Ein Sammelband macht Schriften der Feministin Annemarie Tröger zugänglich

Radikaler forschen

Ein Band macht die Schriften der Feministin Annemarie Tröger zugänglich, die die Frauenforschung im deutschsprachigen Raum in den siebziger Jahren mitbegründet hat. Ihre Frage nach der Vereinbarkeit von Aktivismus und Wissenschaft ist nach wie vor aktuell.

Annemarie Tröger (1939–2013) war eine Pionierin der Frauen- und Geschlechterforschung, dennoch fehlt ihr Name in den einschlägigen Pub­likationen zur Geschichte der Neuen Frauenbewegung. Das hat Gründe. Der von der Gendertheorie geprägte akademische Feminismus wahrt ­Distanz zur frühen Frauenforschung, da das in ihr angerufene Subjekt ­Unbehagen bereitet. Tröger, die Soziologie und Psychologie studiert hatte, betrachtete ihrerseits die universitäre Disziplinierung der autonomen Frauenbewegung kritisch und engagierte sich zeitlebens für die Schaffung ­außerakademischer Einrichtungen, wie des Berliner Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrums (FFBIZ). Ende der sieb­ziger Jahre gehörte sie zu seinen Gründerinnen, nach ihrem Tod 2013 ging ihr Nachlass an das dort eingerichtete Feministische Archiv. Nun haben Regine Othmer, Dagmar Reese und Carola Sachse unter dem Titel »Kampf um feministische Geschichten. Texte und Kontexte 1970–1990« eine Auswahl von Schriften und bisher unveröffentlichten Manuskripten veröffentlicht. Erklärte Absicht der ­Herausgeberinnen ist es, eine engagierte linke, ­feministische Intellektuelle vorzustellen, deren Arbeiten im Kontext der politischen Konflikte und länderübergreifenden Diskus­sionen der sechziger, siebziger und achtziger Jahre stehen.

Früh erkannte Tröger, dass die Frauenforschung Gefahr lief, »zwischen dem emanzipatorischen und radikaldemokratischen Totalanspruch der Frauen­bewegung und den Förderungs- und Qualifikations­kriterien des Wissenschaftsapparats zerrieben zu werden«.

Der Band ist in vier Kapitel unterteilt, die Verschiebungen in den ­thematischen Schwerpunkten, aber auch Kontinuitäten ihres Denkens erkennen lassen: Trögers Kritik zielte immer auf Emanzipation, nicht auf Integration. Als Grenzgängerin zwischen Politik und Wissenschaft war ihre Textproduktion inhaltlich und formal heterogen: Ein Rundfunk­manuskript, frauenbewegte Vorträge, akademische Forschungsskizzen und Beiträge für wissenschaftliche Zeitschriften folgen aufeinander, ­jeweils kommentiert von einer der Herausgeberinnen oder anderen einstigen Freundinnen und Kolleginnen.

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Im ersten Kapitel finden sich unter der Überschrift »Revolutionäre Zeiten« Texte aus den frühen siebziger Jahren, die im Zusammenhang mit mehrmonatigen Reisen und Studienaufenthalten in Lateinamerika und den USA entstanden sind. Sie lassen Trögers politische Sozialisation im Sozialistischen Deutschen Studentenbund erkennen, dem sie 1960 beigetreten war. In antiimperialistischer Diktion berichtet sie von den »Tugurios« genannten Slumvierteln in Kolumbien und analysiert die Expansionspolitik des deutschen »New Reich«. Ein Text über russische Revolutionärin Alexandra Kollontai verrät Trögers eigenes Selbstverständnis als Feministin und Sozialistin. Offen kokettierte sie mit ihrem Entschluss, »Berufsrevolutionärin zu werden, ohne Partei, in einer Bewegung, in der jede Art von bürgerlichem Beruf unnötig wäre«.

Mitte der siebziger Jahre war es die Neue Frauenbewegung, auf die sich Trögers Engagement konzentrierte. Sie war Mitbegründerin der Gruppe »Brot und Rosen« und gehörte zu den Initiatorinnen der Berliner Sommeruniversitäten 1976 und 1977. ­Inhalte und Forderungen der Frauenbewegung sollten in die Universität getragen, wissenschaftliche Forschung sollte für Berufstätige ermöglicht, aber keinesfalls ein eigener akademischer Elfenbeinturm geschaffen werden. Eine befristete Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin bot Tröger die Gelegenheit, mit neuen Quellen und Methoden zu arbeiten. In ihren Seminaren und Forschungsprojekten führte sie die Methode der oral history ein, die sie in den USA kennengelernt hatte.

Die Texte des zweiten und dritten Kapitels dokumentieren Trögers Forschungen zum Thema Frauen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Diese Beiträge bieten Einblick in ihre Arbeiten mit Zeitzeuginnen und spiegeln zugleich den Konflikt zwischen ihren akademischen und aktivistischen Ansprüchen. An den Geschichtswissenschaften kritisierte sie, dass der männliche »Blick von unten« die Geschlechterdifferenz nicht berücksichtigte. In der autonomen Frauenbewegung wurde sie mit dem Vorwurf der akademischen Instrumentalisierung konfrontiert, vielen ging der Versuch, mit mündlicher Geschichte »Forschung feministisch zu betreiben«, nicht weit genug.

Früh erkannte Tröger, dass die Frauenforschung Gefahr lief, »zwischen dem emanzipatorischen und radikaldemokratischen Totalanspruch der Frauenbewegung und den Förderungs- und Qualifikationskriterien des Wissenschaftsapparats zerrieben zu werden«. Sie befürchtete, dass sich an der Universität nur diejenigen durchsetzen würden, die »weiterhin das Banner engagierter Wissenschaft wie Prophetinnen vor sich hertragen, sich aber in der Praxis einen feuchten Kehricht darum scheren werden«. In diese Verlegenheit kam Tröger nicht. Mehrere ihrer befris­teten Projekte blieben unvollendet, keines schloss sie mit einer Promo­tion ab, ihre Stellung im akademischen Betrieb wurde in den achtziger Jahren immer prekärer.

Das letzte Kapitel des Bandes enthält nur zwei Texte: einen Rückblick auf die »Generation 1968« im Rahmen eines international angelegten oral history-Projekts und einen Ausblick auf die Veränderungen in der DDR in der Umbruchphase nach 1989. Erstveröffentlicht wurde dieser Text in den Feministischen Studien, zu deren Gründungsredakteurinnen Tröger 1982 gehört hatte. Sie hoffte, mit der Zeitschrift einen Publikationsort jenseits der »szientifisch verkürzten Frauenwissenschaft« etablieren zu können.

Nicht allen Kommentaren zu den einzelnen Texten gelingt die von den Herausgeberinnen angestrebte historische Einordnung und kritische Interpretation aus heutiger Per­spektive. Manche private, anekdotische Erinnerung erscheint fehl am Platz. Interessant ist dagegen die unterschiedliche Bewertung von Trögers Anspruch, politischen Aktivismus und wissenschaftliche Analyse zu verbinden. Reese, eine ehemalige Studentin Trögers, und Sachse, eine ehemalige Kollegin, zeichnen das Bild einer mitreißenden Lehrkraft, deren politische Leidenschaft ge­rade junge Akademikerinnen inspirierte. Rückblickend räumen beide jedoch ein, dass nicht nur der »polemische Stil« Trögers mit den An­forderungen der (geschichts-)wissenschaftlichen Argumentation ­kollidierte.

Vor allem Trögers Argumentation gegen die »Dolchstoßlegende der Linken«, wonach Frauen Hitler an die Macht gebracht hätten, wurde im Kontext der aufkommenden Forschung zur weiblichen Mittäterschaft kritisch diskutiert. Dorothee Wierling, die Tröger nicht persönlich nahestand, vermag mit größerer Distanz ihre Verdienste und Schwächen abzuwägen. Einerseits anerkennt sie Trögers Texte zur oral history als wichtige Beiträge zur Methodendiskussion, andererseits rät sie, die Texte selbst schon wieder als historische Quelle zu lesen. Trögers entlastende Deutungen der Aussagen von proletarischen Frauen über die Arbeit in einem Rüstungsbetrieb während des Nationalsozialismus legen zeittypische Auslassungen in der linken Thematisierung des Nationalsozialismus offen. Tröger war zwar in ihren mündlichen Geschichten über NS-Deutschland nicht blind für den Antisemitismus und den Antislawismus der Arbeiterschaft, doch begriff sie sie nicht als klassen- und geschlechterüber­greifenden Kitt der NS-Volksgemeinschaft.

Auf die feministische Theorie­bildung bezogen hebt Ingrid Kurz-Scherf hervor, dass Tröger aus der gelebten Erfahrung in den USA in ihren frühen Texten die wechselseitige Verschränkung von race, class und gender reflektierte, lange bevor in der Geschlechterforschung die Annahme der Intersektionalität zur Grundlage wurde. Die hiermit auf­geworfene Frage nach dem Umgang mit dem Erbe der autonomen Frauenbewegung wird leider in keinem Kommentar ausführlicher thematisiert. Die Herausgeberinnen betonen lediglich den Bruch in der feministischen Genealogie: Auf der einen Seite Tröger, die sich »jeder disziplinären Zuordnung und den damit verbundenen Zugangs-, Anerkennungs- und Karriereregeln verweigert«, auf der anderen die »anpassungswilligeren Mitstreiterinnen«, die sich mit »pragmatischer Effizienz und Biegsamkeit« im Wissenschaftsbetrieb etablierten. Der trotzige Unterton dieser Gegenüberstellung steht im Widerspruch zu dem selbstbewussten, kämpferischen Duktus der Textsammlung.

In einer ausführlichen, den Band abschließenden biographischen Skizze schreibt Othmer, man dürfe sich bei aller späteren Marginali­sierung Tröger nicht als einen unglücklichen Menschen vorstellen. Das wird auch bei der Lektüre ihrer Texte deutlich: Sie bezeugen der heutigen Leserschaft keinesfalls nur die enttäuschten Hoffnungen der Linken und das Scheitern der autonomen Frauenbewegung, sondern eine Neugier und eine Eigensinnigkeit, wie sie der in die unternehmerische Universität integrierte akademische Feminismus der Gegenwart kaum noch kennt.

Annemarie Tröger: Kampf um feministische Geschichten. Texte und Kontexte 1970–1990. Hrsg. v. Regine Othmer, Dagmar Reese und Carola Sachse. Wallstein, Göttingen 2021, 432 Seiten, 39 Euro