Die Romanverfilmung »Das Ereignis« erzählt vom Schrecken einer Abtreibung in den sechziger Jahren

Odyssee durch Arztpraxen

In ihrem Roman »Das Ereignis« schildert die französische Autorin Annie Ernaux ihren Schwangerschaftsabbruch in den sechziger Jahren unter den Bedingungen der Illegalität. Audrey Diwans gleich­namige Verfilmung, die jetzt auf DVD erhältlich ist, erinnert über weite Strecken an einen Thriller.

Wüsste man nicht, dass es sich bei Audrey Diwans »Das Ereignis« (»L’Événement«, 2021) um die filmische Erzählung über eine ungewollte Schwangerschaft und die darauffolgende Abtreibung handelt, könnte man sich fast in einem Spionagefilm wähnen. Anne, die Protagonistin des Films, eine in Rouen lebende Literaturstudentin, sieht sich ständig um, ob sie beobachtet wird. Auf den Fluren von Universität und Wohnheim führt sie flüsternde Unterhaltungen, Eingeweihte wenden den Blick ab, weichen ihr aus. Zu nervös zupfender Musik schließt sie sich auf Toiletten ein, beseitigt Spuren, sucht in Bibliotheken verstohlen nach wichtigen Informationen und wartet ungeduldig vor Telefonzellen. Irgendwann ruft sie eine Nummer an, die ihr bei einem nächtlichen Treffen unauffällig auf einem Zettel zugesteckt wurde, bevor sie gegen Ende heimlich eine Wohnung aufsucht. Die ganze Zeit spürt man ihre Angst, fürchtet, sie könnte auffliegen und ihre Geheimoperation scheitern.

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Bis zur Reform des Abtreibungsrechts im Jahr 1975 waren Schwangerschaftsabbrüche in Frankreich illegal, wurde man erwischt, drohte eine Gefängnisstrafe. Doch erst einmal musste man mit den richtigen Kontakten überhaupt an die Adresse einer sogenannten »Engelmacherin« herankommen. »Das Ereignis« spielt 1963, also lange bevor die Fristenregelung in Kraft trat. Der Hybrid aus Abtreibungsdrama und Thriller ist also näher an der Realität, als es einem heutigen Publikum zunächst scheinen mag. Nur bedingt hält sich der Film hingegen an seine literarische Vorlage: den gleichnamigen autobiographischen Bericht der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, der im Jahr 2000 erschien.

Für die Tochter kleiner Händler stand mit der ungewollten Schwangerschaft alles, was sie sich erarbeitet hatte, auf dem Spiel. Schließlich bedeutete das Studium, dem Verkaufstresen und dem Schicksal als Hausfrau zu entkommen. Ernaux’ Buch kreist deshalb immer wieder um die Klassenfrage.

Ernaux schreibt Erinnerungserzählungen, oder anders gesagt: Man sieht ihr bei der Erinnerungsarbeit zu. In ihren Autofiktionen »Die Scham« (»La Honte«, 1997), »Eine Frau » (»Une Femme«, 1987) oder »Die Jahre« (»Les Années, 2008) nähert sie sich ihrer Vergangenheit an, um »etwas von der Zeit zu retten, in der man nie wieder sein wird«. Die so nüchterne wie präzise Beschreibung verbindet sich in ihrem Schreiben mit der Selbstreflexion. Ernaux’ Texte bedeuten ein ständiges Innehalten, Überprüfen und Zurechtrücken. »Ich will noch einmal in jenen Lebensabschnitt eintauchen und erforschen, was dort passiert ist. Dies wird im Rahmen einer Erzählung geschehen, denn nur so kann ich ein Ereignis schildern, das nichts anderes gewesen ist als Zeit außerhalb meiner selbst (…) Vor allem werde ich mich bemühen, in jedes einzelne Bild einzutauchen, bis ich das körperliche Empfinden habe, zu ihm ›vorzudringen‹, bis mir Worte einfallen, von denen ich sagen kann, ›das ist es‹«, heißt es in »Das Ereignis«.

Das Festhalten von Momenten und Bildern bei Ernaux ist sicherlich dem Medium der Fotografie näher verwandt als dem Film beziehungsweise dem Erzählkino. »Das Ereignis« ist für die Verhältnisse der Autorin jedoch erstaunlich dicht und romanhaft geschrieben und zudem chronologisch verfasst. Die Selbstreflexionen der Vorlage gehen in Diwans Adaption gleichwohl verloren, auch wenn sich die Regisseurin um eine atmosphärische Übersetzung bemüht.

Nur für kurze Zeit gewährt der Film einen Einblick in die Zeit davor. Anne (Anamaria Vartolomei) und ihre Freundinnen – wie die Protagonistin Studentinnen aus der Arbeiterschicht – machen sich für eine Party fertig. Noch sind sie Komplizinnen. Die jungen Frauen wirken hungrig nach Blicken und Berührungen, halten sich aber zurück und bleiben unter sich. Der gute Ruf steht auf dem Spiel, für Frauen ist Sex zudem eine gefährliche Sache. Eine Schwangerschaft würde das Ende des Studiums bedeuten und Aufsteigerinnen wie Anne in ihre Herkunftsklasse zurückbefördern. »Das wäre der Weltuntergang«, meint Brigitte, die von ihrer unterdrückten Geilheit zuweilen ein wenig gepeinigt wirkt.

Bald schon setzen Annes ängstliche Blicke in ihre weiße Unterhose einen Countdown in Gang. Zwischen dem ersten beunruhigten Tagebucheintrag zum Ausbleiben der Periode über die Odyssee durch Arztpraxen, aus denen sie verwiesen wird, bis hin zum blutig endenden Schwangerschaftsabbruch liegen neun Wochen, in denen alles zum »Ereignis« verklumpt. Die eingeblendeten Wochenzahlen – von »3 Wochen« an wird hochgezählt – zeigen das Geschehen als einen Wettlauf gegen die Zeit.

Diwan, die mit einem überwiegend weiblichen Team gedreht hat (von der Drehbuchautorin über die Szenen- und Kostümbildnerin bis hin zur Visagistin und Friseurin), lässt ihre Pro­tagonistin nahezu keine Sekunde aus den Augen. Manchmal heftet sich die Kamera von Laurent Tangy, einem der wenigen Männer des Teams, so nah an den Rücken Annes, dass man fürchtet, ihr in den Nacken zu atmen. Entsprechend dem mit der Schwangerschaft einsetzenden Ausschluss aus der »normalen Welt«, wie Ernaux es nennt, wirkt die Figur auch im Bild isoliert. Manchmal löst sich die Umgebung in Unschärfen auf, auch entfernen sich die Geräusche und Stimmen der Außenwelt und lassen Anne wie in einem Vakuum zurück.

Annes »Problem« macht sie für wissende Außenstehende gleichermaßen aussätzig wie faszinierend. Die Freundinnen wenden sich mit einer Mischung aus Abscheu und Neid ab – »das geht uns nichts an«. Doch vor allem der Blick der Männer ändert sich. Plötzlich ist sie die Frau, die ganz sicher schon mal Sex gehabt hat, das macht sie in den Augen der Männer verfügbar. Außerdem ist es praktisch: Sie ist ja schon schwanger. Helfen aber will ihr niemand. Von allen verlassen greift Anne auch zu verzweifelten Maßnahmen; einmal versucht sie, ihre Schwangerschaft mit Hilfe einer Stricknadel zu beenden. Ihre Tortur endet selbst dann nicht, als sie eine Ärztin gefunden hat, die bereit ist, ihr zu helfen. Da die provozierte Fehlgeburt ausbleibt, muss die Prozedur wiederholt werden.

Für Ernaux war der Bericht über ihre Abtreibung eine politische Entscheidung. Die Details zu verschweigen, hätte sie »zur Komplizin der männlichen Herrschaft über die Welt« gemacht, so schreibt sie. Diwan nimmt sie beim Wort. Nun ist es etwas anderes, über all das zu lesen, als einer gequälten Figur in ihr schmerzverzerrtes Gesicht zu schauen oder auf einen zwischen ihren Beinen baumelnden Fötus. Der Film feierte seine Premiere bei den 78. Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo er mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Seither ist das Abtreibungsrecht in einigen Teilen der Welt weiter eingeschränkt worden. Trotz der Aktualität seines Anliegens ringt »Das Ereignis« immer wieder mit der Schwierigkeit, Annes Drama körperlich erfahrbar zu machen, ohne die Figur zu sehr dem Blick der Betrachter preiszugeben.

Für die Tochter kleiner Händler stand mit der ungewollten Schwangerschaft alles, was sie sich erarbeitet hatte, auf dem Spiel. Schließlich bedeutete das Studium, dem Verkaufstresen und dem Schicksal als Hausfrau zu entkommen. Ernaux’ Buch kreist deshalb immer wieder um die Klassenfrage: »Doch weder das Abitur noch ein erster Universitätsabschluss in Literatur konnten die unvermeidliche Weitergabe der Armut verhindern, deren Symbol die unverheiratete Schwangere war, im selben Maß wie der Alkoholiker. Im Sex hatte mich meine Herkunft eingeholt, und was da in mir heranwuchs, war gewissermaßen das Scheitern meines sozialen Aufstiegs.« Indem der Film die Figur in ihrer ­gigantischen Einsamkeitsblase isoliert, verschwimmt auch ihr sozialer ­Kontext zuweilen in Unschärfe.
 

Annie Ernaux: Das Ereignis. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2021, 104 Seiten, 18 Euro

Das Ereignis (F 2021). Regie: Audrey ­Diwan. Darsteller: Anamaria Vartolomei, Sandrine Bonnaire, Kacey Mottet-Klein, Pio Marmaï, Anna Mouglalis. Auf DVD und als ­Video on Demand