Kristin Ross’ Buch »Luxus für alle« über die Pariser Kommune

Von den Klubs auf die Barrikaden

In ihrem neuen Buch untersucht Kristin Ross die Pariser Kommune, allerdings nicht vorrangig das Ereignis selbst, sondern die Kommune als Katalysator der kommunistischen Idee.

In nichtrevolutionären Zeiten, so ging einmal das Sprichwort unter Revo­lutionären, lese man ein gutes Buch. Gemeint war natürlich nicht irgendein Buch, sondern das Buch: Marx’ »Kapital«. Falsch war diese Devise nicht, und sie hat die Kritik der politischen Ökonomie in vielerlei Hinsicht bereichert. Nur der sozialen Revolution hat das emsige Studium der blauen Bände offensichtlich nicht auf die Sprünge geholfen. Immerhin, an den Universitäten gab es einen Bedarf an ausgefeilter Marxologie, der zumindest einigen verhinderten Revolutionären das Auskommen sicherte.

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Das scheint sich in den vergangenen Jahren geändert zu haben. Zumindest ist Marx dort, wo man die vertagte Revolution mit der eigenen Karriere unter einen Hut zu bringen sucht, im Kurs gefallen. Man hält sich heutzutage eher an Antonio Gramsci, gibt sich hegemonietheoretischen Planspielen hin, schmiedet »breite Bündnisse«, redet einem linken ­Populismus das Wort und ficht den Kampf um das Bewusstsein der Massen so routiniert wie isoliert als einen Kampf um Fördermittel. Und so klappern die Mühlen der linken Kulturwissenschaftsindustrie in ­ruhigem Trott, während die Perspektive einer Gesellschaft, die sich ihrer Produktionsmittel ermächtigt, um sie gemeinschaftlich und vernünftig zu verwalten, als Grundlage radikaler Gesellschaftskritik zusehends in den Hintergrund rückt.

Ross lässt ihre Darstellung nicht erst am 18. März 1871 beginnen, sondern schildert zunächst das Milieu der republikanischen Klubs, in denen die Idee einer kommunalen Selbstverwaltung bereits seit 1869 leb­haft debattiert wurde.

Viel Anlass zu der Hoffnung, dass sich die Menschheit der Zumutungen des Kapitalismus auf einen Schlag entledigen werde, um selbstbewusst zu einer höheren ökonomischen Ordnung voranzuschreiten, bietet der Lauf der Dinge ja auch tatsächlich nicht. Allerdings erscheint auch die Rede von der nichtrevolutionären Zeit gehörig in die Jahre gekommen zu sein, wenn man das Weltgeschehen in Betracht zieht. Waren die vergangenen Jahrzehnte doch nicht nur durch eine radikale Umverteilung von unten nach oben gekennzeichnet, sondern auch durch einen weltumspannenden Zyklus von Streiks und Arbeitskämpfen, sozialen Bewegungen, die eine ungewohnte Kraft entfalten konnten, geglückten Staatsstreichen und generell der Erosion dessen, was als Nachkriegsordnung die Grundlage jener nichtrevolutionären Zeit gebildet hat, die nun vielleicht hinter uns liegt.

Die Sache ist jedenfalls in Bewegung gekommen, und während sich eine Weltwirtschaftskrise – beschleunigt durch ein neues Coronavirus und die Unfähigkeit der kapitalistisch verfassten Staaten, adäquat auf diese Bedrohung zu reagieren – unerbittlich Bahn bricht, steht der gute alte Reformismus mit dem Rücken zur Wand und vor allem mit leeren Händen da. Ob sich das alles auf einen Nenner, und gar den einer revolutionären Gesamtentwicklung, bringen lässt, ist mehr als fraglich. Aber es lässt sich auch nicht abstreiten, dass es gewaltig kracht im Gebälk und dass die Perspektive einer sozialdemokratischen Einhegung der Unruhen und Kämpfe, die meist unvorhergesehen vielerorts entbrennen, nicht einfach durch die Ideologie des sogenannten Neoliberalismus verstellt ist, sondern aufgrund der sich rasant beschleunigenden Krisendynamik nicht zu verwirklichen sein dürfte. Ein Zurück zur alten Ordnung jedenfalls ist kaum vorstellbar; eine organisierte revolutionäre Überschreitung des Status quo zeichnet sich allerdings ebenso wenig ab. Der Griff zum ­guten Buch scheint also nach wie vor angezeigt.

Angesichts der großen Unruhe, die da herrscht, gewinnen jedoch Bücher an Bedeutung, die weniger an der abstrakten Frage ansetzen, wie man das revolutionäre Bewusstsein endlich in die Köpfe der Menschen bekommt, als vielmehr von der konkreteren Frage ausgehen, wie sich das Bewusstsein der Menschen in Momenten verändert, in denen vertraute Ordnungen unversehens kollabieren und so die Probleme einer ­gemeinschaftlichen Güterproduktion und -verteilung, einer demokratischen Entscheidungsfindung und nicht zuletzt der Abwehr konter­revolutionärer Gewalt akut werden.

Ein in diesem Sinne gutes und noch dazu sehr schönes Buch hat die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Kristin Ross bereits 2015 vorgelegt, das nun unter dem Titel »Luxus für alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune« auf Deutsch erschienen ist. Aus der Flut der Jubiläumsliteratur sticht der schmale Band zum einen durch seinen Gegenstand – eben das »Denken der Kommunarden«, nicht die poli­tische Ereignisgeschichte – hervor, sowie zum anderen durch den historiographischen Ansatz, den Ross wählt, wenn sie an Walter Benjamin anschließend behauptet, »dass es Momente gibt, in denen bestimmte Ereignisse und Kämpfe der Vergangenheit in den Gestaltungsmöglichkeiten der Gegenwart wieder lebendig werden«. Dabei denkt die Autorin vor allem an die Welle von Platzbesetzungen, die seit 2010 um die Welt ging. Der Kampf um den öffentlichen Raum wurde zur politischen Praxis einer Generation, deren Bedürfnis nach einem Umsturz der vorgefundenen Verhältnisse sich unmittelbar in der Tat, der Besetzung nämlich, manifestierte, ohne dass dieser Tat ein ausgeklügelter Plan zugrunde läge oder ein zähes Ringen um ideologische Hegemonie vorausgegangen wäre.

Es ist diese Erfahrung, die Ross als Schlüssel für die Ideenwelt von 1871 dient, denn »Taten bringen Träume und Ideen hervor, nicht umgekehrt«. Und wird die politische und ideologische Vorgeschichte der Commune nur sehr rudimentär und rasch abgehandelt. Zwar lässt Ross ihre Darstellung nicht erst am 18. März beginnen, dem Tag also, an dem die Regierungstruppen bei dem Versuch scheiterten, ihre Kanonen aus Montmartre abzutransportieren, sondern schildert zunächst das Milieu der ­republikanischen Klubs, in denen die Idee einer kommunalen Selbstverwaltung bereits seit 1869 lebhaft debattiert wurde. Aber sie wertet diese Debatten nicht als das diskursive Vorspiel des eigentlichen Ereignisses, sondern bereits als Teil desselben: die aufrührerische Rede von »La Commune war zugleich eine Losung und die Sache selbst«.

Der Weg von den Klubs auf die Barrikaden gestaltet sich folgerichtig weniger als konzise Entwicklung denn als Sprung, und die republikanischen Diskussionen gehen nahtlos in Zwiegespräche bei der nächtlichen Wachablösung nach erfolgter Revolution über, um sich dann in der rückblickenden Verarbeitung der Ereignisse fortzusetzen. Weder die Vor- noch die Nachgeschichte werden also vom Ereignis abgetrennt, sondern bilden zusammen mit ihm ein Ganzes.

Hier zeigt sich die Stärke der historiographischen Methode, die Ross wählt, denn es gelingt ihr, das Geschehen durch eine programmatische Distanzlosigkeit im Zugriff auf das historische Material zu vergegenwärtigen: In einem sorgsam geknüpften – und zurückhaltend kommentierten – Netz aus Gesprächen und Erinnerungen, politischen Reden, zeitgenössischen Beobachtungen und rückblickenden Analysen tritt die Ideenwelt der Pariser Kommune als ein Gespinst aus Chaos und Hoffnung, Spontanität und Entschlossenheit, Überraschung, Emanzipation, Erschöpfung und schließlich Fassungslosigkeit vor die Augen einer Leserschaft, die sich zumindest für ­einige Stunden dem verführerischen Gedanken hingeben darf, dass sich der Horizont der Gegenwart unver­sehens lichten könnte, um den Blick auf das ganz andere freizugeben.

Dass diese Vergegenwärtigung gelingt, liegt nicht allein an Ross’ historischem Einfühlungsvermögen, sondern ist auch in der Sache selbst begründet: Die verblüffende Aktualität der communistischen Ideen und ihrer Wirklichkeit erlaubt es der Autorin, im Modus der Konstellation ein ­lebendiges Gegenbild zur spätkapitalistischen Verheerung zu rekonstru­ieren, das vergangene Erfahrung im Lichte gegenwärtiger Hoffnung erstrahlen lässt und das fassungslose Entsetzen angesichts der blutigen Niederschlagung der Commune als gegenwärtige Verzweiflung greifbar macht. Ein gutes Buch also für Leute, die in einer Gedankenwelt, die entstanden ist, als das Kontinuum der menschenunwürdigen Geschichte für einen flüchtigen Moment zerrissen ward, so dass man zur Tat schreiten konnte, nicht nur einen historischen Gegenstand erkennen, sondern auch ein uneingelöstes Versprechen.

Kristin Ross: Luxus für alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune. Aus dem Englischen von Felix Kurz. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021, 203 Seiten, 20 Euro