Small Talk mit Yvonne Heim­büchel von der GEW Hamburg über Entwürfe für neue Bildungspläne in Hamburg

»Paradigmenwechsel hin zur Leistungsorientierung«

Die Schulbehörde in Hamburg hat im März Entwürfe für neue Bildungspläne vorgestellt, bis Ende Juni sollte darüber ein Dialog stattfinden. Im Herbst sollen die Bildungspläne dann veröffentlicht werden und zum Schuljahr 2023/2024 in Kraft treten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte kürzlich, dass dadurch »Hamburgs Schülerinnen und Schüler auf das Leben in und auf eine Teilhabe an der Leistungsgesellschaft besser vorbereitet werden« sollen. Kritikerinnen bemängeln gerade diese Orientierung am Leistungsdenken. Die »Jungle World« sprach darüber mit der ersten stellvertretenden Vorsitzende der GEW Hamburg, Yvonne Heimbüchel.
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Was kritisieren Sie an den Bildungsplänen des ­Senats?

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Vorweg: Eine grundlegende Ablehnung einer Überarbeitung und Weiterentwicklung der Bildungspläne vertreten wir als GEW nicht. Im Zentrum unserer Kritik an den Entwürfen steht der Paradigmenwechsel hin zur Leistungsorientierung. Die daraus folgende Verdichtung wird kaum Raum für kreative, offenere und selbstverantwortete Lernformen sowie außerunterrichtliche Erfahrungen lassen.

Wo lauert die Erhöhung des Leistungsdrucks? Und können die Schülerinnen und Schüler diesen eigentlich noch meistern?

Einig sind sich alle in der Einschätzung, dass die vielen inhaltlichen Vorgaben einen großen Teil der zur Verfügung stehenden Unterrichtszeit in Anspruch nehmen werden. Den Verbänden hat ein Behördensprecher auf Nachfrage in einem »Fachforum Bildungspläne« mitgeteilt, dass bei der Erstellung der Pläne gerade in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, Anm. d. Red.) bis zu 80 Prozent der Unterrichtszeit für die Bewältigung der Vorgaben eingeplant worden seien. Was für eine Überfrachtung!

Das gerade veröffentlichte Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung hat gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler Motivations- und Konzentrationsprobleme haben und sich schwer wieder in den Unterrichtsalltag einfinden können. Die Mehrheit der Lehrerinnen hat sich dieser repräsentativen Umfrage zufolge die Priorität gesetzt, die sozialen und psychischen Folgen der Pandemie zu bewältigen. Es werden also wieder einmal der Idealismus und der Einsatz der Lehrerkräfte sein, die dafür sorgen werden, dass ein ungesundes Bulimie-Lernen nicht zum Schulalltag wird.

Man denkt natürlich zunächst an die Kinder, aber auch Lehrer und Schulleiterinnen geben ihren Unmut lautstark kund. Was kommt auf die Pädagoginnen zu?

Eine Menge zusätzlicher Aufgaben, die keineswegs adäquat in der Arbeitszeitverordnung abgebildet sind. Auch steht bislang nicht in Aussicht, dass hierfür mehr Zeit und Personal zur Verfügung gestellt werden.

Der Senator hatte darum gebeten, bis Ende Juni Verbesserungsvorschläge einzureichen. Was ist davon zu erwarten?

Sicherlich sollten die Rückmeldungen über den Dienstweg an die Behörde gelangen. Die Rückmeldungen zeigen sich aber auch überdeutlich in der Öffentlichkeit: Kollegien, Gremien und Verbände geben ihre Stellungnahmen und Positionspapiere breit zur Kenntnis und zur Diskussion. Der Senator reagierte hierauf in seiner Rede Anfang Juni: Er sei sich nach den Erfahrungen mit bisherigen Bildungsreformen sicher, dass es in zwei Jahren rückwirkend heißen werde: »Eigentlich war es genau richtig.« Für mich heißt das: Rückmeldungen werden mitgenommen und man braucht darauf nicht reagieren. Denn im Nachhinein wird alles gut eingespielt sein. So war es tatsächlich bereits bei den bisherigen Reformen, denn sie wurden allesamt von den Schulgemeinschaften mit großem Engagement und Idealismus nach bestem Wissen und Gewissen mitgetragen und umgesetzt. Bei den jetzt vorliegenden Entwürfen muss man sagen: Partizipation sieht anders aus.