Ein Besuch der Vorführung eines antizionistischen Films in Göttingen

Mit Popcorn gegen Israel

Das Bipoc-Kollektiv Göttingen hat am Freitag voriger Woche die antizionistische Dokumentation »Gaza Fights for Freedom« der Verschwö­rungs­theoretikerin Abby Martin gezeigt.
Raucherecke Von

Nakba Action Days in mehreren Städten am 15. Mai, die Internationalistische Queer Pride in Berlin-Neukölln Ende Juli oder die derzeit in Kassel laufende Documenta fifteen – als hätte es in den vergangenen Monaten nicht schon genug antisemitische Ausfälle gegeben, hat das Bipoc-Kollektiv Göttingen Freitag vergangener Woche noch einen weiteren hinzugefügt. In einem Göttinger Nachbarschaftszentrum hat es den Dokumentarfilm »Gaza Fights for Freedom« der US-amerikanischen BDS-Aktivistin Abby Martin gezeigt.

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Die Dokumentation nimmt den »March of Return« im Jahr 2018 zum Anlass, um die vermeintliche Bösartigkeit Israels und seiner Bevölkerung mit altbekannten Unwahrheiten über Gaza als größtes und am dichtesten besiedeltes »Freiluftgefängnis« der Welt zu belegen. Im Rahmen des »March of Return« versammelten sich von Ende März 2018 bis ins Folgejahr Tausende palästinensische Demonstrierende im Gaza-Streifen an der Grenze zu Israel, um – bewaffnet mit Steinen und Brandsätzen – vorgeblich ein Rückkehrrecht zu erkämpfen, das den seit der Gründung Israels am 14. Mai 1948 und dem arabischen Überfall infolge dessen Geflohenen, oder vielmehr deren Kindern und Kindeskindern, vorenthalten werde. Bei den Auseinandersetzungen mit der israelischen Armee wurden mehr als 200 Demonstrierende getötet und Tausende verletzt.

In ihrer Dokumentation schreckt Martin weder vor Verschwörungsphantasien über Pläne zur Schaffung eines »Groß-Israel«, das weite Gebiete des Nahen Ostens umfassen soll, noch vor der Unterstellung zurück, die gesamte Weltpresse habe sich gegen die Palästinenserinnen und Palästinenser verschworen. Die Darstellung Israels passt zu Martins sonstigen Auslassungen, unter anderem hatte sie in einem Video von 2008 die Anschläge vom 11. September 2001 auf die beiden Türme des World Trade Centers als ­»inside job« bezeichnet.

Davon ließen sich die etwa 40 Anwesenden nicht stören, die in entspannter Atmosphäre mit Popcorn und Getränken das mit schnellen Schnitten inszenierte und mit dramatischer Musik unterlegte Leid der Menschen in Gaza verfolgten. Außerdem konnte man in einem ausliegenden Pamphlet der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft blättern, das ebenfalls eine verkürzte und ver­fälschende Darstellung der Entstehung Israels bereithielt.

Dass es breiten Widerspruch gegen die Ausstrahlung der Dokumentation geben würde, damit hatte man in der vermeintlichen linken Hochburg Göttingen ohnehin nicht rechnen können. In der linken Szene herrscht erstaunliche Sprachlosigkeit beim Thema Antisemitismus.

Als im Mai vergangenen Jahres 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer antiisraelischen Demonstration durch die Stadt gezogen waren und an jüdischen Einrichtungen vorbeilaufen wollten, hatte es lediglich die kleine feministische Gruppe »F-act« vermocht, öffentlich dagegen Stellung zu beziehen. Das Bipoc-Kollektiv Göttingen hatte vor Ort einen Redebeitrag gehalten, der, wie auch der Ankündigungstext zu der Filmvorführung, die zeitgemäßen antizionistischen Vokabeln von »Apartheid« und »ethnischer Säuberung« enthielt. Mit Gruppen wie Migrantifa Braunschweig und »Palästina spricht« Hannover ist der linke Antizionismus in der Region offenbar im Aufwind. Postmodern gestimmte Linke erheben vermutlich aus einem falsch verstandenen Antirassismus heraus keinen ernsthaften Widerspruch.

Das ist umso schockierender, als in Göttingen im Juli 2014 ein aufgepeitschter antizionistischer Mob während einer »Demonstration für Gaza« eine kleine Gruppe Gegendemonstrantinnen und -demonstranten angegriffen und damit gezeigt hatte, dass es im Zweifel nicht bei verletzenden Worten bleibt.