Der Serie »Halston« über den Modedesigner Roy Halston Frowick fehlt das Laszive

Der Jockstrap-Effekt

Die Miniserie »Halston« über Roy Halston Frowick hätte ein frivoles Fest werden können, doch die Macher erzählen das Leben des ­Modeschöpfers ziemlich fade.

Roy Halston Frowick, der junge, schwule Mann aus dem betulichen Des Moines, Iowa, den es in den fünfziger Jahren mit großen Modeträumen nach New York City zog, ist mittlerweile nur noch unter dem Namen Halston bekannt. Das ist durchaus folgerichtig, denn seit Jackie Kennedy bei der Inauguration ihres Mannes einen Pillbox-Hut aus Frowicks nach seinem Mittelnamen ­benannter Kollektion trug, machte das junge Design­talent Furore. Die traditionell snobistische Riege europäischer Modezaren kochte derweil vor Wut.

Während die ökonomische Geschichte des Modelabels Halston in der Serie immer klarer umrissen wird, verschwindet die Figur Halston dahinter immer mehr.

Der junge amerikanische Aufsteiger entwarf schnörkellose, körperbetonte Stücke, die nicht nur Stars wie Lauren Bacall, Liza Minnelli und Bianca Jagger trugen. Zu Beginn der Achtziger machte Halston seine Mode mit niedrigeren Preisen auch für die Durchschnittsamerikanerin erschwinglich. Spitzenmode für die Massen? Das sorgte für Anfeindungen. Während der Erfolg ihm recht gab, litt sein Ruf in Modekreisen. Wie gut, dass es in Manhattan das Studio 54 gab, wo der Modestar im Kreis von Andy Warhols Entourage seinen angekratzten Künstlernimbus wieder aufpolieren konnte.

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Halstons US-amerikanischer Habitus des self-made man, seine unprätentiösen, aber eleganten Designs, das New York der Siebziger und Achtziger mit all seinen Ausschweifungen: Das kann doch nur gelingen, wenn man diese Geschichte für das Fernsehen adaptiert, und dann noch als fünfteilige Miniserie, die das delikate Material nicht für kommende Staffeln bis zur absoluten Fadheit strecken muss. Doch das Resultat ist dann doch am meisten das: fad.

Gut zwei Drittel der Laufzeit der kürzlich bei Netflix erschienenen ­Serie »Halston« nehmen ermüdende Business-Meetings und Meditationen über Selbstzweifel vor dem Badezimmerspiegel in Beschlag. Wiederholt schubst die Regie (Daniel Mina­han) eine bemitleidenswerte Nebenfigur ins Bild, die mit ernster Miene dem Designtalent übermitteln muss, dass die Firma in Gefahr sei. Das geht etwa drei Stunden lang so, bevor das Studio 54 zum ersten Mal seine Pforten öffnet und bereits nach 20 Minuten screen time für immer schließen wird – zumindest in der Serie. Bianca Jagger auf einem Schimmel in den Club einreitend: Man kennt das Foto dieser Szene mittlerweile ganz gut, und doch fiel den Machern der Serie (deren Kopf Ryan Murphy ist, bekannt für seine Serien »Nip/Tuck« und »American Horror Story«) nichts Besseres ein, als es einfach nachzustellen. Der Episodentitel lautet bezeichnenderweise »The Party’s Over«, und man fragt sich unweigerlich, wann die Party denn eigentlich angefangen hat.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier als bedeutsam verkauft werden soll, was zumindest dem realen Halston als absolut bedeutungslos gegolten haben muss. Heraus kommt eine bieder-brave Mahnung an alle Jungunternehmer und Modeikonen von morgen, die sich etwa so zusammenfassen lässt: Bitte keine exzessiven Partys, bitte verkauft euch nicht willfährig an Unternehmen, die Mode von der Stange anbieten, lasst eure Liebhaber keine Sexvideos von euch drehen, kurzum: Bewahrt euch eure künstlerische Integrität durch ausreichend Selbstdisziplin. Dass immer auch die gesellschaftliche Gegenwart miterzählt, wer historische Stoffe verfilmt, ist gewissermaßen unausweichlich – ihnen die starren Maßstäbe der Gegenwart regelrecht aufzudrücken, lässt hingegen verkümmern, was an der Vergangenheit so verführerisch erscheint.

»Nothing exceeds like excess«, bekannte Michelle Pfeiffer in der Rolle von Elvira in Brian De Palmas »Scarface« von 1983: Nichts ist großartiger als der Exzess. Der so schillernde wie polarisierende Halston hätte Pfeiffers Figur sicher zugestimmt. Denn der Modeschöpfer verkörperte zeitlebens (er starb 1990) regelrecht diesen Exzess auf allen Ebenen. Seine Designs, aus snobistischer Perspektive maßlos US-amerikanisch-lässig, seine Förderung der in der Modewelt jener Jahre unterrepräsentierten schwarzen Laufstegmodels (darunter Iman, die spätere Ehefrau David Bowies) genauso wie sein Hunger nach Callboys und seine Cruising-Streifzüge durchs nächtliche New York erschienen der feinen Gesellschaft unerhört maßlos.

Die Serie registriert das zwar hin und wieder, schaut aber lieber weg, denn sie fühlt sich augenscheinlich unwohl damit, was ihre Hauptfigur da so treibt. Abgesehen von zwei netten Cruising-Szenen wird beim Sex züchtig abgeblendet. Die frühe Bekanntschaft von Halston und Joel Schumacher, der im Lauf der acht­ziger Jahre ein bekannter Regisseur werden sollte, wird auf eine Standpauke des Meisters an den heillos verdrogten und wenig arbeitsamen Schüler Schumacher heruntergebrochen.

Nach einem kurzen Intermezzo in Halstons Unternehmen begann der echte Joel Schumacher eine oft unterschätzte Hollywood-Karriere. Aus seiner Homosexualität machte er nie ein Geheimnis und verstand es wie wenige andere, im Gewand des Hollywood-Blockbusters immer wieder völlig ungezügelte und kontroverse Filme zu drehen. So etwa »Falling Down« (1993) mit Michael Douglas, eine Studie über die irrationale Wut der weißen Mittelklasse, oder auch seine schwule Batman-Operette »Batman&Robin« (1997). Dass die Serie Schumacher nach Halstons Rüge einfach verschwinden lässt, obwohl beide einander in Wirklichkeit freundschaftlich verbunden blieben, spricht Bände. Wenn Schumacher und Halston tatsächlich so etwas wie Seelenverwandte waren, dann insofern, als dass beide keinerlei Berührungsängste mit der Massenkultur hatten und mit dieser geschickt zu spielen wussten.

Was die Serie in der zweiten Hälfte als traurigen Ausverkauf eines ehemals erhabenen Künstlers erzählt, könnte für Halston bloß ein weiteres maßlos-lässiges Schelmenstück gewesen sein. Das möchte die Serie sich freilich nicht eingestehen, verrät es aber beinahe doch. Der Brite Ewan McGregor, der als Halston mit sichtlicher Hingabe gegen die erdrückende Last eines schalen Biopics anspielt, findet sich in einem doch ganz guten Werbeclip plötzlich hundertfach ­reproduziert im selben Frame wieder. Die Stimmen dieser unzähligen Halston-Doppelgänger amplifizieren sich zu einem schnatternden, kakophonischen Stimmengewirr.

Während also die ökonomische Geschichte des Modelabels Halston in der Serie immer klarer umrissen wird, verschwindet die Figur Halston dahinter immer mehr. Sie taucht unter in einem Meer der eigenen Replikationen, serialisiert sich und entwindet sich so der ermüdenden Schwerpunktsetzung der Serie. McGregor muss das absolut bewusst ­gewesen sein, denn er nimmt diesen Ball dankend auf und spielt ihn weiter. Immer häufiger wirkt er, als suche er panisch nach einem Fluchtweg aus den Set­kulissen, verlässt im Minutentakt, stets die glimmende Zigarette in der Hand, schockiert oder genervt den Raum, zetert, er könne so nicht arbeiten.

Wonach ihm, der Figur Halston, eigentlich der Sinn stünde, offenbart eine andere von zwei, drei guten Szenen. Als Halston 1975 sein erstes Parfüm auf den Markt bringen will, bekommt er von der Parfümeurin »Hausaufgaben«, wie er es mit ­gequältem Lächeln ausdrückt. Er soll Proben dreier seiner Lieblingsgerüche zum nächsten Meeting mitbringen. Seine Auswahl hat es in sich, denn er kehrt zurück mit Orchideen, Tabak und dem getragenen Jock­strap seines Liebhabers. Sie zögert erst, riecht dann aber doch am ­Jockstrap und ist wie verzaubert. Er grinst, und das Parfüm wird ein ­Verkaufsschlager.

Gerade in ihren lichten Momenten wie dieser Szene offenbart sich das Scheitern der Serie. Es hätte alles so extravagant und sinnlich, so grenzüberschreitend und maßlos frivol sein können. Stattdessen wurde es fade, und doch scheint in der Serie hin und wieder eine Ahnung dessen auf, was möglich gewesen wäre.

Vom Madeleine-Effekt spricht man, wenn bestimmte Gerüche und Geschmäcker einen ganz unvermittelt mit Sehnsucht und Erinnerungen an vergangene, vermeintlich oder tatsächlich glücklichere Zeiten erfüllen. Was in Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« das französische Feingebäck Madeleine war, ist in »Halston« jene Winzigkeit Stoff, der Jockstrap seines venezolanischen Lovers Victor Hugo – der hieß tatsächlich so. Alles perdu, alles müßig, das ist der Hauptfigur gegen Ende der Serie unwiderruflich klar geworden. Als ihm wieder einmal ein bemitleidenswerter Nebencharakter schlechte Neuigkeiten überbringen muss – es geht um negative Besprechungen seiner Kollektion –, winkt Halston/McGregor schon wissend ab: »Reviews don’t matter.«

»Halston« (USA 2021) kann bei Netflix ­gestreamt werden.