Im Film »The Scary of Sixty-First« geht es um Verschwörungstheorien

WG in der Hölle

Bei der Berlinale feierte »The Scary of Sixty-First« Premiere, das Regiedebüt der umstrittenen politischen Podcasterin Dasha Nekrasova. Der Film widmet sich dem Thema Verschwörungstheorien auf geradezu groteske und provokante Weise.

Die belarussisch-US-amerikanische Schauspielerin Dasha Nekrasova ist vor allem bekannt geworden durch den verrufenen Podcast »Red Scare«, den sie seit 2018 gemeinsam mit der in Moskau geborenen Kulturkritikerin Anna Khachiyan betreibt. Oft der US-amerikanischen dirtbag left (Linke, die Populismus mit Obszönität mischt) zugeordnet – zu der aber keine der beiden wirklich gehören möchte –, reden Nekrasova und Khachiyan darin über US-Politik, Popkultur, Identitätspolitik oder den aktuellen Tratsch der New Yorker Lower East Side.

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»Red Scare« – benannt nach dem überschäumenden Antikommunismus der US-Politik in den fünfziger Jahren – nimmt dabei in der Regel eine materialistische linke Position ein, sucht aber, mal mehr, mal weniger ironisch, die Nähe zu Positionen der Alt-Right und populistischen Themen wie der Kritik an political correctness. Bei »Red Scare« wird zum Beispiel der Begriff »retard« (in etwa: Zurückgebliebener; abwertend: Dorftrottel) noch verwendet, sowohl im deskriptiven Sinne als auch dem des Schulhofslang. Ähnlich wie die Alt-Right – die Hufeisentheorie lässt grüßen – steht auch die dirtbag left dem (links)liberalen Establishment feindselig gegenüber, dessen Zugehörige sie abschätzig als »Libtards« (Portmanteau aus »liberals« und »retards«) bezeichnen. »Wokeness« ist der dirtbag left ein Dorn im Auge.

Zur US-amerikanischen Diskussion über »grooming« (sexuelle Beziehungen Jüngerer zu älteren und machtvolleren Partnern) und das Schutzalter – es gibt einige Stimmen, die sogar Anfang 20jährigen die psychische Kapazität für sexuelle Selbstbestimmung absprechen – passt »The Scary of Sixty-First«, ein Film, der den Skandal um Jeffrey Epstein und seine Verstrickung in einen Ring, der den Missbrauch von Minderjäh­rigen organisierte, zum Thema macht. Regie führte Nekrasova, Weltpremiere feierte er bei der Berlinale.

Gefilmt auf blassem und körnigem 16mm-Material, laut Pressetext in­spiriert vom italienischen Giallo und gespickt mit zahlreichen Anspielungen auf die Filmgeschichte, verwebt Nekrasova die kursierenden wilden Verschwörungstheorien über den Investmentbanker Jeffrey Epstein und seinen Tod in Haft 2019 zu ­einem ungewöhnlichen Psychohorrorfilm. Zwei junge Frauen, die naiv-infan­tile Addie (Betsey Brown) und Noelle (Madeline Quinn), die eine harte Kindheit hinter sich hat, landen gemeinsam in einer dubiosen Wohnung in New York City, und ganz im Stile der Apartment-Trilogie von Roman Polanski nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Es wird nicht viel über die Protagonistinnen gesagt, außer dass sie aus unterschiedlichen Gründen nach ihrem gemeinsamen Studium in einer finanziell prekären Lage sind – und »poverty is a mindset«.

Schon am Anfang wird klar, dass es sich hier um ein surreales Setting handelt: Die mondän möblierte Wohnung in bester Lage mit einem (kaputten) Flügel im Wohnzimmer wäre für die Protagonistinnen eigentlich unbezahlbar. In die Euphorie der beiden mischt sich daher auch schnell eine dunkle Vorahnung, dass hier etwas nicht stimmt, und in der Diskussion, wer welches Zimmer bekommt, zeigt sich der tiefe Riss zwischen den beiden Bewohnerinnen, der sich auch in ihren entgegengesetzten Weltsichten offenbart. Dieser Bruch vertieft sich mit dem Auftritt einer namenlosen mephistophelischen Figur, gespielt von Nekrasova selbst, die vorgibt, eine Mitarbeiterin des Maklerbüros zu sein, um sich Zutritt zur Wohnung zu verschaffen und nach einigem Lavieren Noelle in das dunkle Geheimnis der Wohnung einweiht: Sie wurde von Epstein für seine Orgien benutzt.

Die Frauen finden über ihren Ekel und ihre Empörung wieder zueinander und begeben sich – von der Unbekannten angestachelt – auf eine amphetamingetriebene paranoide Suche nach Verschwörungshinweisen auf der Website Reddit (»Reddit is for bottom feeders, but it has some good threads«) und an den realen Schauplätzen des Skandals in New York.

Addie wird von Alpträumen geplagt und ihr Freund Greg nimmt ihre Ängste nicht ernst. Sowieso ist Greg ein interessanter Nebencharakter: In einem Copyshop angestellt, interessiert er sich mehr für ein hypersexualisiertes Spiel auf seinem Handy als für seine Freundin; er verkörpert den angepassten, desensibilisierten, vom realen Leben entfremdeten Typus Mensch, an dem ein Skandal wie der um Epstein abperlt, ohne eine Regung auszulösen.

Erst als Addie, die immer mehr von infantil-sexuellen Neigungen beherrscht wird, ihm in Anlehnung an Epsteins »Lolita Express« (so nannte er seinen Privatjet) beim Sex zuruft: »Fuck me like we’re on a plane (…) a Boeing 727 (…) fuck me like I’m 13«, erlebt Greg so etwas wie den Einbruch einer äußeren Realität. Später gipfelt Addies dämonische Sexhysterie in einem wahnwitzigen Ritual, das Memorabilia von Prinz Andrew und Früchte involviert – solche Szenen sind es denn auch, die einige Rezensenten dieser Low-Budget-Produktion aufs Äußerste anzuwidern schienen und zu sehr wüsten Bewertungen führten.

Es geht in dem Film, entgegen manchen Kritiken, gar nicht so sehr um die Verschwörungstheorie an sich als vielmehr um die psychologischen und sozialen Umstände, die solche Theorien hervorbringen.

Manche scheinen schon das Ansprechen einer Verschwörungstheorie als befürwortende Verbreitung zu werten – und ignorierten die klar vorhandene inhaltliche Metaebene bewusst oder unbewusst. Denn es geht in dem Film, entgegen manchen Kritiken, gar nicht so sehr um die Verschwörungstheorie an sich als vielmehr um die psychologischen und sozialen Umstände, die solche Theorien (manchmal mit wahrem Kern) hervorbringen, und um die Frage, was eine solcherart projektive Wahrnehmung der Welt bei Menschen hervorrufen kann.

Im Charakter der von Nekrasova gespielten Unbekannten beispielsweise verschwimmen mehrere dramaturgische Elemente: Natürlich ist ihre Namenlosigkeit auch ein solches, genauso aber verweist sie auf die Obsession der realen Nekrasova mit den Verschwörungstheorien über Epstein, denen sie nach dem häufig angezweifelten Selbstmord des Milliardärs anhing. Sie ging so weit, sogenannte »Epstein Truther Meetups« mitzuorganisieren und lückenlose Aufklärung zu fordern. Und auch »Red Scare«-Co-Host Khachiyan – deren Partner, der Experimental-Schlagzeuger Eli Keszler, den Filmsoundtrack beisteuerte – hat einen Cameoauftritt als Doppelgängerin von Ghislaine Maxwell, Epsteins ­Geschäftspartnerin, die wegen Mittäterschaft angeklagt ist.

Keine wirkliche Distanz zu zeigen und nicht klar Position zu beziehen, ist auch ein Markenzeichen des Podcasts »Red Scare«, der schon so unterschiedliche Gäste hatte wie Glenn Greenwald, Slavoj Žižek, Steve Bannon oder den wegen Verbreitung von unzähligen abstrusen Verschwörungstheorien bekannten Medienwissenschaftler Mark Crispin Miller. ­Gerade bei den beiden Letztgenannten gab es viele, die von den Gastgeberinnen eine harte, kritische Haltung forderten.

Weil sie Distanz zum politischen System der USA wahren (Nekrasova zeigte allerdings deutliche Sympathien für Bernie Sanders) – und vermutlich auch geprägt durch ihre Kindheit auf dem Gebiet der eben kollabierten Sowjetunion –, können die Podcasterinnen Dinge ansprechen oder andere aussprechen lassen, wie es andere nicht können: Steve Bannon bei einem nur lose moderierten Monolog über seine Weltanschauung zuzuhören, zeigt dessen Paranoia unter Umständen anschaulicher, als ein verhörartiges Interview es vermöchte.

Eine inhaltliche Auflösung, ein eindeutiges Ende bleibt auch bei »The Scary of Sixty-First« aus, und wenn die namenlose Agentin die Worte »We’re already in hell« spricht, schließt sich auch der Kreis zu »Red Scare« – die Abschiedsformel des Podcasts lautet stets »See you in hell«. Wen diese Attitüde nicht abschreckt oder abstößt, den wird »The Scary of Sixty-First« gut unterhalten.

The Scary of Sixty-First. USA 2021. Buch: Dasha Nekrasova und Madeline Quinn. Regie: Dasha Nekrasova. Darsteller: Betsey Brown, Madeline Quinn, Dasha Nekrasova.
Der Film wird im Rahmen der Berlinale am 19. und 20. Juni gezeigt.