Das pandemiebedingte Homeschooling zieht viele Probleme nach sich

Hurra, hurra, die Schule beginnt

Kaum ein Bereich der Gesellschaft war vom jüngsten Lock­down so lange betroffen wie die Schulen. Für die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte war es eine herausfordernde Zeit.

Endlich! Viele atmeten auf, als die Hamburger Schulen nach dem monatelangen zweiten Lockdown zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie Ende Mai den Präsenzunterricht wiederaufnahmen.

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»Die Luft beim Homeschooling war definitiv raus. Wir konnten Videokonferenzen nicht mehr sehen«, sagt die 13jährige Emilia der Jungle World. Sie besucht in Hamburg ein Gymnasium und gehört einem der Jahrgänge an, die am längsten von der Schulschließung betroffen waren: Die siebten Klassen blieben im Fernunterricht, während die sechsten, zehnten und zwölften Klassen an den Gymnasien schon wieder in einem Wechselmodell in die Schule gingen.

Mit viel Engagement hat der Lehrer Sh.* versucht, den Kontakt zu seinen Schülerinnen und Schülern zu halten. Oft im Telefongespräch, wenn deren Internet-Datenvolumen wieder einmal ausgeschöpft war.

Der Unterricht von zu Hause aus barg viele Probleme. Zum Beispiel konnte man in einer Zoom-Konferenz leicht die Kamera ausschalten und sich anderen Dingen widmen. »Ich habe viel mit einer Freundin zusammen gelernt. Bei den Videokonferenzen haben wir oft etwas anderes gemacht. Es war anstrengend, stundenlang vor dem Rechner zu sitzen«, so Emilia.

Ihre 12jährige Freundin Lina sagt: »Ich bin froh, wieder in die Schule gehen zu können, Freundinnen zu treffen und nach der Schule ein Eis zu essen.« Auch ihr hat der Fernunterricht irgendwann nicht mehr gefallen: keine richtigen Begegnungen mit anderen Menschen, abbrechende Video-Streams und einsames Brüten über den Aufgaben. Die Freundinnen sind sich einig, dass »echte Schule« fehlte. Zwar hielt die Freude nach der Wiedereröffnung nur kurz an, denn die Länge der Schultage hatten die beiden in ihrer Erinnerung verdrängt. Trotzdem bewerten sie ein normales Schulleben deutlich positiver als den digitalen Distanzunterricht.

Der 13jährige Younis, der eine Stadtteilschule im Hamburger Westen besucht, hatte sich nicht vorstellen können, dass er die Schule einmal vermissen würde. »In den ersten Wochen des Lockdowns habe ich den Wegfall der Schule einfach nur gefeiert. Ich konnte viel mit meinem Skateboard unterwegs sein und fand das großartig«, erzählt der Achtklässler. Dann wurden die Wochen aber doch lang und zäh. Aufgaben fielen ja dennoch an, und Younis fiel es schwer, die notwendige Disziplin dafür aufzubringen. Alleine lernen ist doof, so sein Fazit. Er hat sich dabei ertappt, dass er den Schulbeginn dann auch »gefeiert« hat.

Doch nicht nur Schülerinnen und Schüler freuten sich auf einmal auf die Schule. Vielen Lehrerinnen und Lehrern ging es ähnlich. »Man kann sich das als jemand, der nicht Lehrer ist, wahrscheinlich nicht vorstellen, aber der Distanzunterricht war weitaus anstrengender als der normale Präsenzunterricht«, sagt Evangelos Sh.* Der 29jährige Lehrer erzählt enorm gestresst von seiner Arbeit an einer Hamburger Stadtteilschule. Sie liegt in einem der ärmeren Viertel, viele Schülerinnen und Schüler benötigten während der Schließung ein hohes Maß an individueller Betreuung.

Zu vielen der Schülerinnen und Schüler verlor Sh. den Kontakt beinahe gänzlich. Sie hatten kein W-Lan zu Hause oder kein ausreichendes Datenvolumen auf ihren Handys oder Tablets, um an den Videokonferenzen teilzunehmen und das Material abzurufen. Mit viel Engagement hat er dennoch versucht, den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern zu halten und sie zu unterstützen. Oft im persönlichen Telefongespräch, wenn deren Datenvolumen wieder einmal ausgeschöpft war. Seine Arbeitsstunden hat er irgendwann nicht mehr gezählt.

Christian R.* ging es im besser situierten Stadtteil Bergedorf ähnlich. Der 52jährige Lehrer arbeitet dort an einem Gymnasium und erlebte die Phase des Lockdowns als die anstrengendste in seinem bisherigen Berufsleben. »Ich unterrichte in verschiedenen Klassen und Stufen. Insgesamt sind es weit über 100 Schüler«, erzählt er. »Davon waren einige in Präsenz, einige im Wechsel und wieder andere nur im Distanzunterricht da. Und für alle musste ich für die unterschiedlichen Kanäle Aufgaben und Unterricht bereitstellen.« Gerade die Schülerinnen und Schüler, die zu Hause lernten, benötigten viel individuelle Zuwendung. An vielen Tagen endete der Arbeitstag erst am späten Abend.

Erschwerend kam hinzu, so R., dass die behördlichen Vorgaben sich sehr schnell änderten: vom Distanz- zum Wechselunterricht und zurück. Dem Pädagogen schwirrte oft der Kopf. Er mache den Verantwortlichen keinen Vorwurf, denn die Pandemie erfordere oft ein besonders flexibles und schnelles Handeln. Sich immer wieder neuen Regularien anzupassen, habe sich im Alltag aber oft wie eine Sisyphosarbeit angefühlt.

Trotz diesen Schwierigkeiten sind sich alle Befragten einig: Die »Generation Corona« sei mitnichten eine verlorene. Zwar berichten gerade die Schülerinnen und Schüler von psychischen Belastungen. »Andererseits weiß ich jetzt, wie Videokonferenzen funktionieren«, sagt Emilia. Und Younis ­ergänzt, er könne jetzt definitiv einige Tricks mehr mit seinem Skateboard. Schließlich solle man fürs Leben lernen.

* Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.