In der Massentierhaltung entstehen neue Viren, die auf Menschen übergreifen

Gefahr aus dem Stall

Intensive Tierhaltung begünstigt die Entstehung neuer Krankheiten. Bei der Politik zur Bekämpfung des Coronavirus spielt das keine Rolle – obwohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits seit Jahrzehnten vor den Gefahren warnen.

Das neuartige Coronavirus kam für viele überraschend. Doch bei Sars-CoV-2 handelt sich nur um eine von vielen sogenannten Zoonosen, deren Zahl seit Jahrzehnten immer weiter steigt. Drei Viertel aller neu auftretenden für den Menschen gefährlichen Infekte sind solche Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen und andersherum übertragen werden können; das stellte bereits 2001 eine Metastudie der Universität Edinburgh fest. Zu den bekanntesten zählen HIV, EHEC (E. coli), BSE und Toxoplasmose. Sars-Cov-2 ist nur das jüngste Glied in der Reihe – aber sicher nicht das letzte.

Die Auslöser kommender Epidemien entstehen vermutlich bereits in diesem Moment.

So erinnert die Covid-19-Pandemie an die drängende Frage, was die Ursachen für die vermehrte Entstehung solcher Krankheiten sind. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat im Juli 2020 in einem Bericht die Erkenntnisse von Forscherinnen und Forschern der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Welternährungsorganisation (FAO) zusammengefasst. Das Fazit ist eindeutig: Bereits seit Jahrzehnten wird davor gewarnt, dass die massenhafte industrielle Tierhaltung und die damit einhergehende Umwelt- und Lebensraumzerstörung durch Monokulturen und anderweitig veränderte Landnutzung die Hauptfaktoren bei der Entstehung und Verbreitung von Zoonosen seien. Hinzu komme die Gefahr einer Übertragung von Krankheitskeimen durch den Konsum von Wildtierfleisch. »Bestimmte Tierhaltungsformen (können) grundsätzlich eine vi­rale Zoonose begünstigen«, heißt es im Bericht. Gemeint ist damit, dass die mangelnde genetische Vielfalt der heutzutage verwendeten Nutztierrassen, ihre zuchtbedingte Anfälligkeit für Erkrankungen und nicht zuletzt die Haltungsbedingungen – hohe Besatzdichte, mangelhafte Belüftung, Tonnen von keimbelasteten Exkrementen – Tierbetriebe mit ihren Tausenden von Insassen zu perfekten Brutstätten für neue, aggressive Krankheitserreger machen.

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Ein bekanntes Beispiel ist die sogenannte Schweinegrippe, deren Auslöser, ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1, wahrscheinlich in einem Mastbetrieb aus einer Kombination von Influenzaviren von Schweinen, Vögeln und Menschen entstanden ist. Auch die als Spanische Grippe in die Geschichte eingegangene Pandemie, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, führt die Forschung auf Nutz­tiere in der Schweine- oder Geflügelzucht im US-amerikanischen Bundesstaat Kansas zurück. Das HI-Virus, der Auslöser der Immunschwächekrankheit Aids, übertrug sich wahrscheinlich durch den Verzehr von infiziertem Affenfleisch.

Wie das Coronavirus entstanden ist, ist noch nicht eindeutig geklärt. Die seit einigen Wochen erneut kursierende Vermutung, das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan, bleibt ohne stichhal­tige Beweise reine Spekulation. Ein Untersuchungsteam der WHO, das mehrere Monate in China nach dem Ursprung des Virus gesucht hatte, kam zu dem vorläufigen Schluss, dass es höchstwahrscheinlich von lebenden Tieren auf Menschen übergesprungen ist.

Es ist vor allem die Intensivtierhaltung, die die Entstehung neuer Krankheiten begünstigt. Annika Graaf und Timm Harder vom Institut für Virusdiagnostik des Friedrich-Loeffler-Instituts wiesen kürzlich darauf hin, dass heutige Schweinemastbetriebe geradezu prädestiniert seien, neue Influenzaviren hervorzubringen, da in vielen der immer größer werdenden Ställe die Schweinegrippe seit Anfang der nuller Jahre nicht nur saisonal im Winter, sondern das ganze Jahr über vorkomme. Impfungen für Nutztiere und Betriebspersonal seien deshalb das erste Gebot.

Andere Forschende schwärmen von einem optimalen »Stallmanagement«, das die Gefahr reduzieren könne. Doch nicht nur Tierrechtler und Tierrechtlerinnen wissen, dass dieses Management in erster Linie in der vorbeugenden Verabreichung von ­Medikamenten besteht. Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent aller weltweit verabreichten Antibio­tika werden in Tierfa­briken ­eingesetzt. So entstehen multiresistente Keime, ­gegen die schon heute kaum noch Reserveantibiotika zur Verfügung stehen (Jungle World 20/2021).

Der Entstehung von Zoonosen wirksam vorbeugen ließe sich durch ein Ende der Intensivtierhaltung. »Eine artgerechtere Haltung in kleineren Populationen würde die Gefahr der Entstehung und Ausbreitung neuer ge­fährlicher Typen des Influenzavirus ver­mutlich deutlich verringern«, so der Tropenmediziner Thomas Löscher bereits im September 2009 während der H1N1-Pandemie. Ähnliche Empfehlungen liest man auch in der Zusammenfassung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace und überall dort, wo Klimawandelleugner und Unternehmensinteressen nicht den Ton angeben.
Radikale Tier- und Umweltschützer und -schützerinnen prophezeien, dass die Plünderung des Planeten das Ende menschlichen Lebens zur Folge haben werde.

Auch wenn man solch apokalyptischen Vorhersagen nicht folgen mag, stellt die der Kapitalvermehrung dienende Massentierhaltung die Menschheit ohne Zweifel vor Probleme. Bis 2050 wird Schätzungen zufolge eine auf zehn Milliarden angewachsene Weltbevölkerung die Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten nahezu verdoppeln. Solche Mengen lassen sich nicht auf umweltverträgliche Weise produzieren. Bereits jetzt ist der Ressourcenverbrauch durch Tierhaltung enorm und verursacht irreparable Schäden unter anderem durch Entwaldung. Auf dem Großteil der durch die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds freigewordenen Fläche grasen Rinder.

Die Waldzerstörung trägt ebenfalls zur Entstehung von Zoonosen bei, stellte schon 2016 ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) fest. Die kleineren und fragmentierten Waldgebiete bringen Wildtierpopulationen im doppelten Sinn an ihre Grenzen. Kontakte mit Menschen nehmen zu, und mangelnde Rückzugsorte zwingen Wildtiere dazu, immer weiter in die dichtbesiedelten urbanen Räume vorzudringen – hervorragende Bedingungen für das Überspringen von Viren und anderen Krankheitserregern.

Doch politische Lösungen, um Klimawandel, Artensterben und der Gefahr globaler Pandemien entgegenzuwirken, fehlen bisher. Selbst die Grünen wollen offenbar vor der Bundestagswahl keinen Widerwillen provozieren, indem sie das Thema auf die Tagesordnung setzen. Von Fleischverzicht oder »Veggiedays« hört man dieser Tage wenig, obwohl die grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast im Mai 2020 im Bundestag eine Ernährungswende gefordert hatte. »Wir müssen anders leben, anders wirtschaften und uns anders ernähren«, sagte sie in einer Plenardebatte und plädierte für mehr Bioanbau sowie regionale Verarbeitung und Vermarktung. Doch seit Anfang 2021 konzentriert sich die Partei auf Forderungen nach Beschränkung des Wildtier- und des Pelztierhandels, während sie das Hygienemanagement in europäischen Ställen und Schlachtbetrieben als herausragend lobt.

Die FDP verspricht sich unter dem Zauberwort monitoring neben der fortlaufenden Sequenzierung von Viren eine goldene Zukunft für Hersteller von Medikamenten und Stallüberwachungssystemen. Von der AfD kommt antiasiatischer Rassismus in Form der perfiden Feststellung, in Deutschland würden »eher weniger Fledermäuse und Schimpansen« gegessen. Das 130 Milliarden Euro schwere Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung schließlich enthält kaum etwas zu Klima- und Umweltschutz, dabei wäre es geboten, die Fördermittelvergabe – auch die regulären landwirtschaftlichen Subventionen der EU – an strenge Umweltstandards zu koppeln.

Ohne eine Umstellung auf eine weitgehend tierfreie und umweltverträgliche Landwirtschaft ohne Megaställe und Vernichtung natürlicher Lebensräume werden zoonotische Krankheiten weiter zunehmen. Vegan werden muss die Menschheit deshalb nicht, doch ohne eine Verringerung des Fleischkonsums wird es auch nicht gehen. Es müsste 60 Prozent weniger Fleisch gegessen werden, um Bio-Anbau überall verwirklichen zu können, so Tobias Bandel, der Gründer der Umweltschutz-Beratungsagentur Soil & More Impacts. Würde zudem nicht jedes zweite landwirtschaftliche Produkt im Müll landen, müssten nicht einmal die Preise steigen. Die Zeit drängt: Die Auslöser kommender Epidemien entstehen vermutlich bereits in diesem Moment. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis sie viral gehen.