Akademisches Ghostwriting ist eine beliebte Dienstleistung

Schreiben und schreiben lassen

Zahlreiche Agenturen bieten akademisches Ghostwriting an. Politiker­innen und Unternehmer, aber auch Pflegestudierende lassen wissenschaftliche Arbeiten von anderen schreiben.

Wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben, kostet Zeit. Wer über ausreichend Geld verfügt und bereit ist, ein gewisses Risiko einzugehen, kann sich diese Zeit sparen. Für fast jedes Thema lassen sich Autorinnen und Autoren finden, die bereit sind, die betreffenden Arbeiten zu schreiben. Das behaupten zumindest die zahlreichen Agenturen, die akademisches Ghostwriting anbieten. Manche arbeiten nach eigenen Angaben mit Hunderten freier Autorinnen und Autoren zusammen.

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Die Jungle World hat vorige Woche unter falschem Namen bei vier größeren Agenturen angefragt, ob diese bis Ende September eine 60seitige Masterarbeit zum Thema »Zur Soziologie des Fußballs« schreiben könnten; die Fragestellung sei vom Ghostwriter zu entwickeln. Eine Agentur antwortete nach weniger als zehn Minuten, die Arbeit könne binnen 21 Tagen geliefert werden, als Ghostwriter stünden ein promovierter Fachautor, ein habilitierter Fachautor und ein emeritierter Professor zur Verfügung. Der letztgenannte werde die Arbeit für 4 845,78 Euro schreiben, die anderen beiden Angebote sind günstiger. Der Preis beinhalte eine Plagiatsprüfung.

»Unter unseren Kunden befinden sich Unternehmer, Politiker und Personen des öffentlichen Lebens mit hohem Einkommen.« Piotr Snuszka, Ghostwriting-Agentur BAS Business and Science GmbH

Die anderen Agenturen verlangen mehr Geld, wirken allerdings auch seriöser. Eine fordert zum Beispiel 5 760 Euro für die angefragte Arbeit, zu zahlen in Raten, Lieferung bis 20. September. Dafür bietet sie eine kostenfreie und anonyme Telefonkonferenz mit dem Ghostwriter oder der Ghostwriterin. Erst nach erfolgreicher Vorbesprechung und anschließender Auftragserteilung werde die erste Rate fällig. Die Arbeit werde in drei Teilen geliefert, jeder Lieferschritt sei »mit einer kostenlosen Korrekturschleife verbunden«. Zudem behauptet die Agentur nicht nur vage, dass sie eine Plagiatsprüfung vornehmen werde, sondern gibt an, mit der bekannten Plagiatssoftware Plagscan zu arbeiten.

Anna* arbeitet seit etwa acht Jahren als freie Mitarbeiterin für eine Agentur, die akademisches Ghostwriting anbietet. Im Gespräch mit der Jungle World erzählt sie, sie habe Philosophie sowie Germanistik studiert und nach dem Studium als Lektorin gearbeitet, zunächst bei einer Tageszeitung, dann in der Belletristikabteilung eines Verlags. Nach dem Umzug in eine andere Stadt sei sie eine Zeitlang in der Pflegebranche tätig gewesen, danach sei ihr der Wiedereinstieg ins Verlagswesen nicht gelungen. Ein namhafter Verlag habe ihr lediglich ein unbezahltes Praktikum geboten. Das habe sie sich nicht leisten können und nach jahrelanger Berufserfahrung auch nicht leisten wollen. Bei der Suche nach Arbeit sei sie  eher zufällig auf die Agentur gestoßen, für die sie noch immer tätig sei. Anfangs habe sie fast ausschließlich als Ghostwriterin gearbeitet, inzwischen nehme sie nur noch gelegentlich Aufträge an.

Anna schätzt, dass sie rund 80 Haus-,  Bachelor- und Masterarbeiten in un­terschiedlichsten Fächern geschrieben hat. Inzwischen verdiene sie damit durchschnittlich 15 Euro pro Stunde. Für eine Hausarbeit von zehn bis zwölf Seiten gebe es bei ihrer Agentur rund 450 Euro. Die meisten Arbeiten habe sie für Leute in Wirtschafts- oder Pflegestudiengängen geschrieben. Sie vermutet, dass viele ihrer Auftraggeberinnen und Auftraggeber bereits beruflich tätig sind und kaum Zeit haben, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. Bei den Pflegestudierenden habe sie zudem den Eindruck, dass viele kaum Erfahrungen mit dem wissenschaftlichen Arbeiten hätten und dieses auch nicht richtig lernten.

Studiengänge wie Pflegemanagement oder Pflegewissenschaft gibt es immer häufiger, meist an Fach- und privaten Hochschulen, oft bauen sie auf einer Pflegeausbildung auf. Seit Anfang vorigen Jahres gibt es neben der Pflegeausbildung ein grundständiges Pflegestudium als zweiten Zugangsweg zum Pflegeberuf neben der Ausbildung. Beides ist Ausdruck einer fortschreitenden Akademisierung des Arbeitsmarkts: Immer mehr Menschen studieren, auf dem Arbeitsmarkt gibt es entsprechend immer mehr Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gab es 1990 rund 1,7 Millionen Studierende in Deutschland, 2019 waren es knapp 2,9 Millionen. 2013 begannen hierzulande erstmals mehr Menschen ein Studium als die für Deutschland typische duale Berufsausbildung.

Menschen, die oft bereits eine Ausbildung absolviert haben, studieren Fächer, die es bis vor wenigen Jahren noch gar nicht gab, teils, weil es erwartet wird, teils, weil sie sich bessere Verdienstmöglichkeiten erhoffen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass es zahlreiche Agenturen gibt, die mit akademischem Ghostwriting ihr Geld verdienen. Wer neben dem Studium 20 Stunden pro Woche arbeitet, bereits Kinder hat und das Ziel hat, nach dem Bachelorabschluss ein paar Hundert Euro mehr auf dem Konto zu haben, wird wohl eher bereit sein, mehrere Tausend Euro in eine Abschlussarbeit zu investieren als die 25jährige Philosophiestudentin, die von den Eltern oder einer politischen Stiftung finanziert wird und es sich leisten kann, semesterlang über Immanuel Kants »Kritik der reinen Vernunft« nachzudenken.

Zur Kundschaft von Ghostwriting-Agenturen gehören allerdings offenbar auch Mitglieder gesellschaftlich führender Gruppen. »Unter unseren Kunden befinden sich Unternehmer, Politiker und Personen des öffentlichen Lebens mit hohem Einkommen, die zwar die Kompetenz besitzen, eine wissenschaftliche Arbeit zu erstellen, sich aber aus zeitlichen Gründen für das Outsourcing entscheiden«, teilt Piotr Snusz­ka auf Anfrage der Jungle World mit. ­Er ist Geschäftsführer der BAS Business and Science GmbH, einer Berliner Agentur, die unter anderem akademisches Ghostwriting anbietet. Seine Agentur, so Snuszka, erhalte viele Anfragen für wirtschafts-, rechts- und sozialwissenschaftliche Arbeiten. Viele Politikerinnen und Politiker haben die entsprechenden Fächer studiert: Dem Stellenportal Indeed zufolge haben zum Beispiel rund 21 Prozent der Bundestagsabgeordneten ein rechts- und etwa 14 Prozent ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert, kein Studienfach ist häufiger vertreten.

Eine Person des öffentlichen Lebens, die jemand anderen ihre Abschlussarbeit schreiben lässt, riskiert, an Reputation zu verlieren. Wie jeder andere auch muss sie damit rechnen, exmatrikuliert zu werden und ihren Titel zu verlieren. Zudem muss man bei der Abgabe eine eidesstattliche Versicherung über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung ab­geben; hier droht eine Geldstrafe oder eine Haftstrafe bis zu drei Jahren.

Doch akademisches Ghostwriting ist schwierig zu entdecken. Auf Anfrage der Jungle World teilten mehrere Mitglieder oder Vorsitzende von Kommissionen zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an deutschen Universitäten mit, dass ihnen keine Fälle von akademischem Ghostwriting an ihrer Hochschule bekannt seien. Ein Kommissionsmitglied, das nicht namentlich zitiert werden möchte, weil es sich »nicht mit Kollegen anlegen« will, schrieb: »Das Problem des ›Ghostwriting‹ existiert meines Erachtens nur in Massenfächern, wo Hinz und Kunz mit Doktortiteln verziert werden, die nur auf Arbeiten beruhen, welche weitestgehend aus unwissenschaftlichem Gelaber bestehen.«

Daran dürfte zumindest richtig sein, dass es in Fächern, in denen wenige Lehrende sehr viele Studierende betreuen, schwieriger sein dürfte, zu bemerken, wenn eine Arbeit nicht selbst geschrieben wurde. Die RWTH Aachen teilte auf Anfrage der Jungle World mit, wissenschaftliche Arbeiten seien »ein Baustein eines Gesamteindrucks und der fällt auf, wenn er mit dem restlichen Eindruck nicht einhergeht«. Doch dieser Gesamteindruck kann wohl kaum entstehen, wenn Lehrende jedes Semester Hunderte Studierende zu betreuen haben und Abschlussarbeiten aus diesem Grund in vielen Studiengängen auch nicht mehr mündlich verteidigt werden müssen. Zudem führt die geringe Betreuungsquote dazu, dass vielen, die Probleme mit dem wissenschaftlichen Arbeiten haben, kaum geholfen wird, weshalb sie möglicherweise eher auf einen Ghostwriter zurückgreifen.

Der Deutsche Hochschulverband fordert seit 2012 die Einführung eines Straftatbestands »Wissenschaftsbetrug«. Dieser solle dafür sorgen, dass »nicht nur der Blender, der sich mit fremden Federn schmückt, sondern auch der Verfasser einer Qualifikationsarbeit für einen Dritten mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren belegt werden kann«, sagte Matthias Jaroch, der Pressesprecher des Verbands, der Jungle World. Bislang hatte der Verband damit keinen Erfolg.

Vermutlich blickt er neidisch nach Österreich: Dort droht Personen und Agenturen, die wissenschaftliche Arbeiten zur Abgabe an Hochschulen für andere schreiben oder dies anbieten, ab Oktober eine Geldstrafe bis zu 60 000 Euro. Für viele Studierende dürfte es dann schwieriger werden, ihre Haus- und Abschlussarbeiten von Ghostwritern schreiben zu lassen, und die Philosophiestudentin, die nach Jahren des Kant-Studiums mangels besserer Verdienstmöglichkeiten Bachelorarbeiten für Politikerinnen und Unternehmer schreibt, wird sich möglicherweise nach einer anderen Einkommensquelle umsehen müssen.

* Name von der Redaktion geändert.