Die ungarische Regierung baut rechte akademische Institutionen auf

Pflege des Magyarentums

Die ungarische Regierung investiert Milliarden in das Mathias-Corvinus-Collegium, eine akademische Einrichtung, die Schülern und Studie­renden Bildungsangebote macht, Netzwerke knüpft – und die rechten Ideen der Regierung propagiert. Nun will es auch nach Brüssel expandieren.

»Ungarn entwickelte sich zu einer Wissenssupermacht, und darin spielte das Mathias-Corvinus-Collegium eine große Rolle«, sagte Balázs Orbán Mitte September in Budapest bei der feierlichen Eröffnung des akademischen Jahres des ungarischen Bildungsinstituts. Orbán ist nicht nur Strategieberater des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán (mit diesem jedoch nicht verwandt), sondern auch Vorsitzender der Trägerstiftung des Mathias-Cor­vinus-Collegiums (MCC).

Anzeige

Der ungarische Staat hat dieses Institut, das Tausenden Schülern und Studenten kostenfreie außeruniversitäre Bildungsangebote bietet, mit großzü­giger finanzieller Unterstützung aufgebaut. Es verfolgt das Ziel, neben der akademischen Arbeit die politischen Ideen der ungarischen Regierung zu propagieren und Netzwerke aufzubauen – auch international.

»Unser Ziel ist es, die nächste patriotische Generation vorzu­be­reiten.« Selbstbeschreibung des Mathias-Corvinus-Collegiums

So soll im Oktober ein eigenes Zen­trum des MCC in Brüssel eröffnet werden. Wie Balázs Orbán auf Facebook ankündigte, konnte das MCC für die Leitung den deutschen emeritierten Professor der TU Dresden, Werner Patzelt, sowie Frank Furedi von der Universität Kent gewinnen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung arbeitet seit Jahren mit dem MCC zusammen und tritt beispielsweise als Partnerin bei gemeinsamen Veranstaltungen auf. »Unser Ziel ist es, die nächste patriotische Generation vorzubereiten, die talentiert ist, offen ist und internationale Erfahrung ­besitzt«, heißt es auf der Website des MCC.

Das MCC ist eines von etwa 150 akademischen Spezialkollegs in Ungarn, die zusätzlich zur ihrer Funktion als Wohnheime gesellschaftspolitische Ziele verfolgen, indem sie Studierenden außerhalb des Universitäts- und Schulsystems Fortbildungen ermöglichen. Die Tradition der Spezialkollegs geht in Ungarn auf das 19. Jahrhundert zurück. In den achtziger Jahren spielten sie für die Oppositionsbewegung eine wichtige Rolle. Im bekannten Bibó-Kolleg in Budapest wurde 1988 die derzeit regierende Partei Fidesz gegründet, aus dem damaligen Studienkreis entwickelte sich der harte Kern der heutigen Regierung.

Das MCC hat 1996 der Fidesz nahestehende Geschäftsmann István Tombor gegründet. Nach dem Ende des Realsozialismus wurden in Ungarn eine Reihe sich als patriotisch verstehender Kultureinrichtungen als vermeintliches Gegengewicht gegen die Globalisierung und die angeblich kolonisierende Macht des Kapitals gegründet. Auch das MCC sollte Jugendliche fördern, denen »das Wohl der Nation« besonders am Herzen liegt.

Wenn die Partei Fidesz an der Regierung ist, also 1998 bis 2002 und ohne Unterbrechung seit 2010, fließen dem Collegium öffentliche Gelder zu; war sie in der Opposition, sprangen private Förderer ein. Seit 2001 wird das MCC systematisch ausgebaut. Zuerst kam ein Wohnheim für 47 Studierende dazu, dann wurden Bildungsgänge im Fernunterricht für Gymnasiasten und Studiengänge in den Bereichen Recht, Wirtschaft, Sozialwissenschaften, Internationale Beziehungen und Kommu­nikation eingerichtet. Seit 2009 bietet das MCC auch »Leadership Training« an. Mit einem Roma-Talentprogramm will das MCC regierungstreue Vertreter der Roma-Minderheit an sich binden.

An der Universität gibt es Fakultäten für Recht, Wirtschaft, Medien, Psychologie, Internationale Beziehungen, Sozial- und Geschichtswissenschaften ­sowie Forschungsinstitute beispielsweise für Klimapolitik, Migrations-, Jugend- und Lernforschung, zudem das Ungarisch-Deutsche Institut. Die Teilnahme ist für Schüler und Studierende kostenlos, auch Stipendien und günstige Zimmer werden angeboten.

Seit 2010 wurde in den Nachbarländern die Suche nach Nachwuchskräften unter den magyarischen Minderheiten ausgeweitet, auch auch in Ländern außerhalb der EU, da das 2010 von Fidesz verabschiedete Staatsbürgerschaftsgesetz die Zuwanderung aus diesen Gebieten vereinfacht. Heute gibt es Ausbildungszentren an insgesamt 27 Standorten in Ungarn und außerhalb Ungarns, vor allem in Rumänien, aber auch in der Ukraine. Bald sollen es über 30 sein.

Leitender Direktor des MCC ist seit 2009 der Germanist und Kulturhistoriker Zoltán Szalai, der über die Jahre ein gut funktionierendes gesellschaftliches Netzwerk aufgebaut hat. Das MCC ist mit Redaktionen und Verlagen verbunden, viele private und staatliche Unternehmen und Institutionen werden von Ehemaligen geleitet. Szalai ist zudem Herausgeber des bekannten Internetportals Mandiner, das seit 2017 im Eigentum des MCC ist und seit 2020 als Wochenblatt erscheint, und gehört seit 2018 der Redaktion des nationalkonservativen Portals Kommentar an. Er selbst kämpft gegen eine »von Li­beralen dominierte akademische Welt«. Auch einen eigenen Verlag betreibt das MCC seit 2011.

Im Zuge der Umgestaltung des ungarischen Universitätswesens ab 2020 verlieh die Regierung etlichen Hochschulen die Rechtsform von Stiftungen (Jungle World 21/2021). Ihre Absicht war, die Propagierung der rechten Regierungsideologie in der akademischen Bildung dauerhaft zu etablieren, auch für den Fall, dass die Regierung Orbán nicht an der Macht bleiben sollte. Es ging dabei nicht – wie vielfach vermutet – um eine neoliberale Kommerzia­lisierung, denn die Regierung finanziert die Universitäten weiterhin, und zwar mit längerfristigen Zuwendungen. Die Universitäten wurden allerdings der Kontrolle der Regierung entzogen: Ihre Arbeit unterliegt einzig dem Stiftungsrecht, der ungarische Staat hat auf alle Gründungsrechte verzichtet.

Alle Stiftungskuratorien wurden mit regierungsnahen Mitgliedern besetzt. Deren Posten sind mit langfristigen Verträgen gesichert, sie können nur vom Kuratorium selbst gewählt oder ausgeschlossen, aber weder von der amtierenden Regierung noch von einer nachfolgenden Regierung ausgetauscht werden, und der obligatorische dreiköpfige Aufsichtsrat wird ebenfalls von ihnen gewählt. Stirbt eines der Mitglieder oder tritt zurück, wählt das Kura­torium einen Nachfolger. Dieses Verfahren gewährleistet politische Kon­trolle durch einen kleinen Personenkreis, in den einzudringen sehr schwierig ist.

Das MCC spielte bei dieser Reform eine bedeutende Rolle. Es bekam bedeutende Vermögenswerte und Immobilien und ein Portfolio von Aktien des Ölkonzerns Mol und des Pharmakonzerns Gedeon Richter, insgesamt im Wert von 1,4 Milliarden Euro, was so viel ist, wie der ungarische Staat in ­einem Jahr für Hochschulbildung ausgibt. Derzeit befindet sich ein neuer MCC-Campus in Budapest im Bau.

Dem Gründungsstatut zufolge kann das Institut zudem in Vermögenswerte investieren und gewinnorientierte Unternehmen gründen oder erwerben. So ist das MCC kürzlich durch den Ankauf von Anteilen der Buchhandels­kette Libri in den Buchmarkt eingestiegen.

Mit dieser finanziellen Ausstattung soll das MCC bald schon Zehntausend Schüler und Studierende in Ungarn und im Ausland, vor allem auf dem früheren Gebiet »Großungarns« im Karpatenbecken, vom Grundschulalter bis zur Promotion fördern und ihnen Kurse anbieten. Mit seiner Praxisorientierung, den Möglichkeiten zur Weiterbildung und seinen finanziellen Kapazitäten ist es für das studentische Milieu Ungarns – so scheint es – attraktiv. Die Eröffnung des Brüsseler Zentrums eröffnet die Perspektive auf Auslandsaufenthalte im Zentrum der EU.

Das MCC propagiert mit Publikationen, akademischen Veranstaltungen, aber auch Podcasts auf Ungarisch, Englisch und Deutsch die politischen Ideen der Neuen Rechten, die sich gegen »Globalismus«, Einwanderung, »Genderideologie« und die angebliche liberale Hegemonie in den westlichen Staaten richten. Wenn sich der Strategieberater des Ministerpräsidenten und Kuratoriumsvorsitzende von MCC, Balázs Orbán, gegen den Vorwurf des Nationalismus wehrt, hat er jedoch insofern recht, als die deklarierte Vision der Regierung Orbáns seit 2014 neben der Errichtung der »illiberalen Demokratie« die Hinwendung zum Osten ist, noch konkreter zum eurasischen Kultur- und Wirtschaftssystem, verbunden mit dem Traum einer neuen Weltordnung.

Diese im Kern gegenaufklärerische, antiemanzipatorische, maskulinistisch-hierarchische und rassistische Position, die sich gegen eine »Rassen­mischung« (Viktor Orbán) und für eine mythologische transnationale Artgemeinschaft ausspricht, soll einen Gegenentwurf zum westlichen Liberalismus darstellen. Mit Bezug auf die zentralasiatische Herkunft der Magyaren werden die Ungarn als Begründer der Zivilisation, aber auch als spirituelle »Lichtbringer« dargestellt. Der immer wieder beschworene Hinweis auf die Christlichkeit meint weniger eine Religion der Nächstenliebe, sondern ist im Sinne eines ario-christlichen, eurasischen Ahnenkults zu verstehen, in dem selbst Jesus Christus zum »parthischen Prinzen« und im Sinne einer Rassentheologie seiner jüdischen Herkunft entledigt wird.

Der eurasische Ahnenkult mit der skythisch-persischen Abstammungsthese wird beispielsweise in dem 2021 in deutscher Übersetzung im akademischen Verlag Springer VS veröffentlichten Sammelband »Der ungarische Staat« beschworen, der auf Ungarisch 2019 mit einem Geleitwort Viktor ­Orbáns im MCC-Verlag erschienen ist und in dem unter anderen auch Carl Schmitts politische Theologie und Heideggers Metapolitik zustimmend re­zipiert werden. Als Herausgeber fungieren Zoltán Szalai und Balázs Orbán. Verschiedene regierungsnahe Wissenschaftler erläutern hier die ideologischen Grundlagen der antiliberalen und antiuniversalistischen nationalen Ideologie der Fidesz-Regierung und des »Magyarentums«. Sie rekurrieren dabei unter anderem auf nationalistische Denker des frühen 20. Jahrhunderts und aus der Zeit des Horthy-Regimes sowie Ideologieelemente des völkischen ungarischen Nationalismus.