Billigstromanbieter lassen ihre ­Kunden fallen

Der Strommarkt dreht durch

Etliche Billigstromanbieter haben ihren Kunden kurzfristig die Verträge gekündigt. Grund sind die steigenden Energiepreise, deretwegen das Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert.

Die Preise für Strom und Gas schlagen derzeit Kapriolen, ebenso wild scheinen die Geschäftspraktiken einiger Stromanbieter zu sein. Einige Strom- und Gasdiscounter stehen unter Verdacht, Verträge mit niedrigen Tarifen von Hunderttausenden Kunden gekündigt zu haben, um die Energie stattdessen im Großhandel zu hohen Preisen zu verkaufen. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat deshalb Vorermittlungen gegen den Geschäftsführer der Energiediscounter Stromio, Gas.de und Grünwelt aufgenommen – alle drei Firmen haben denselben Geschäftsführer.

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Auch zahlreiche weitere Anbieter von Billigstrom haben kürzlich ihre Lieferungen eingestellt. Deren Geschäftsmodell war es, beim Einkauf auf niedrige Preise zu warten, um der Konkurrenz mit Billigtarifen Kunden abzujagen. ­Etliche haben sich wegen der derzeit stark steigenden Preise verspekuliert – und lassen ihre Kunden das Problem ausbaden. Zahlreichen Haushalten wurde in den vergangenen Wochen oft kurzfristig der Stromvertrag gekündigt. Sie mussten zu einem sogenannten Grundversorger wechseln, wo sie oft nicht nur mehr als bisher, sondern auch mehr als die Bestandskunden zahlen ­müssen. Grundversorger sind die Energieunternehmen, die an einem Ort die meisten Kunden haben; sie müssen jeden Kunden annehmen. Das machen viele zurzeit aber nur zu besonders hohen Tarifen.

Die Energiepreise sind weltweit gestiegen, weil sich die Konjunktur nach dem Einbruch 2020 rasch zu erholen begann.

Die Energiepreise sind weltweit gestiegen, unter anderem weil sich die Konjunktur nach dem Einbruch 2020 rasch zu erholen begann. Auch die ­politische Krise zwischen Russland, der Ukraine und den Nato-Staaten lässt den Gaspreis steigen, der wiederum Einfluss auf den Strompreis hat. Im Schnitt kostete für Verbraucher im Jahr 2021 eine Kilowattstunde Strom – das ist die Energie, die ein Toaster oder ein anderes Gerät mit 1 000 Watt Leistung in einer Stunde verbraucht – 32,16 Cent. Im Januar dieses Jahres waren es dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zufolge schon 36,19 Cent. Auf dem Terminmarkt, auf dem Anbieter langfristig Strom einkauften, habe sich der Preis 2021 mehr als verdreifacht, so der BDEW. Auch der Gaspreis ist stark gestiegen. Viele Anbieter haben deswegen die Tarife für Bestandskunden angehoben, von Neukunden verlangen sie teilweise mehr als das Doppelte. Die Unternehmen argumentieren, dass sie für hinzukommende Abnehmer besonders teure Energie einkaufen müssten.

Verbraucherzentralen halten das nicht für zulässig und haben Klagen gegen die Sondertarife angekündigt. Auch die Bundesregierung will reagieren. »Gesplittete Grundversorgungstarife sind am Ende nur ein unnötiges Beschäftigungsprogramm für Gerichte, was wir vermeiden wollen«, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Oliver Krischer (Grüne) der Nachrichtenagentur DPA. Es zeichnet sich eine Lösung ab, nach der Neukunden übergangsweise einen höheren Tarif zahlen, aber nach einigen Monaten die üblichen Preise. Zudem soll eine Kündigungsfrist von ­einigen Monaten eingeführt werden. Mittelfristig will die Bundesregierung den Markt reformieren. »Im Zuge des Ausbaus der erneuerbaren Energien werden wir ein neues Strommarktdesign erarbeiten«, heißt es im Koalitionsvertrag.

Das ist auch nötig. Die Preise für Strom und Gas sind ständig in Bewegung. Steuern und Abgaben machen etwa die Hälfte des Preises aus, darunter fällt beispielsweise die EEG-Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien. Sie soll dem Koalitionsvertrag ­zufolge zum 1. Januar 2023 abgeschafft werden. Unter anderem der Verband der Chemischen Industrie (VCI) fordert, dies müsse wegen der steigenden Preise schon früher geschehen, auch Finanzminister Christian Lindner (FDP) setzt sich dafür ein.

Die Geschäftspraktiken der Billiganbieter sind durch die Liberalisierung des Energiemarkts möglich geworden, die Ende der neunziger Jahre begann. Seither dürfen auch andere Unternehmen als die einstmaligen staatlichen Monopolisten Strom und Gas verkaufen. Dass sich Energiediscounter übernehmen, passiert nicht zum ersten Mal, auch früher gingen einige pleite – zu Lasten der Kunden, die teilweise Vorauszahlungen nicht zurückerhielten. Das Problem: Für Verbraucher ist die Seriosität der Anbieter kaum zu ermitteln, sie wissen in der Regel nicht, ob diese ein tragfähiges Geschäftsmodell haben. Vergleichsportale im Internet, die Provisionen für den Anbieter wechselnde Nutzer erhalten, leben von dieser Intransparenz. Dagegen schauen sich die Unternehmen ihre Kunden sehr genau an. Wer keine gute Bonität hat, etwa einen negativen Schufa-Eintrag, wird in der Regel nicht genommen.

Bei allen Auswüchsen hat die Liberalisierung des Strommarkts eines gebracht: einen enormen Schub für die erneuerbaren Energien. Managern in den großen staatlichen Energiekonzernen und kleinen Stadtwerken gehörten Anfang des Jahrtausends zu den größten Gegnern nachhaltiger Energieerzeugung, sie präferierten Kohle- und Atomstrom. Dass Stromversorgung allein in staatlicher Hand nicht unbedingt die bessere Alternative ist, zeigt das Beispiel Frankreich. Die staatlichen Anbieter konzentrieren sich weiter auf Atomkraft – und die Preise steigen dort auch.