Wie die Singularität der Shoah von Rechten, Linken und Islamisten in Frage gestellt wird

Kein Antisemitismus, nirgends

Wie im Historikerstreit der Achtziger wird bei den jüngsten Demonstrationen gegen Israel die Singularität der Shoah in Frage gestellt. Selbst Demonstranten aus dem islamistischen Milieu weisen Antisemitismus von sich und gerieren sich als Kritiker des Zionismus und Kolonialismus. Diese Strategie kennt man schon von Linken.

So manche Argumentation der gegenwärtigen »Israelkritik« ähnelt auf verblüffende Weise jener der schuldabwehrenden und konservativen Historiker in der achtziger Jahre. Insbesondere in den postkolonialen ­Debatten über »multidirektionale Erinnerung« und im Zuge des israel­bezogenen Antisemitismus bei den jüngsten antiisraelischen Demonstrationen wird immer wieder versucht, die Besonderheit der Verbrechen der Deutschen an den europäischen ­Juden in Frage zu stellen, zu vergleichen, zu relativieren.

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Im sogenannten Historikerstreit stellte der konservative Historiker Ernst Nolte im Jahr 1986 in der FAZ die These auf, dass die Ermordung von sechs Millionen Juden maßgeblich als »Reflex der begründeten Bolschewismus-Furcht Hitlers« zu verstehen sei. Die von Nolte for­cierte Schuldabwehr im Zuge einer Historisierung des Nationalsozialismus begleitete die von Helmut Kohl (CDU) propagierte »geistig-moralische Wende« und diente der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen. Dem Nationalsozialismus sollte durch die Suggestion, die deutschen Konzentrationslager seien als Reak­tion auf eine angebliche kommunistische Gefahr errichtet worden, ein episodenhafter Charakter im Verlauf der Geschichte zugewiesen werden.

Während der Schuldabwehrantisemitismus der Konservativen in den achtziger Jahren die Shoah zu einer Reaktion auf »den Bolschewismus« umdeutete, wird auf den heutigen »propalästinensischen« Demonstrationen das Feindbild Israel bemüht.

Auch wenn das sowjetische Gulag-System vehemente Kritik verdient, müssen die Naziverbrechen vor dem Hintergrund der Erkenntnis erinnert werden, dass der Nationalsozialismus singulär war und nicht mit dem Stalinismus gleichzusetzen ist. Obwohl in der Menschheitsgeschichte immer wieder Genozide begangen worden sind, lassen sich anhand der Gedanken des Shoah-Überlebenden Jean Améry die Spezifika des deutschen Terrors aufzeigen. In seiner Essaysammlung »Jenseits von Schuld und Sühne« brachte er den Nationalsozialismus als die »Herrschaft des Gegenmenschen« auf den Begriff.

Der Entmenschlichung auch in Stalins Lagern zum Trotz erweist sich Holocaust als ein darüber hinausgehendes, singuläres Menschheitsverbrechen jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Die Massenvergasungen von Juden hatten kein »äußeres Ziel«, sie waren, so der Historiker Moishe Postone, »sich selbst Zweck – es ging um eine Vernichtung um der Vernichtung willen«.

Der Versuch, den singulären Charakter der deutschen Verbrechen zur Disposition zu stellen, findet sich ferner bei einem Ereignis, das in der deutschen Linken größtenteils in Vergessenheit geraten ist. Vor 36 Jahren, am 5. Mai 1985, kam es in der Bundesrepublik Deutschland zur sogenannten Bitburg-Kontroverse. Nachdem Bundeskanzler Kohl zusammen mit dem US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg Kränze niedergelegt und damit auch 49 Angehörige der Waffen-SS geehrt hatte, kam es zu Protesten von jüdischen Überlebenden. Dabei trugen sie Banner mit den Slogans »Don’t honor SS-murderers«, »Never again« und »Why, Mr. President? Why are you visiting a cemetery where members of the SS are buried?«. Durch die gleichzeitige Ehrung von Opfern und Tätern – auch in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen legten Reagan und Kohl am selben Tag Kränze nieder – wurde der Holocaust, so der Historiker Dan Diner, »an den Gräbern von Wehrmachts- und SS-Soldaten in Analogie zum Ersten Weltkrieg zu einem zwar beklagenswerten, aber letztendlich doch normalen historischen Ereignis verfälscht«.

Über drei Jahrzehnte nach dem Historikerstreit und der Bitburg-Kon­troverse versuchte der Philosoph Achille Mbembe im Jahr 2020, den fab­rikmäßigen und penibel organisierten Massenmord an den europäischen Juden in eine lange Reihe ko­lonialistischer Verbrechen einzuordnen. Damit reproduzierte er zwar nicht den Schuldabwehrantisemitismus Noltes, betrieb aber doch die ­Relativierung der NS-Verbrechen. Das macht es seinem Denken unmöglich, den modernen Hass auf Juden adäquat zu erfassen. Das zeigte sich bereits im Jahr 2015 im Sammelband »Apartheid Israel. The Politics of an Analogy«. In seinem Beitrag für den Band schrieb Mbembe, die »Okku­pation von Palästina« sei der »größte moralische Skandal unserer Zeit«, was nicht nur die Verbrechen mörderischer Regime auf der ganzen Welt verharmlost, sondern auch Israel dämonisiert.

In den vergangenen Wochen eskalierten in Deutschland antisemitische Proteste. Oft wurden, zum Beispiel vor einer Synagoge in Gelsen­kirchen, offen antisemitische Parolen gerufen, insbesondere aber ­erlebte der israelbezogene Antisemitismus eine Renaissance. Während der Schuldabwehrantisemitismus der Konservativen in den achtziger Jahren die Shoah zu einer Reaktion auf »den Bolschewismus« umdeutete und man sich später von einer angeblichen »Moralkeule Auschwitz« ­bedrängt fühlte, über die sich der Schriftsteller Martin Walser 1998 ­beklagte, wird auf den heutigen »propalästinensischen« Demonstrationen das Feindbild Israel bemüht. Postkoloniale Ideen werden mit Hilfe von Parolen wie beispielsweise »From the River to the Sea – Palestine will be free« dafür eingesetzt, die Beseitigung des jüdischen Staats zu propagieren; Israel wird unter antirassistischen und antikolonialen Vorzeichen delegitimiert und dämonisiert.

Der israelbezogene Antisemitismus unterliegt jedoch einem diskursiven Wandel und äußert sich oftmals nicht mehr über den Umweg eines manichäischen, antiimperialis­tischen Weltbilds. Der neue israelbezogene Antisemitismus, darauf wies Deniz Yücel kürzlich in seinem Welt-Artikel »Die Metamorphosen des Antisemitismus« hin, sei »nicht vulgär, sondern state of the art: postko­lonial, antirassistisch, gendergerecht«. Auch wenn während der Demons­trationen offen antisemitische Sprech­­­chöre wie »Kindermörder ­Israel« ­gerufen wurden, ging es den Protestierenden, so Yücel, darum, sich gegen den Antisemitismusvorwurf zu immunisieren.

Folglich handelte der Aufruf zu einer Demonstration in Berlin von der Befreiung von Zionismus, »Besatzung« und einer angeblichen »Jewish supremacy«. Der von einigen Demonstranten erhobene Vorwurf, Israel gehe mit den Palästinensern so um wie die Nazis mit den Juden, erinnert an die Gleichsetzungsversuche der Totalitarismustheoretiker in den Achtzigern und ist heute anschlussfähig an linke wie an islamistische Positionen. Derlei, konkret die Gleichsetzung von Warschauer Ghettomauer und Berliner Mauer, hatte Améry bereits in »Jenseits von Schuld und Sühne« kritisiert; nun wurde auf den jüngsten antiisraelischen Kundgebungen das Warschauer Ghetto mit dem Gaza-Streifen (»Freiluftgefängnis«) in einem Atemzug genannt.

Nicht nur auf der Straße, sondern auch im Rahmen öffentlicher Antisemitismusdebatten ist die Frage, ob man Israel kritisieren dürfe, wieder en vogue. Angesichts der vielen öffentlichen Äußerungen selbsternannter Nahostexperten wirkt die zumindest implizite Behauptung, es gebe ein Verbot der Israelkritik, nicht nur absurd, sondern auch wie ein geschicktes Kalkül. Zu dem Schrecken, den Hamas und andere Terrororganisationen verbreiten, schweigen sich diese Kommentatoren aus, kritisieren dann aber umso härter, wenn Israel sich gegen die Angriffe verteidigt.

Bereits Anfang Mai hatte sich Fabian Wolff in der Zeit unter dem Titel »Nur in Deutschland« zur Antisemitismusdebatte und der Kritik an ­Israel geäußert. Weitgehend frei von Argumenten, dafür aber mit starker Betonung seiner jüdischen Identität und autobiographischen Anekdoten, versuchte der Kulturjournalist seine Leser davon zu überzeugen, dass es »Teil der deutschen Seele« sei, Israel zu lieben. Deswegen sehe sich auch die jüdische Bevölkerung von den deutschen »Antiantisemiten« beziehungsweise »Philosemiten« dazu ­gedrängt, eine israelfreundliche Position zu vertreten.

Wolff unterschlug glatt, dass die Mehrheit der Juden in Deutschland Israel tatsächlich als Schutzraum und Zufluchtsort vor antisemitischer Gewalt sieht. Ganz anders seien ­seine linken israelischen oder jüdischen Freunde in den USA, von denen er immer wieder spricht. Diese sagten unverkrampft und offen heraus, dass der Staat Israel »auf rassistischer und kolonialistischer Gewalt gegenüber Palästinenser*innen ­basiert«. Wolff lässt offen, ob er diese Meinung teilt, und macht sich nicht die Mühe zu erklären, warum es nicht antisemitisch sein soll, dem einzigen jüdischen Staat die Schuld für den Konflikt mit den Palästinensern ­zuzuweisen.

Allein die jüdische Identität seiner Freunde soll als Beleg für seine Thesen reichen. Dieses Beharren auf dem jüdischen »Sprechort« bleibt das Einzige, was die Behauptungen in seinem Text unterfüttert. Der Essay wartet mit einem Tonfall moralischer Brüskierung auf, der keinerlei inhaltliche Kritik duldet. Neben seinen persönlichen Eindrücken ist in Wolffs Text kein Platz mehr für Fakten oder Belege, er liefert keinen sinnvollen Beitrag zu Bekämpfung des Antisemitismus, schon gar nicht des Antisemitismus auf den Demonstrationen der vergangenen Wochen, denn er sieht jüdisches Leben in Deutschland ausschließlich von Rechten bedroht: »Was bedroht mein Leben als Jude? Incelnazis wie in Halle und Hanau, Polizeinazis wie vom NSU 2.0, Bundeswehrnazis wie im Hannibal-Netzwerk, Querdenker-Nazis mit gelben ›Ungeimpft‹-Sternen und Waffen.«

Wolff nimmt Antisemitismus nur dann wahr, wenn er von Rechten ausgeht. Damit ignoriert er den modernen, »hippen« israelbezogenen Antisemitismus. Angesichts der Mobs von vermeintlichen Palästina-Freunden, die durch deutsche Städte marschierten, unter anderem »Scheiß­juden« riefen und Synagogen mit Steinen attackierten, ist das eine bornierte Haltung.