Zum Schulanfang bleiben viele Fragen des Pandemieschutzes offen

Eigentlich wie letztes Jahr

Zum Schulbeginn zeigt sich, dass die Kultusministerien aus den Erfahrungen während der Pandemie wenig gelernt haben.

»Eigentlich fühlt sich das alles genauso an wie letztes Jahr«, meint eine Lehrkraft. »Und das ist nicht gut. Denn letztes Jahr ist einfach überhaupt nichts passiert.« In einigen Bundesländern hat vergangene Woche der Schulunterricht wieder begonnen, unter anderem in Berlin und Brandenburg. Die Schulen öffneten im Regelbetrieb, die Klassenräume sind voll. Zu hoffen ist, dass sie bis Herbst wenigstens mit Luftfiltern ausgerüstet sein werden. Vor zwei Monaten war in Berlin noch geplant, nur jedes dritte Klassenzimmer damit zu bestücken; erst vergangene Woche teilten alle Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus außer der AfD mit, man wolle noch mehr Luftfilter anschaffen. Was aus dieser Ankündigung wird, bleibt abzuwarten.

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Seit sich die Delta-Variante von Sars-CoV-2 ausbreitet, hat sich die Inzidenz in Berlin vervielfacht und steigt weiter. Die Sorge der Eltern wächst. Die psychische und soziale Belastung durch die Schulschließungen war für viele Kinder und Jugendliche groß, und zwar umso größer, je schlechter ihre Familien finanziell und strukturell gestellt sind. Auf der anderen Seite sind die meist ungeimpften Kinder im normalen Schulbetrieb einem erheblichen Infektionsrisiko ausgesetzt.

Selbst die großenteils geimpften Lehrkräfte sind weiterhin gefährdet, da auch die zweite Impfdosis nur begrenzt vor einer Infektion mit der Delta-Variante schützt; die Krankheit verläuft dann zwar meist mild, aber durchaus nicht immer. Eine kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass Long Covid, für Kinder wohl eines der größten Risiken, auch bei geimpften Personen vorkommen kann. Die Impfquote steigt derzeit kaum noch, die vierte Welle rollt heran, und außer »abwarten und mal sehen« gibt es keine klare Strategie für die Schulen – wie im vorigen Jahr.

Die lange Zeit unermüdlich wiederholte Behauptung, Schulen seien keine Treiber der Pandemie, darf inzwischen als endgültig widerlegt gelten. Das ging unter anderem aus einem Studienprojekt hervor, das die Kultusministerkonferenz in Auftrag gegeben hatte. Das Projekt sollte klären, welche Rolle Schulschließungen beim Infektionsschutz spielen. Doch waren die Zwischenergebnisse zunächst unter Verschluss gehalten worden. Ihre Herausgabe könne die Beziehungen zwischen den Ländern belasten, so die Begründung der Hamburger Schulbehörde, an die eine Anfrage ergangen war. Am 3. August wurden die Ergebnisse nun veröffentlicht. Sie besagen, was eigentlich längst bekannt war, nämlich dass Kinder und Jugendliche »für die Übertragung von Sars-CoV-2 empfänglich sind und zu dieser beitragen«.

»Eine jüngste Übersichtsstudie bestätigt, dass Schulschließungen die wirksamste nichtpharmazeutische Maßnahme sind – direkt gefolgt von der Schließung von nichtessentiellen Arbeitsstätten sowie Geschäften«, so Julia Meta Müller, die Pressesprecherin der Kampagne Zero Covid, die sich schon seit längerem für effektivere Maßnahmen gegen die Pandemie einsetzt, in einer Pressemitteilung der Initiative. Darin fordert Zero Covid außerdem mehr Schutz für die Schulen: Luftfilter in allen Räumen, Maskenpflicht und PCR-Tests sowie eine Konzentration auf die Digitalisierung des Schulbetriebs.

Bei Letzterer sind Lehrkräfte auf sich gestellt. Sie müssen selbst entscheiden, welche Fähigkeiten sie sich in ihrer Freizeit aneignen und welche Möglichkeiten sie nutzen. Es gibt für viele funktionale Online-Tools keine datenschutzrechtliche Absicherung, weswegen sie in Schulen nicht verwendet werden dürfen. Zudem haben viele Schülerinnen und Schüler nach wie vor nicht die technische Ausstattung, um am Digitalunterricht teilzunehmen. Sie schalten sich mit dem Handy in Videokonferenzen ein, weil die Geschwister den einzigen Laptop der Familie beanspruchen, und haben weder die Ruhe noch die Bildschirmkapazität, um effektiv mit kollaborativen Tools zu arbeiten. In anderen Lerngruppen wird das oft gar nicht erst versucht.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) machte kürzlich auf eine aktuelle Studie der Universitäten Frankfurt am Main und Hildesheim im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung aufmerksam, die JuCo-Studie, aus der hervorgeht, dass mehr als die Hälfte der ­Jugendlichen sowie zwei Drittel der Eltern nicht oder kaum das Gefühl haben, dass ihre Sorgen gehört würden. Auch die GEW fordert Luftfilter und Hygienekonzepte, vor allem aber Investitionen in Digitalisierung.

Es reicht nicht aus und ist auch nicht zumutbar, die Bewältigung der Pandemiefolgen im Schulwesen der privaten Initiative von Lehrkräften und Eltern zu überlassen. Kinder und Jugendliche brauchen ihre Räume, und wenn unter Pandemiebedingungen die üblichen Räume nicht sicher sind, brauchen sie digitale Räume – nicht nur für die Schule, sondern vor allem für Austausch und soziales Engagement, Musik und Kultur, offene Jugendarbeit, Klima- und Umweltschutz. Andernfalls wird die Kluft zwischen Kindern mit viel Geld und Unterstützung und solchen, die weder das eine noch das andere haben, noch größer werden.