Flämische Nationalisten idealisieren den rechtsextremen Elitesoldaten Jürgen Conings

Der Staatsfeind als Idol

Am Montag wurde die Leiche des rechtsextremen belgischen Elite­­soldaten Jürgen Conings gefunden. Er war wochenlang gesucht worden, nachdem er Mitte Mai untergetaucht und zum Idol von Nationalisten, Identitären und Coronaskeptikern avanciert war.

Am Ende war es fast schon schnöde: An einem Sonntagmorgen im Juni nimmt der Bürgermeister der Kleinstadt Maaseik beim Mountainbiken im Wald Verwesungsgeruch wahr. Er folgt dem Geruch und findet die Leiche des meistgesuchten Mannes Belgiens. Jürgen Conings, der untergetauchte 46jährige Elitesoldat, war wochenlang von Hunderten Polizisten und Militärs gesucht worden. Allein das Verteidigungsministerium hatte das Durchkämmen des nahen Nationalparks Hoge Kempen 650 000 Euro gekostet. Am Montag verkündete die belgische Staatsanwaltschaft, Conings habe sich selbst getötet, mit einer der bei seiner Leiche gefundenen Waffen.

Seine Fans stilisierten Conings zu einer Mischung aus Robin Hood und Rambo, der sich im Namen des Volkes gegen eine korrupte, elitäre Regierung stellt.

Wegen seiner rechtsextremen Kontakte und Online-Aktivitäten stand Conings schon vor seinem Verschwinden auf einer Liste potentieller Gefährder der belgischen Antiterrorbehörde OCAD. Der langjährige Berufssoldat hatte den bekannten Virologen Marc Van Ranst mit dem Tod bedroht und befand sich offenbar in einer psychischen Krisensituation. Das Ende des Falles, der das Land seit Mitte Mai in Atem gehalten hatte, deutete sich an, als Anfang Juni ein Rucksack gefunden wurde, der, so die Staatsanwaltschaft, »zu 80 bis 90 Prozent sicher« ­Conings gehörte. Der Inhalt: Munition, unter anderem für eine Maschinenpistole, Psychosemedikamente, eine Überlebensration Essen, Signalleuchtkugeln.

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Als Conings Mitte Mai verschwand, kündigte er in einem Abschiedsbrief an, er wolle nicht in »einer von Politikern und Virologen regierten Gesellschaft« leben. Deshalb begebe er sich »in den Widerstand« gegen »das Regime«. In seiner Kaserne in Leopoldsburg deckte er sich mit der Begründung, an einem Schießtraining teilzunehmen, mit großkalibrigen Waffen ein. Laut Angaben der Kaserne waren darunter eine Maschinenpistole und vier Raketenwerfer. Letztere wurden kurz darauf in seinem Auto in einem Waldgebiet gefunden.

Seitdem herrschte in dem Gebiet der Provinz Limburg, wo Conings vermutet wurde, immer wieder der Ausnahmezustand. Wiederholt kam es zu Suchaktionen, die Polizei errichtete Straßensperren, manche besorgte Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Zudem hat der Fall erhebliche politische Implikationen. Es stellt sich die Frage, wie eine Person, die auf einer Gefährderliste der Terrorismusbehörde stand, legal Zugang zu Kriegswaffen haben konnte.

Das belgische Parlament debattierte bei Redaktionsschluss noch über einen 35seitigen Bericht des Verteidigungsministeriums. Wie die Tageszeitung Le Soir berichtet, sei die interne Stelle zur Observierung von Extremismus unterbesetzt und von einer unerfahrenen Person geleitet worden. Nicht sonderlich beruhigend ist auch ein Beschluss der Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder im Mai: Nach dem Verschwinden Conings’ ist elf weiteren Militär­angehörigen der Zugang zu Waffen­depots und vertraulichen Informationen entzogen worden, weil sie intern wegen rechtsextremer Gesinnung und entsprechenden Verbindungen unter Beobachtung standen.

Conings war ausgebildeter Scharfschütze und hatte mehrere Auslandsmissionen absolviert. Er hatte es vermutlich auf den so bekannten wie umstrittenen Virologen Marc Van Ranst abgesehen, den er schon zuvor mit dem Tod bedroht hatte. Am Abend seines Verschwindens wurde er bei dessen Haus gesehen. Seitdem lebte der Virologe mitsamt seiner Familie an einem geheimen Ort.

An Conings’ Feindbild Van Ranst zeigt sich, worin der womöglich bedeutendste gesellschaftliche Effekt dieses Falles liegt. Van Ranst ist Leiter des Labors für Klinische und Epidemiologische Virologie an der Katholischen Universität Leuven, er hatte die belgische Regierung in der Pandemie beraten. Kritikerinnen und Kritiker der belgischen Coronabekämpfung machen ihn oft für die harten Einschränkungen des öffentlichen Lebens verantwortlich – und für den bisweilen wenig stringenten Kurs, dem die Verordnungen folgten.

So weit, so bekannt – Ähnliches gibt es in der Debatte über Covid-19-Gegenmaßnahmen in den meisten Ländern. Selbst dass Van Ranst im Lauf der Pandemie diverse Todesdrohungen bekam, ist ein Schicksal, das er mit Kollegen im Ausland teilt. »Ich bin die Bedrohungen satt, aber leider gewöhnt man sich auch daran«, sagte Van Ranst dem niederländischen Rundfunksender NOS. In seinem Fall kommt hinzu, dass Van Ranst der postmarxistischen Parti du travail/Partij van de Arbeid (PTB/PVDA) nahesteht, was auch weithin bekannt ist. Auf seine Expertentätigkeit hat dies zwar keinerlei inhaltlichen Einfluss gehabt – wohl aber auf den Hass, der ihm vor allem online entgegenschlägt und für den der Militärangehörige Conings das extremste Beispiel darstellt.

Belgien ist politisch stark polarisiert. Das Ergebnis der Parlamentswahlen 2019 zeigt, dass der frankophone Landesteil eher nach links neigt, der niederländischsprachige eher nach rechts. So bekamen die beiden flämisch-na­tionalistischen Parteien, die bürgerliche N-VA und der rechtsextreme Vlaams Belang, zwar gemeinsam fast die Hälfte aller flämischen Stimmen, sind jedoch beide nicht in der in Brüssel regierenden Siebenparteienkoalition. Das stärkt in flämischen Landesteilen eine Stimmung der Fundamental­opposition, was sich im weitverbreiteten Slogan »Nicht meine Regierung« ausdrückt, der längst zum geflügelten Wort geworden ist.

»Nicht meine Regierung« verweist auf die Kluft zwischen dem großen flämisch-nationalistischen, rechts wählenden Teil der Bevölkerung und der Regierung in Brüssel. Diese war schon vor der Coronakrise tief und ist seither noch tiefer geworden. Deshalb steht zu befürchten, dass der Fall Jürgen Conings eine Dynamik der Radikalisierung in Gang setzt, die bis weit über die Pandemie hinaus zu spüren sein könnte: Der Mann, der als Staatsfeind Nummer eins galt, ist zugleich zum Idol Zehntausender Unzufriedener geworden – sie idealisieren den einzelnen Mann, der sich dem Zugriff der Staatsgewalt entzieht.

Deutlichstes Indiz dafür war die ­Facebook-Gruppe »Als 1 achter jürgen« (etwa: Vereint hinter Jürgen), die Ende Mai von Facebook entfernt wurde, bis dahin aber in kurzer Zeit fast 50 000 Mitglieder erreicht hatte. »Rettet Jürgens Leben« stand als Gruppen­information obenan. Ihren Mitgliedern galt Conings offenbar als heldenhafter Soldat und vorbildlicher Patriot, der sein Leben für sein Land einsetzte, dann von posttraumatischem Stress geplagt war und, statt psychologische Hilfe zu bekommen, das Ziel einer völlig überzogenen Treibjagd wurde.

Seine Fans stilisierten Conings zu einer Mischung aus Robin Hood und Rambo, einem Helden, der sich im Namen des Volkes gegen eine korrupte, elitäre Regierung stellt. Folglich haben sie »Jürgen« massenhaft Unterschlupf angeboten. Man erklärte sich soli­darisch und stellte Kerzen für ihn ins Fenster. Mehrfach gab es auch Soli­daritätsmärsche in der Nähe seines Wohnorts, an denen freilich nur wenige Hundert Menschen teilnahmen.

Womöglich besitzt die Figur Conings ein beachtliches Potential, zum Märtyrer einer Bewegung zu werden, die sich in der Grauzone zwischen Konservatismus, Rechtsextremismus, Verschwörungsglauben und Coronaskepsis formiert. Seine Umtriebe in der extremen Rechten waren für seine Anhängerschaft zumindest kein Grund, sich nicht mit ihm zu solidarisieren – oder sie wurden einfach umgedeutet. Ein Kommentierender schrieb in der inzwischen geschlossenen Facebook-Gruppe gar: »Ich bin links, wenn ich schon eine politische Entscheidung treffen muss. Aber eigentlich sollten wir all diese Bezeichnungen abschaffen … Links und rechts haben denselben Feind. Unsere Art, etwas anzugehen, unterscheidet sich. Mehr nicht.«

Die belgische Zeitung De Tijd zitiert dazu den Kulturwissenschaftler Ico Maly von der Universität Tilburg: »Die Gruppe ist sehr divers. Was sie vereint, ist das Gefühl, Opfer zu sein. Von Corona, von der Linken, von traditionellen Parteien, der sich verändernden Gesellschaft. Und all das kommt zusammen in einer Figur: Jürgen Conings.«

Wie brandgefährlich und potentiell mörderisch diese Dynamik ist, zeigte sich Ende Mai, als die belgische Polizei einen 50jährigen Rechtsextremisten festnahm. Der Mann war zuvor als vermisst gemeldet worden und hatte Drohungen gegen Van Ranst geäußert. Kurz zuvor war das Gebäude des Me­dienverlags De Persgroep in Antwerpen wegen einer nicht näher benannten Drohung evakuiert worden. Später wurde bekannt, dass sich offenbar eine Gruppe niederländischer Rechtsextremisten auf dem Weg dorthin befunden hatte. Sie versprachen sich Informationen zum Aufenthaltsort Van Ransts. Dieser sei dem Medienkonzern bekannt, werde aber geheimgehalten.

Vor diesem Hintergrund ist wenig überraschend, dass der Tod Conings’ nun in den entsprechenden Kreisen um­gedeutet wird. Auf sozialen Medien kursieren seit Sonntag Gerüchte, Conings sei vom belgischen Staat umgebracht worden, weil er »zu viel wusste«. Auch fingierte Online-Artikel über eine vermeintliche Verhaftung, die ­inzwischen wieder »entfernt« worden seien, wie geraunt wurde, tauchten auf. Am Sonntagabend kamen rund 140 Menschen vor Conings’ Haus zusammen, legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Stiefelnazis waren nicht dabei, die trauernde Fangemeinde wirkte auf­fallend bürgerlich. Auf dem Boden lag eine flämische Fahne.