Kriegsverbrecher spielt, streiten sich An­gehörige der Wehrmacht, SS, Reichsbahn, Polizei, Juristen und ein Fahrer der »Gas-Wagen« über das Maß ihrer Verantwortung.

Als ein Klassiker der Filmkunst gilt immer noch »Ich war neunzehn« von Konrad Wolf von 1968 (Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase). Wolf verarbei­tete darin seine Erfahrungen, die er als junger Soldat der Roten Armee in den Kämpfen um Berlin 1945 sammelte. Die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus wird nicht als pathetisches Heldenepos, sondern als nüchterner Antikriegsfilm inszeniert. Wolf brach dabei ein Tabu und thematisierte andeutungsweise die Vergewaltigungen von Frauen und Racheakte durch Rot­armisten.

Es scheint, dass sich Wolf bei vielen Themen mehr herausnehmen konnte als alle anderen Defa-Regisseure. Dabei spielte nicht nur sein internationales Ansehen als Regisseur eine Rolle. Wolf war als Präsident der Akademie der Künste zwischen 1965 und 1982 auch ein hoher Kulturfunktionär. Sein Vater Friedrich Wolf war schon in der Weimarer Republik ein berühmter kommunistischer Schriftsteller und Arzt gewesen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden der Vater und die ganze ­Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ausgebürgert; sie mussten Jahre im sowjetischen Exil verbringen. Konrad Wolfs Bruder Markus leitete zwischen 1952 und 1986 den Auslandsnachrichtendienst im Ministerium für Staatssicherheit.

Konrad Wolf thematisierte in seinen Filmen mehrfach das schwierige Verhältnis von Künstlern zu Staat und Gesellschaft. In »Goya – oder der arge Weg zur Erkenntnis« von 1971 – nach einem Roman von Lion Feuchtwanger – kämpft der Maler, hin- und hergerissen zwischen Mut und Opportunismus, für seine Kunst und gegen die spanische Inquisition. Die Geschichte kann durchaus politisch verstanden werden. In der Tragi­komödie »Der nackte Mann auf dem Sportplatz« (1974, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase) versucht ein Bildhauer mit begrenztem Erfolg, Arbeiter zu überreden, als Akt für eine Statue eines nackten Mannes Modell zu stehen und sich für abstrakte Kunst zu begeistern. Ein großer Erfolg in Wolfs »Künstler-Trilogie« war der Film »Solo Sunny« (Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, 1980). Schonungslos gegen sich selbst und andere kämpft sich darin die nonkonformistische Schlagersängerin Sunny ihren Weg durch das Leben. »Solo Sunny« wurde zum Kultfilm, weil das Publikum darin ein Gegenmodell zum eigenen Alltag sah, in dem sich Stagnation und Krise der DDR-Gesellschaft schon deutlich zeigten.

»Solo Sunny« stand in der Tradition des Genres der Defa-»Frauenfilme«, das sich in den Siebzigern etabliert hatte. Die Defa-Schauspielerinnen gehörten zu den großen Stars der DDR. In den »Frauenfilmen« wurden gesellschaftliche Konflikte im Arbeits- und Familienalltag gezeigt und durchgespielt. Zumeist verkörperten Frauen darin den gesellschaftlichen Fortschritt; trotz männlicher oder familiärer Ansprüche und Erwartungen verwirklichen sie ihre Ideale. Scheidungen und Alleinerziehende waren in Defa-Filmen Normalität. Schließlich gehörte die Scheidungsrate in der DDR damals zu den weltweit höchsten.

»Bis daß der Tod euch scheidet« (Regie: Reiner Carow) von 1979 zeigte den Gegensatz zwischen dem Ideal der gleichberechtigten, harmonischen sozialistische Ehe und einer Hölle aus männlicher Gewalt mit Kontrollwahn und sexuellen Übergriffen. »Unser kurzes Leben« (Regie: Lothar Warneke, 1981), die Verfilmung des Schlüsselromans »Franziska ­Linkerhand« von Brigitte Reimann, ist die Geschichte einer jungen ­Architektin, die freiwillig auf die Baustelle einer grauen Neustadt in die Provinz geht. Sie lässt sich weder von fehlgeschlagenen Liebesbeziehungen, Bürokratie noch von der Mangelwirtschaft entmutigen. Für die Filmschaffenden war die Geschlechterfrage keineswegs ein »Nebenwiderspruch«, der sich im Sozi­alismus automatisch lösen würde. »Frauenfilme« der Defa wurden ­allerdings in der Regel von männlichen Regisseuren gedreht. Zumindest in der technischen Produktion ­waren Frauen deutlich stärker vertreten als in der Regie.

Zutreffend ist, dass im System der staatlichen geplanten Filmproduktion auf Grund der Zensur und Kontrolle durch die SED vieles nicht möglich war. Über 30 Jahre nach der »Abwicklung« der Defa lohnt sich jedoch ein Blick auf die großartigen Filme, die trotz oder gerade wegen des »Kulturstaates« DDR produziert werden konnten. Nicht nur Cineasten sollten sich diese Filme kritisch aneignen.