Der ästhetische Trend »Dark Academia«

Das Bildnis der Bildung

Der ästhetische Trend Dark Academia lässt junge Menschen nostalgisch vom Wissenserwerb im Elfenbeinturm träumen.

Subkulturen konnten sich bisher der kapitalistischen Einverleibung nicht entziehen, das hat zum Beispiel Mark Fish­er in seinem Buch »Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?« dargelegt. Wer gehofft hatte, dass die Promiskuität der Hippies oder die No-Future-Haltung der Punks ein neues Zeitalter ohne gesellschaftliche Zwänge einleiten würden, wurde enttäuscht. Heutzuta­ge findet man Joy-Division- und Flower-Power-T-Shirts in Klamottenketten wie Urban Outfitters, und es gibt zumindest in der westlichen Welt seit bald 30 Jahren keine stilprägenden Subkulturen mehr. Das bedeutet allerdings nicht, dass der underground völlig verschwunden wäre; vielmehr sind Subkulturen inzwischen kurzlebiger als im vergangenen Jahrhundert und spielen sich vor allem im Internet ab.

Dark Academia fungiert als Gegen­entwurf nicht nur zum öden Lernen vor dem Bildschirm im Lockdown, sondern auch zum gewöhnlichen Universitätsbetrieb.

Ein Beispiel hierfür ist Dark Academia, eine subkulturelle Ästhetik, deren Spuren bis ins Jahr 2015 zurückreichen, die sich aber unter dem gleichnamigen Hashtag über soziale Medien und Internetforen erst seit Beginn der Covid-19-­Pandemie rasant verbreitet. Das Lebensgefühl, das Dark Academia erzeugen will, ist das von Studierenden an einer alten britischen oder neuenglischen Eliteuniversität im 19. und frühen 20.Jahrhundert: Smartphones und Laptops haben in den neogotischen Gemäuern noch keinen Einzug gehalten, bei Kerzenschein werden bis spät in die Nacht Ovids »Metamorphosen« gelesen und Musiktheorien des Barock studiert.

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Die Ästhetik von Dark Academia gründet zwar auf einer traditionellen Idee von Wissenserwerb, paradoxerweise ist die tatsächliche Lektüre von Büchern aber eher nebensächlich. ­Diskussionen über die Frage hinaus, wie man am besten den Eindruck eines bourgeoisen Sprösslings mit old money und musischem Interesse erzeugen kann, finden unter den Anhängern der Subkultur nur selten statt. Zwar sollte man als echter dark academian Donna Tartts 1992 veröffentlichten Roman »Die geheime Geschichte« gelesen haben – das aber hauptsächlich, um den Stil der Figuren nachahmen und sich in ihre Lebenswelt hineinversetzen zu können.

In Tartts Roman wird der aus dem kalifornischen Arbeitermilieu stammende Erzähler, Richard Papen, an einem (fiktiven) renommierten College an der US-amerikanischen Ostküste aufgenommen. Dort freundet er sich mit fünf Kommilitonen aus begüterten Elternhäusern an und taucht in ihren glamourösen Lebensstil ein. Nach einiger Zeit findet er heraus, dass drei seiner Freunde mit dem charismatischen Professor für Griechische Klassik nach bacchantischem Ritual gefeiert haben und dabei im Rausch jemanden getötet haben, was später zur tragischen Auf­lösung der Gruppe führt.

Die Anhänger von Dark Academia fasziniert an Tartts Roman wohl der morbide Hedonismus und die von hohen Idealen getriebene Wissbegierde der Studenten, die wegen ihres Reichtums weder auf Erwerbsarbeit noch auf gute Noten angewiesen sind. Dark Academia fungiert als Gegenentwurf nicht nur zum öden Lernen vor dem Bildschirm im Lockdown, sondern auch zum gewöhnlichen Universitätsbetrieb, der in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger dem Ideal glich, das ihm immer noch anhaftet.

Die hohen Studiengebühren in vielen Ländern, für die oft Kredite aufgenommen werden müssen, lassen nicht allzu viele Ausschweifungen zu. Stattdessen sorgen sie zusammen mit straffen Lehrplänen vor allem für hohen Druck auf die Studierenden, die sich kein Extrasemester leisten können. Eine Studie der Universität Texas ergab 2008, dass jeder sechste Student in den USA bereits einmal über Selbstmord nachgedacht hat. Auch hierzu­­lande ist das Studium für viele nicht vorrangig mit intellektueller Neugier und Lust am Wissenserwerb verknüpft. Zehn Prozent der befragten Studierenden gaben voriges Jahr in einer Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschafts­forschung (DZHW) an, psychisch beeinträchtigt zu sein, 2016 waren es noch sieben und 2012 drei Prozent.

Dabei ist ein Studium längst nicht mehr eine Veranstaltung für die Abkömmlinge gesellschaftlich führender Kreise: Seit 1950 hat sich die Quote derjenigen eines Geburtsjahrgangs, die ein Studium beginnen, nahezu verelffacht: von fünf auf 54,8 Prozent. Neue Medien- und Marketingstudiengänge haben denkbar wenig mit einer zweckfreien Versenkung in die Wissenschaft zu tun, sondern sollen möglichst gezielt und praxisorientiert auf die Arbeit in der Ideologieproduktion vorbereiten. Die um sich greifende Akademisierung betrifft auch Berufe, die man vor einiger Zeit noch keinesfalls im tertiären Bildungssektor vermutet hätte: Seit vergangenem Jahr müssen zum Beispiel auch Hebammen studiert haben.

Der oft tristen, zweckrationalen Realität des Studiums setzt Dark Academia schwärmerische Nostalgie entgegen. Dafür ist der Kleidungsstil essentiell: Dark academians tragen gedeckte Farben, klassisch geschnittene Hemden oder Blusen, Röcke mit Kniestrümpfen, viel Tweed, Karos, Pullunder, Rollkrägen und Sakkos, dazu Loafers, Chelsea Boots oder Budapester aus Leder. Das Styling ist dem von konservativen Studierenden in Oxford Anfang des v­ergangenen Jahrhunderts nachempfunden.

Auch die Inneneinrichtung des Studierzimmers drückt häufig Sehnsucht nach vergangenen Zeiten aus. Alte Drehgloben stehen hoch im Kurs. Auch vergilbte Poster, die Pflanzen mit lateinischen Namen zeigen, oder Glasschaukästen mit präparierten Schmetterlingen erfreuen sich großer Beliebtheit. Vor dunkel gestrichenen Wänden stehen Regale mit Büchern, die so aussehen, als dürfe man sie in staatlichen Bibliotheken nur unter Aufsicht lesen.

Einige dark academians suchen über das Internet nach Brieffreunden, denen sie mit Tinte geschriebene, wachsversiegelte Briefe schicken können. Als Soundtrack eignet sich etwa der düster-glamouröse, sehr britische Indie­rock von The Smiths. Deren Sänger Morrissey bezog sich mit Vorliebe auf Oscar Wilde, dessen Romanfigur Do­rian Gray, ein schöner und gebildeter junger Dandy, eine weitere Galions­figur von Dark Academia ist.

Es ist wenig überraschend, dass ein Trend, der nostalgischen Eskapismus, Bildungselitismus und die europäische Geistesgeschichte zelebriert, auch Zuspruch von reaktionären Kräften erhält. Im April dieses Jahres wurde das Phänomen unter der Überschrift »Dark Academia – eine Subkultur gegen die moderne Welt?« in einer Folge des Podcasts »Rechtsausleger«, der völkisch-nationalistische Ideen verbreitet, diskutiert. Den zwei Gastgebern gefällt an Tartts Roman, dass der Name des Protagonisten sehr deutsch klänge, und sie attestieren Dark Academia, »tendenziell Potential« zu haben. »Die geheime Gesellschaft« sei eine »verkappte Modernekritik«, bei der einiges an Kultur­pessimismus mitschwinge. Allerdings müssen die Podcaster ernüchtert eingestehen, dass man das Buch »auch sehr unpolitisch lesen« könne.

Widerwillen erntet Dark Academia hingegen aus linken, identitätspolitischen Kreisen. Die britische Soziologin Sarah Burton monierte zum Beispiel, dass die Ästhetik von Dark Academia Menschen qua ihres Aussehens, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres sozioökonomischen Status ausschließe. In der Tat fanden sich in der Zeit, die Dark Academia zelebriert – es war auch die Zeit der größten Ausdehnung des britischen Empire – nur sehr wenige Frauen oder Menschen mit dunkler Hautfarbe an führenden Universitäten des Vereinigten Königreichs (ebenso wie an denen Neuenglands). Auch heutzutage sind aufgrund sozioökonomischer Faktoren Afroamerikaner und Hispanics an den führenden US-Universitäten unterrepräsentiert.

Burton übergeht allerdings, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Realität und einem Trend, der Elemente aus vergangenen Jahrhunderten eklektisch zusammenfügt und gar nicht so konservativ ist, wie es manch einer gern hätte. Schaut man sich in sozialen Medien um, so gewinnt man nicht den Eindruck, dass es sich bei den dark academians nur um reiche Menschen europäischer Abstammung handelt. Viel eher scheint die zur Schau gestellte Sehnsucht nach dem Studium an einem renommierten College vor 100 Jahren oder früher vor allem ein Mittelschichts­phänomen zu sein.

Den Vorwurf des latenten Rassismus diskutieren dark academians aber dann doch: Viele betonen, dass Dark Academia eine Ästhetik sei, die allen offenstehen solle. Manche schlagen vor, statt der homerischen Epen doch auch mal das Gilgamesch-Epos, das überwiegend im babylonischen Raum entstand, zu lesen und statt Oscar Wilde und Donna Tartt die afroamerikanischen Schriftsteller James Baldwin und Maya Angelou, die über eine andere Lebenswelt als die von gut situierten Wasp-Studenten (Akronym aus white Anglo-Saxon Protestant) schrieben. Darüber vergessen sie offenbar, dass das tatsächliche Lesen bei Dark Academia keine allzu große Rolle spielt.