»The Woman King« biegt sich die Geschichte der Sklaverei zurecht

Der diskrete Charme der Monarchie

Der Historienfilm »The Woman King« dreht sich um das afrikanische Königreich Dahomey, in dem sich auch die weibliche Bevölkerung gegen europäische Sklavenhändler zur Wehr setzt. Statt aber ­historisch korrekt zu erzählen, will der Film eine politische Stellungnahme zur heutigen Debatte sein – und verkitscht und verfälscht dafür die Geschichte.

Wer die Reaktionen auf den Tod von Königin Elisabeth II. mitverfolgt hat, muss zu dem Schluss kommen: Es gibt einen diskreten Charme der Monarchie, dem auch die Linke heillos erlegen ist. Eine wilde Mixtur der Gefühle, deren Zusammensetzung den Verzauberten selbst nicht so ganz klar zu sein scheint. Allerdings: Wie bei jedem attraktiven Zauber liegen Lobpreisen und Verfluchen einander sehr nahe. Um den britischen Hochadel wird eine politische Märchenerzählung der Gegenwart gesponnen, voller fescher Prinzen, ­verfemter Prinzessinnen und böser Schwiegermütter.

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Schon der Leidensweg der aus dem Königreich geflohenen Harry und Meghan war im Grunde ein klug vermarktetes, politisch-gefühliges Stück Vorabendunterhaltung, das nicht nur in Großbritannien auch in der Linken diskutiert wurde. Nun überzieht ein progressives Milieu, dessen Mitglieder selbst kein Problem damit haben, sich affirmativ als »Queens« zu bezeichnen, die verstorbene 96jährige Königin mit politischer Schelte – und verwechselt ­dabei erbostes Tweeten mit heldenhaftem Barrikadenkampf vor den Mauern von Schloss Windsor. Tatsächlich bricht man sich als Linker keinen Zacken aus der Krone, wenn man ein unaufgeregtes Verhältnis zur britischen Monarchie in ihrer konstitutionellen Form pflegt – ­genau wie jene working class beiderseits des Ärmelkanals, die zum Tod der Queen ein bisschen früher in den Feierabend ging, um bei ein paar Gläsern Erinnerungen auszutauschen und zu diskutieren.

Entgegen der filmischen Darstellung war Dahomey einer der berüchtigsten Sklavenhändlerstaaten Westafrikas. Überfälle auf Nachbarvölker waren an der Tagesordnung.

Nun, da die vielgescholtene Monarchin beerdigt ist, verlangt das ­linke Interesse am Adel nach einer popkulturellen Nachfolgerin. Die ­Königin ist tot, lang lebe die Königin. Das Kino scheint bereits eine mög­liche Thronfolgerin gefunden zu haben, die, wie im Märchen versprochen, weise und gerecht herrschen wird – ganz nach dem Gusto der aufgebrachten Kritiker der britischen Monarchie und ihrer Kolonialverbrechen.

»The Woman King« – hätte man den Film nicht eher »The Queen« nennen sollen? – kommt als bildgewaltiges Historienepos daher, das sich der guten Sache verschrieben hat. Im Jahre 1823 einsetzend, erzählt der Film vom Freiheitskampf des westafrikanischen Königreichs Dahomey, dessen Herrschaftsgebiet im heutigen Benin lag, gegen benachbarte Reiche und die europäischen, genauer: portugiesischen Sklavenhändler. Im Zentrum stehen dabei die Agojie, historisch verbürgte Elitekämpferinnen von Da­homey. Wie in jedem Kriegsfilm gibt es eine raubeinige Anführer­figur (Viola Davis als General Nanisca), die unter ihrer Forschheit ein Herz aus Gold versteckt hält, und selbstverständlich auch eine zukünftige Heldin (Nawi, gespielt von Thuso Mbedu) sowie eine lässige, ­erfahrene Kämpferin (Lashana Lynch als Izogie), die zum Vorbild der jungen Rekrutinnen wird.

Dem mischt der Film noch eine Prise Familiendrama bei, denn in der solidarischen Gemeinschaft der Soldatinnen verbirgt sich auch eine verwandtschaftliche Verbindung, die aufgedeckt werden will. Das erste Drittel des Films besteht aus Drill und Bootcamp, wie man sie aus Stanley Kubricks »Full Metal Jacket« kennt. Darauf folgt der Feldzug und schließlich ein märchenhaftes Ende, Königin und Prinzessin inklusive.

Allein, von Stanley Kubricks beißender Kritik an militärischer Zurichtung und Korpsgeist gibt es hier keine Spur. Die bei einer solchen Blockbusterproduktion zu erwartete Freiheit in Bezug auf historische ­Genauigkeit steigert sich hingegen zur Geschichtsklitterung. »The ­Woman King« ist erschreckend durchschaubar und rücksichtslos in der Art, wie er der Geschichte die politischen Bedürfnisse der Gegenwart überstülpt – so gerechtfertigt diese auch sein mögen. Das nimmt sich vor allem deshalb erstaunlich absurd aus, weil der politische Alltag in der Monarchie Dahomey kaum unvereinbarer mit den progressiven Wünschen der Regisseurin Gina Prince-Bythewood und der Drehbuchautorin Dana Stevens sein könnten.

Der Film zeichnet das verführerische Bild einer Gemeinschaft freier, schwarzer Frauen, die an keine Männer gebunden sind und deren König Ghezo (John Boyega) ihre Ratschläge stets verständnisvoll annimmt. Während die Nachbarstaaten des Reichs nur Übles im Sinn haben (sie paktieren mit den europäischen Sklavenhändlern,), gründet in »The Woman King« die wirtschaftliche Macht von Dahomey auf der nachhaltigen Produktion von Palmöl.

Ganz anders die historische Realität: Die Aufnahme in die Krieger­innengemeinschaft der Agojie, die rechtlich betrachtet Ehefrauen und Eigentum des Königs waren, erforderte genauso wie jede zivile Heirat in Dahomey die weibliche Genitalverstümmelung. Entgegen der filmischen Darstellung war Dahomey einer der berüchtigsten Sklavenhändlerstaaten Westafrikas. Überfälle auf Nachbarvölker und Raubzüge waren an der Tagesordnung, und zwar mit der Absicht, die Gefangenen entweder als Sklaven an die Europäer oder nach Amerika zu verkaufen, sie für die eigene Wirtschaft auszubeuten oder als Menschenopfer für den ­König zu ermorden. Das Ende des transatlantischen Sklavenhandels trug maßgeblich zum Niedergang des Königreichs bei. Es war Großbritannien, das im Jahre 1851 aufgrund seiner Gesetze zur Abschaffung der Sklaverei den Sklavenhandel von Da­homey zumindest für eine kurze Zeit sogar mit einer Seeblockade ­unterband.

Eine der letzten Sequenzen des Films zeigt, wie die Agojie von der Küste aus den davonsegelnden Europäern hinterherblicken. Bilder, die an das Ende von Mel Gibsons Meisterwerk »Apocalypto« erinnern, in dem die sich bekriegenden indigenen Völker Mexikos mit Schrecken beobachten müssen, wie die ersten Schiffe der Konquistadoren landen. Ein Film, dem zwar ebenfalls wenig an historischer Akkuratesse gelegen ist, der aber immerhin berücksichtigt, dass die Stammeskriege und der Menschenhandel der Indigenen ­untereinander den europäischen Eroberern ein willkommenes Einfallstor bereiteten.

»The Woman King« möchte von solcher Komplexität nichts wissen. Stattdessen erdreistet sich der Film in seiner letzten Einstellung auch noch dazu, den Namen von Breonna Taylor, einem Todesopfer rassistischer Polizeigewalt in den USA, einer Agojie-Kriegerin in den Mund zu legen. Das mögen die Filmemacherinnen vielleicht postmodern schick gefunden haben, es zeugt aber vor allem von einem Mangel an Geschichtsbewusstsein und Pietät.

Unwichtige Nebensächlichkeiten für eine Linke, welche die Monarchie als großes Politmärchen unserer Gegenwart betrachtet, mit klar definierter Abneigung und Sympathie: auf der einen die böse, alte Queen und auf der anderen Seite die gerechte Thronfolgerin von Dahomey. Der diskrete Charme der Monarchie trübt ­offenbar den Blick für das Wesentliche: Man muss sich nicht von linken Werten verabschieden, um den pink-rosafarbenen oder mintgrünen Kostümen von Königin Elisabeth II. eine gewisse modische Lässigkeit zuzugestehen. Als linke Filmemacherin hingegen die blutige Historie eines Sklavenhändlerkönigreichs zur Empowerment-Geschichte zurechtzufabulieren, das ist Hofberichterstattung, wie sie sich jeder Monarch wünscht.

The Woman King (USA 2022). Buch: Dana Stevens. Regie: Gina Prince-Bythewood. Darsteller: Viola Davis, Thuso Mbedu, Lashana Lynch, Sheila Atim, John Boyega. Filmstart: 6.Oktober