Über cancel culture an westlichen Universitäten kursieren viele Legenden

Und täglich grüßt die »cancel culture«

Warnungen vor einer an westlichen Universitäten um sich greifenden »cancel culture« tendieren häufig zur Legendenbildung.

Was haben folgende Personen gemeinsam? Ein emeritierter Philosophieprofessor, der als Unterstützer der antizionistischen BDS-Kampagne gilt; ein außerordentlicher Professor und Abtreibungsgegner, der in der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost darüber sinnierte, »warum das Impfen gegen das Virus Sars-CoV-2 vielleicht gar keine so gute Idee ist«; ein den Hohenzollern nahestehender Historiker, der im Bundestag als Sachverständiger für die CDU auftritt und Recherchen der Taz zufolge unter Pseudonym für die neurechte Zeitschrift Sezession geschrieben hat; und ein Entwicklungspsy­chologe, der die im Vergleich zu Deutschen vermeintlich geringeren durchschnittlichen Intelligenzquotienten von bestimmten Einwanderergruppen untersucht.

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Sie alle sind Mitglieder des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit. Kritik an dem Entwicklungspsychologen und die Forderung des Allgemeinen Studierendenausschusses der betreffenden Universität, dem Abtreibungsgegner aufgrund »unwissenschaftlicher, antifeministischer und antisemitischer Äußerungen« seine Professur zu entziehen, werden auf der Website des Netzwerks als »Beispiele für Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit« aufgeführt, »ohne damit affirmativ Stellung zu den Inhalten zu beziehen«.

Das Netzwerk, dem aus mir unverständlichen Gründen auch Vojin Saša Vukadinović angehört, versteht sich als »Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich für ein freiheitliches Wissenschaftsklima einsetzen«. Es widersetzt sich »allen Bestrebungen, die Freiheit von Forschung und Lehre aus ideologischen Motiven einzuschränken«. Neben Öffentlichkeitsarbeit besteht die Hauptaktivität des Netzwerks in der Dokumentation von Fällen tatsächlicher oder vermeintlicher Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit.

Ein Blick auf die Liste der vom Netzwerk dokumentierten Fälle zeigt eine völlige Indifferenz bei der Aufnahme. Neben durchaus skandalösen Mobbingkampagnen werden auch die Ablehnung von Artikeln durch Fachzeitschriften und Protestnoten von Studierenden­initiativen, in denen diese häufig nachvollziehbare Rassismus- oder Anti­semitismusvorwür­fe erheben, als Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit rubriziert. Auffällig ist zudem, dass die wenigen tatsächlich skandalösen Fälle auch ohne die Arbeit des Netzwerks große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren und Kollegen sowie Universitäten die in diesen Fällen angegriffenen Wissenschaftler in der Regel unterstützt haben.

Die Gründung des Netzwerks im September vo­rigen Jahres hat an deutschen Universitäten die Debatte über cancel culture befeuert, die in den USA bereits seit einigen Jahren geführt wird. Dass die ­Debatte hierzulande unter dem diffusen Begriff der »Wissenschaftsfreiheit« verhandelt wird, hängt damit zusammen, dass das Grundgesetz im Gegensatz zu den Verfassungen Frankreichs, des Vereinigten Königreichs und der USA zwischen Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit unterscheidet.

In der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte wies die Philosophin Elif Özmen kürzlich darauf hin, dass die Wissenschaftsfreiheit vor allem ein Abwehrrecht gegen wissenschaftsexterne Einflussnahme ist: »Es schützt die spezifischen Personen, Praktiken und Institutionen wissenschaftlicher Rede, Forschung und Publikation zuvorderst gegen staatliche Einflussnahmen, die auf eine Steuerung, Kontrolle und Sanktionierung der Wissenschaft zielen.« Journalisten, Publizisten oder geltungssüchtige Autodidakten können sich also nicht auf die Wissenschafts-, sondern nur auf die Meinungsfreiheit berufen – auch wenn sie zum Beispiel als Vortragende an die Universität geladen werden.

Dieses Verständnis von Wissenschaftsfreiheit folgt der Idee, dass gute Wissenschaft durch institutionali­sierte Verfahren wie peer review, also die Überprüfung wissenschaftlicher Publikationen durch unabhängige Gutachter, oder aber durch formalisierte Berufungsverfahren gewährleistet wird, und dass das System Wissenschaft ­robust genug ist, um auch unvermeidliche Eitelkeiten, Intrigen und Nepotismus zu absorbieren. Es wäre aber naiv zu glauben, dass sich deshalb immer die richtigen Erkenntnisse oder die besten Wissenschaftler durchsetzen. Weil Wissenschaft prestigeträchtige Positionen und politisch wirkmächtiges Deutungswissen vereint, ist sie anfällig für politische Instrumentalisierung.

Derartige Differenzierungen ignoriert Vukadinović in seinem Kampagnentext geflissentlich, wenn er »aufklärerischen Prinzipien verpflichtete« Wissenschaft einer identitätspolitisch motivierten Moralisierung gegenüberstellt. Ohne Frage sind die von ihm angeführten Beispiele empörend. Durch das generische Sprechen von »deutschen Universitätsangehörigen« erweist er einer an aufklärerischen Prinzipien orientierten Wissenschaft aber einen Bärendienst und reproduziert konservative Narrative, die nicht minder identitätspolitisch motiviert sind als so manche verleumderische wokeness.

Während das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit die Illusio eines »freiheitlichen Wissenschaftsklimas« ver­teidigt, betont ein zweites Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, das als Reaktion auf ersteres gegründet wurde, die ideologische Dimension eines unreflektierten Freiheitsbegriffs. Man frage danach, »welcher vermeintliche Begriff von Freiheit darin eigentlich gesetzt ist, wenn diese Freiheit noch nie für alle galt. Auch fragen wir danach, wer in welcher Form Objektivität behauptet und einsetzt, um an einer Deutungshoheit der Wenigen festzuhalten«, heißt es auf der zugehörigen Website.

Anders als das erste Netzwerk Wissenschaftsfreiheit suggeriert, sind Wissenschaft und Wissenschaftspolitik nicht scharf voneinander zu trennen. Die Erfolgswährung im ökonomisierten Wissenschaftssystem ist Sichtbarkeit, und das bedeutet, dass Erkenntnisse stets in einem rhetorischen Rahmen präsentiert werden. Die ­Leistung von Konkurrenten wird oft systematisch geringgeschätzt, der Innovationswert der eigenen Forschung übertrieben. Zwischen wissenschaftsinternen und wissenschaftsexternen Angriffen auf die Konkurrenz ist manchmal nicht klar zu ­unterscheiden. Wenn Wissenschaftler andere Wissenschaftler mobben, ist »Identitätspolitik« weniger die ­Ursache als vielmehr der Anlass für Delegitimierungen.

Wo Forschung zu einem Großteil von bewilligten Drittmittelanträgen abhängig ist, ist zudem eine Tendenz zu stromlinienförmigen Projekten zu beobachten, die der außerwissenschaftlichen Logik der Förderanträge folgt. Im Framing des zuerst gegründeten Netzwerks Wissenschaftsfreiheit könnte man auch das als »politisch-ideologischen oder moralisch-weltanschaulichen Druck« und »dadurch bedingte Selbstzensur« bezeichnen.

Aufschlussreicher als Vukadinovićs Position im akademischen Schützengraben wäre eine soziologische Betrachtung des Konflikts. Wer beteiligt sich an welchem Netzwerk? Von den 608 Mitgliedern des zuerst gegründeten Netzwerks Wissenschaftsfreiheit haben 483 einen Professorentitel, 23 sind habilitierte Privatdozenten. Sie stammen zu einem Großteil aus Fächern mit einer konservativen Fachtradition wie Jura, Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte, in denen kulturwissenschaftliche Paradigmen skeptischer betrachtet werden als in anderen Fächern.

Das zweite Netzwerk rekrutiert sich dagegen vor allem aus Angehörigen des sogenannten Mittelbaus kulturwissenschaftlicher Disziplinen. Der vor ­allem im Feuilleton ausgetragene Konflikt ist also auch einer zwischen arrivierten Wissenschaftlern aus etablierten akademischen Fächern und einer neuen akademischen Generation. Während Erstere den Freiheitsbegriff zur Verteidigung ihrer Privilegien mobilisieren, aktivieren Letztere auch die zeitgenössische Moral zur Kritik an Macht und Herrschaftsverhältnissen und der institutionellen Trägheit der Universitäten. Vielleicht sollten alle Beteiligten die Debatte mit mehr Gelassenheit betrachten und nicht in jedem Diskursgefecht den »Verfall bürgerlicher Bildungsideale« (Vukadinović) vermuten.

In der Schweizer Wochenzeitung Woz hat der in den USA lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub kürzlich darauf hingewiesen, dass viele Berichte über Fälle von cancel culture narrative Muster aufweisen, die bereits seit den fünfziger Jahren durch die US-amerikanische Öffentlichkeit geistern. Häufig handelt es sich um rasch produzierte Anekdoten, die auf die Aufmerksamkeitsökonomie der Öffentlichkeit zugeschnitten wurden und deshalb zur ­Legendenbildung tendieren. »In der deutschsprachigen Presse ist um diese Schauergeschichten für die Boomerseele ein regelrechtes Ökosystem entstanden«, schreibt Daub. Es sind aber Episoden und keine Vorzeichen eines Trends.

 

In den vergangenen Monaten haben mehrere Akademikerinnen und Akademiker in westlichen Staaten ihre Stellen an Universitäten aufgegeben, weil sie sich Anfeindungen ausgesetzt sahen. Ist die Wissenschaftsfreiheit bedroht? Vojin Saša Vukadinović kritisierte, deutsche Universitätsangehörige verharmlosten identitätspolitisch motivierte Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit.