Mit gefälschten Nachrichtenseiten führt Russland einen Propagandakrieg im Internet

Der Angriff der Trolle

Die russische Propaganda nutzt derzeit gehäuft gefälschte Websites, Videos und angebliche Regierungsdokumente. Damit soll unter anderem die Solidarität mit der Ukraine geschwächt werden.
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Der russische Propagandakrieg nahm diesen Sommer ein bisher ungekanntes Ausmaß an, als eine Vielzahl von Web­sites auftauchte, die prorussische Desinformation enthielten. Da wurde behauptet, dass Deutschland einen Atomkrieg vorbereite, es zu Todesfällen wegen zum Energiesparen ausgeschalteter Straßenbeleuchtung komme und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in einen Sex-Skandal verwickelt sei. Dieser Unsinn wurde im Erscheinungsbild vielgenutzter Nachrichten-Websites verbreitet. Dafür wurden Layouts und Inhalte der Online-Auftritte von Spiegel, Bild, FAZ und vielen anderen bis ins Detail nachgebildet.

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Links auf den gefälschten Websites führten sogar auf die echte Website. Obendrein luden die gefälschten Seiten die Cookies der Originale nach. Ihre Adressen lauteten zum Beispiel »news.faz.ltd« oder »www-t-online-de.tonline.cfd«, so dass flüchtige oder weniger technikaffine Lesende nicht auf den ersten Blick bemerkten, dass sich die gefälschten Websites nicht an den Adressen befinden, die sie nachahmen. Auch linke Tageszeitungen wie das ND waren von den Fälschungen betroffen, die Leserinnen und Leser der Jungle World erachtete man wohl nicht als geeignetes Zielpublikum.

Die Fälscher hoffen darauf, dass mehr oder weniger seriöse Redaktionen auf ihre Meldungen hereinfallen – oder andere Multiplikatoren, beispielsweise Politiker.

Da man normalerweise nicht aus Versehen auf gefälschten Websites landet, wenn man eigentlich gerade Spiegel Online lesen möchte, werden sie von zahlreichen sogenannten Fake-Accounts in den sozialen Medien verlinkt. Zu gewisser Berühmtheit gelangten etwa die »Netflix-Frauen« auf Facebook – es handelte sich um eine Reihe gefälschter Profile, die oft den Vornamen Odetta benutzten, angeblich bei Netflix arbeiteten und zuvor vor allem Kochrezepte gepostet hatten. Ihre echt wirkenden Fotos bilden keine realen Menschen ab, sondern wurden von sogenannten Machine-Learning-Algorithmen erzeugt. Mittlerweile sind die »Netflix-Frauen« von den Plattformen verschwunden, aber viele andere gefälschte Accounts dürften weiterhin unerkannt online sein.

Gefälscht werden nicht nur Artikel von Nachrichtenseiten. Auf die gleiche Weise werden zahlreiche Videos verbreitet, die Falschinformationen enthalten und zumeist in einer Ecke des Bilds ein Logo bekannter Medienmarken enthalten. Häufig handelt es sich um echtes Videomaterial, das jedoch etwas ganz anderes zeigt, als behauptet wird. Beispielsweise wird die Tonspur durch eine gefälschte Version ­ersetzt, um Politikerinnen und Politikern Aussagen in den Mund zu legen, die sie nie getätigt haben. Auch Nachahmungen von Re­gierungsdokumenten wurden in Umlauf gebracht. So wurden Dokumente der ukrainischen Regierung verbreitet, deren Text durch einen völlig anderen ersetzt worden war. Sie dienen dazu, frei erfundene Geschichten überzeugender wirken zu lassen.

Nach Bekanntwerden der Fälschungen gab Facebook Ende September an, ein russisches Desinformationsnetzwerk erkannt und abgeschaltet zu haben. Dieses habe rund 1 600 Accounts und 700 Facebook-Seiten umfasst. Allerdings wirft das Nachrichtenportal T-Online Facebook vor, nicht konsequent gegen entsprechende Accounts vorzugehen und weiterhin mit ihnen Geld zu verdienen.

Tatsächlich ist das Verbreiten bezahlter Beiträge eine wichtige Einnahmequelle für soziale Medien und spielt zudem eine zentrale Rolle beim Verbreiten von Propaganda und Falschinformationen. Weil sich nur wenige Menschen mit solchen Fake-Accounts auf Facebook befreunden, muss die Reichweite eingekauft werden, damit die Desinformations-Postings trotzdem durchdringen. Bei anderen sozialen Medien wie Instagram, Tiktok oder Twitter sieht es ähnlich aus.

Auch wenn die Fake-Accounts eher selten real existierende Freunde finden, spielen sie eine wichtige Rolle, weil sie den Beiträgen den Anschein verleihen, von normalen Menschen verbreitet worden zu sein. Doch dass die sozialen Medien gefälschte Profile und Desinformation immer besser erkennen und löschen, führt zu einem Strategiewechsel bei den Verbreitern. Mittlerweile werden auch offizielle Accounts von russischen Regierungsstellen, Botschaften oder russischen Medien benutzt, die längst nicht mehr regierungsunabhängig berichten können. Ihre Accounts werden sehr viel seltener von den Plattformen gesperrt oder gelöscht. Zudem schaffen es ihre Inhalte häufiger in die Meldungen von Nachrichtenagenturen und etablierten Medien.

Denn Ziel all dieser Bemühungen ist nicht nur die virale Verbreitung auf Social-Media-Plattformen. Vielmehr hoffen die Fälscher darauf, dass mehr oder weniger seriöse Redaktionen auf diese Meldungen hereinfallen – oder andere Multiplikatoren wie zum Beispiel Politiker. Letzteres geschieht relativ häufig, wobei es überwiegend, aber längst nicht nur Politiker der AfD sind, die gefälschte Nachrichten verbreiten, weil sie ihre politische Linie zu unterstützen scheinen. Ob und in welchem Ausmaß ihnen dabei bewusst ist, dass es sich um Fälschungen handelt, ist selten eindeutig festzustellen.

Ein Fall, in dem der Kampf gegen Falschinformationen funktionierte, war die Meldung, wonach in Bremen US-amerikanische Flugabwehrraketen vom Typ Stinger sichergestellt worden seien. Sie sollen angeblich aus Hilfslieferungen an die Ukraine stammen und von dort auf dem Schwarzmarkt gelandet sein. Die Geschichte stellte sich nach Recherchen des ZDF als Fälschung heraus. Um sie zu fabrizieren, wurden sämtliche Mittel von gefälschten Websites über Videos mit geänderter ­Tonspur bis hin zu gefälschten ukrai­nischen Regierungsdokumenten ­ein­gesetzt.

Wer genau hinter den Fälschungen steckt, lässt sich im Einzelfall nur selten nachweisen, aber die Spuren führen nach Russland. Jenseits der Auffälligkeit, dass die Desinformation russischen Zwecken dienlich ist, gibt es zahlreiche technische Hinweise. So wurden einige der Domain-Namen in Russland registriert, beim Gestalten der Websites wurden russische Sprach­einstellungen verwendet und häufig stammen automatisch gesetzte Zeit­angaben aus russischen Zeitzonen. Einige Inhalte konnten auf russische Trollarmeen zurückgeführt werden wie zum Beispiel die »Internet Research Agency« (IRA). Diese soll Jewgenij Prigoschin gehören, jenem Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der auch die Söldnertruppe Wagner gegründet hat.

Neben Falschinformationen über die Ukraine verbreiten die Desinformationskampagnen immer wieder Vorstellungen, die bei extrem Rechten beliebt sind: Der Westen werde von »Eliten« regiert, die sich gegen das Volk verschworen hätten; Russland schütze Werte, die unter anderem von queeren Menschen bedroht würden; Deutschland habe seine Souveränität verloren; es drohe der gesellschaftliche Kollaps. Das Ziel dieser Propaganda ist es, Unsicherheit und Verwirrung zu stiften, um die EU-Staaten zu destabilisieren.

Solche Ansichten mit Hilfe gefälschter Websites, Videos und Dokumente über Fake-Accounts zu verbreiten, reiht sich in eine größere Propagandastra­tegie Russlands ein. Deutschland ist einer der Schwerpunkte, was den Krieg in der Ukraine betrifft. Eine andere Desinformationskampagne fährt Russland in Burkina Faso, wo kürzlich nach einem erneuten Militärputsch eine russlandfreundliche Regierung an die Macht kam. Dort verbreiten pseudojournalistische Facebook-Seiten prorussische Falsch­nachrichten. International spielen weiterhin Propagandamedien wie das russische Auslandsfernsehprogramm RT (ehemals Russia Today) eine wich­tige Rolle, auch wenn der deutsche Ableger im Februar seine Sendelizenz verloren hat.

Ein weiteres Element russischer Desinformationskampagnen sind skurrile Websites, die wie schludrig zusammengestrickte Nachrichtenseiten aussehen und Namen wie »Brits­herald« (kein Tippfehler), »La Tarde Republicana« oder »Abendlich Hamburg« tragen. Sie dienen nicht dazu, von Menschen in Großbritannien, Spanien oder Deutschland ernst genommen zu werden, vielmehr handelt es sich um Fake-Quellen, um der russischen Bevölkerung vorzugaukeln, was westliche Medien angeblich so an Nachrichten verbreiten.