Anikas neuem Album »Change« fehlt ein schlüssiges Konzept

PR-Stunt ohne Ende

Die Musikerin Anika beherrscht die Inszenierung ihrer Person geradezu perfekt. Mit ihrem zweiten Soloalbum »Change« treibt sie es allerdings etwas zu weit.

Anika heißt eigentlich Annika. Die 1987 in England geborene Annika Henderson verzichtet allerdings bereits seit mehr als einem Jahrzehnt auf den Doppelkonsonanten in ihrem Vornamen, genauer gesagt seit 2010, als sie als Anika ihr erstes ­Album herausbrachte. Ihr Debüt­album, das ebenfalls schlicht mit »Anika« betitelt war, darf man als eines der besten Musikveröffent­lichungen der letzten 20 Jahre bezeichnen.

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Ihre Rolle auf diesem Album war eigentlich die einer Chanteuse. Das hat auch etwas mit der Produktionsgeschichte zu tun. Die Band Beak (Eigenschreibweise: Beak>) und deren Schlagzeuger Geoff Barrow, seines Zeichens Multiinstrumentalist von Portishead, suchten nämlich nach einer Sängerin. Beaks 2009 erschienenes, herausragendes Debütalbum bestand, sieht man mal von einigen »Ohms« und »Ahms« und zwei Stücken mit spärlichem Text ab, aus an Krautrock und Post-Rock erinnernden Instrumentalstücken.

Die etwas blauäugige Hoffnung im Text von »Change«, die Anika ätherisch intoniert, könnte ganz charmant sein, wenn sie es nicht ernst meinte.

Anika sang nun nicht nur, sondern inszenierte sich selbst als mysteriöse wie kluge Chanteuse, die das Spiel der Referenzen beherrscht. Die Lieder auf »Anika« sind Coverversionen und damit Verbeugungen vor großen und teils auch vergessenen Sängerinnen wie Twinkle (»Terry«), Yoko Ono (»Yang Yang«) und Skeeter Davis (»End of the World«) – aber auch Songs von Männern, zum Beispiel »Masters of War« von Bob Dylan, interpretierte Anika neu. Dass die Songs sowohl von avantgardistischen Musikern wie auch von vermeintlich schnöden Pop-Interpretinnen stammten und zwischen ihnen kein Unterschied gemacht wurde, war eine der genialen Entscheidungen auf dieser Platte.

Anikas Stimme wurde oft mit der von Nico verglichen, doch ein anderer Vergleich drängt sich viel mehr auf: Denn während Anika durch und durch etwas Düsteres zu eigen ist und sie darin Christa Päffgen in nichts nachsteht, so hat ihre Stimme doch auch etwas Süßliches, genau wie die der 2011 an einer Virusinfektion verstorbenen Sängerin Trish Keenan, Kopf der britischen Band Broadcast. Keenan und ihre Band waren um die Jahrtausendwende das Coolste, was man hören konnte, waren einerseits Geheimtipp, andererseits Pop, hatten einen experimentellen Einschlag und produzierten dennoch eingängige Songs. Genau dieses Rezept wandte auch Anika an.

Die Sängerin von Beak wurde Anika zwar schlussendlich nicht, diesen Part übernahm Barrow selbst, doch mit der immer wieder von ihr selbst erwähnten Karriere als »politische Journalistin« wurde es auch nichts. Annika Henderson zog nach Berlin und macht seitdem all das, was man als Kreative eben so macht: Musik, Auflegen, Schreiben.

Auch der Pressetext für ihr kürzlich erschienenes zweites Album unter dem Namen Anika, »Change«, erwähnt die Vergangenheit der Musikerin als politische Journalistin. Tatsächlich begegnet man dieser Information immer wieder, wenn man etwa Besprechungen über oder Interviews mit ihr liest. Artikel der ehemaligen politischen Journalistin aber lassen sich zumindest im Internet schwer auftreiben. Dass auf das Attribut »politisch« so viel Wert gelegt wird, hat mit der banalen Tatsache zu tun, dass die Bezeichnung für Journalisten, die über Politik schrei­ben, in der englischen Sprache eben diese ist, dennoch darf man vermuten, dass die Betonung des Politischen Anika nicht nur mysteriöser und glamouröser erscheinen lassen soll – die politische Journalistin, die zur Künstlerin wurde –, sondern darauf drängt, möglichst ernst genommen zu werden.

Schon die Titel der Songs auf dem neuen Album beinhalten allerlei ­entsprechende Buzzwords: »Critical«, »Change«, »Rights« oder »Freedom« heißen die Lieder. Auch auf das Musikmachen hat Anika in den zehn Jahren, die zwischen ihren beiden Alben vergangen sind, natürlich nicht verzichtet: Sie veröffentlichte mit ihrer Band Exploded View aus Mexiko-Stadt gleich zwei Alben, das nach dem Bandnamen betitelte Debüt von 2016 und die LP »Obey« 2018. Ferner arbeitete sie in den vergangenen Jahren mit der Band Kreidler, dem sagenumwobenen Jandek und dem Trip-Hopper Tricky zusammen. Anika ist längst kein Geheimtipp mehr, auch wenn sie sich nicht so ganz exponieren möchte und ihre Projekte immer noch zu weit abseits des Mainstream liegen, als dass ein großes Publikum von ihnen hätte Wind bekommen können.

Waren die Stücke auf »Anika« noch von den schweren, an Dub erinnernden Basslines geprägt und hatten alle etwas Schnelles und Unfertiges an sich (was ihnen Underground-Flair verlieh), ist das, was auf »Change« zu hören ist, zwar kein kompletter wie vom Titel suggerierter Wandel, doch geht es hier technoider und auch klarer produziert zu als auf dem Vorgänger. »Naysayer« ist ein aggressiver Club-Hit, der direkt anschließende Song »Sand Witches« wiederum klingt eher wie Hintergrundmusik für Meditation oder Yoga.

Die Texte stammen dieses Mal alle von Anika selbst: »Change« trägt naiv die Hoffnung vor, dass Menschen sich ändern können, »Critical« ist ein Lied über eine missbräuchliche Liebesbeziehung und »Freedom« ist eine Selbstermächtigungshymne (»I’m not being silenced by you«). Die etwas blauäugige Hoffnung im Text von »Change«, die Anika ätherisch intoniert, könnte ganz charmant sein, wenn sie es nicht ernst meinte: Im Pressetext erklärt sie unumwunden, sie glaube, dass »wir« uns verän­­dern können. Was genau es zu ändern gilt, lässt sie offen, nicht aber ohne zu sagen, dass es immer der beste Ausgangspunkt sei, bei sich selbst anzufangen.

Das neue Album wird begleitet von einer Reihe gut produzierter Musikvideos, die sich frappierend von denen unterscheiden, die zum Debütalbum erschienen sind. Diese waren fast ausschließlich in Schwarzweiß und niedriger Auflösung gehalten; Anika selbst sah man entweder verpixelt, verschwommen, im Gegenlicht oder nur beleuchtet durch eine stroboskopische Dreammachine nach der Bauart des 1986 verstorbenen Beatpoeten Brion Gysin. In den neuen Videos ist das anders: In »Finger Pies« wechselt Anika gefühlt sekündlich das Outfit, in »Rights« stakst sie ausgestattet mit einer Virtual-Reality-Brille durch die Stadt, und im Video zu »Change« wird sie mit Hilfe von wohl absichtlich nicht ganz sauber ausgeführter Bildbearbeitung freigestellt. Hier wird Anika nicht mehr als die mysteriöse Sängerin inszeniert, sondern als hippe Künstlerin.

Doch dieses Spiel mit den eigenen Persona treibt sie mit »Changes« vielleicht ein wenig zu weit: Knallharte Journalistin, Post-Hipster, liebliche Sängerin, avantgardistische Künst­lerin, Stilikone, Lyrikerin, Ironikerin – das alles will Anika sein, das alles lässt sich auf dem Album finden, und doch wird es von nichts zusammengehalten, weder vom Charakter der Songs noch vom Artwork und auch nicht von den Sujets der Texte. Das kluge Spiel mit der Imago der nebulösen jungen Sängerin, das sie auf ihrem Debütalbum so galant beherrschte, weicht hier einem Mischmasch aus allerlei Zutaten, einem präzise geplanten PR-Stunt, der jedoch kein Ende mehr findet.

Das beste Stück der Platte ist denn auch jenes, das sie abschließt: »Wait for Something« ist eher unscheinbar und hebt sich mit seinem folkigen Einschlag, der zumindest am Anfang des Lieds zu hörenden Akustikgitarre und seinem melancholischen und ambivalenten Text stark und positiv von dem Rest des Albums ab. Und so muss man auf »Change« bis zum Ende abwarten, bis sich etwas Durchbrechendes, was Anika in dem Song sanft säuselnd herbeisehnt (»Wait for something to break through«), tatsächlich einmal realisiert.

Anika: Change (Invada Records/Sacred ­Bones)