Das diesjährige Dokumentarfilmfestival in Leipzig zeigt viele Filme über den Tod

Visuelle Schläge in die Magengrube

Vom 17. bis zum 23. Oktober zeigte das Dok Leipzig mehr als 200 Filme. Auf dem diesjährigen Internationalen Festival für Dokumentar- und Animationsfilm dreht sich vieles um den sprichwörtlichen wie ganz buchstäblichen Tod – und um Wiedergeburt.

»Power off«: Die Küchenmaschine signalisiert, dass sie vom Stromnetz genommen wurde. »Ausgeschaltet.« Der Anblick wirkt so, als ob eine Maschinenstimme die Stille des Films durchbräche und damit vorwegnähme, was Minuten später zu sehen ist: der assistierte Tod eines Menschen. Die intime Beobachtung »A Night Song«, die auf dem Dok Leipzig Weltpremiere feiert, thematisiert Sterbebegleitung.

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Über 200 Filme aus 55 Ländern zeigt das Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm in diesem Jahr. Thematisch reichen sie vom Sterben bis zur Wiedergeburt. Viele Filme nehmen sich eines besonderen Orts an, stellen ihn in den Mittelpunkt.

In »The Pawnshop« (Regie: Łukasz Kowalski) dreht sich alles um eine schäbige Lagerhalle in Schlesien nahe der Stadt Bytom. Einst gedieh die Region durch den Steinkohleabbau; als es mit diesem zu Ende ging, kam auch die Gegend auf den Hund. Den Niedergang veranschaulicht das Pfandhaus, das auf vielen Quadratmetern nur Plunder anzubieten hat – weil niemand mehr etwas Wertvolles besitzt, das sich verpfänden ließe. Einige der feilgebotenen Waren stammen aus sozialistischer Produktion, andere gehören zu dem, was man sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs so zulegte. Die trübe Hoffnungslosigkeit, die hier herrscht, ist keineswegs auf den Postsozialismus beschränkt – die Dokumentation hätte so ähnlich wohl auch im rust belt der USA gedreht werden können.

An vielen Orten ist Sarah in »The Homes We Carry« zu Hause – zumindest ein bisschen. Ihre Familie wird mit dem Untergang der DDR auseinandergerissen, ihr Vater, ein sogenannter Vertragsarbeiter, muss nach Mosambik zurück. Die Regisseurin Brenda Akele Jorde folgt ihr im deutschen Alltag, begleitet ihre Besuche in Mosambik ihrem Vater und beim Vater ihres Kindes, den sie bei einem Besuch dort kennengelernt hatte; sie lässt viele Menschen zu Wort kommen. Auch wenn die Handlungsfäden etwas durcheinander geraten – die »Madgermanes« etwa, denen damals Lohn vorenthalten wurde, wären einen eigenen Film wert –, gibt die Dokumentation die Zerrissenheit der Frau zwischen Deutschland und Afrika gut wieder.

Lothar König erschuf einen Ort, der für die alternative Jugend in Jena immens wichtig war und ist. Von 1990 bis 2019 leitete er die Junge Gemeinde, die zum Zentrum antifaschistischer Jugendkultur wurde. Der Pfarrer engagierte sich gegen die extreme Rechte, unterstützte Gegendemonstrationen mit seinem VW-Bus als Lautsprecherwagen – was ihm eine Anklage einbrachte. Das ist der Öffentlichkeit bekannt. Filmemacher Tillmann König, Lothar Königs Sohn, gelingen aber Einblicke, die den Film zum persönlichen Porträt werden lassen. Dass sich der unkonventionelle Pfarrer beim Hallenfußball jeden Regelverstoß verbittet, überrascht. Dass er wirklich zu jedem Zeitpunkt Selbstgedrehte raucht, auch. Traurig sieht man mit an, wie er die Pfarrwohnung nach seiner Pensionierung verlässt, körperliche Leiden erträgt – und dann doch wieder zu einer Demonstration fährt – »Hat jemand Filter?«

Filter einer ganz anderen Art kommen dagegen zuhauf zum Einsatz, um aus dem Model Lale einen Fashion-Avatar zu kreieren. 3D-Kleiderpuppen sollen die Zukunft sein, sie machen das Reisen zu Fotoshootings an allen möglichen Orten ­unnötig. Das zumindest erhofft sich Lale und lotet dafür Grenzen und Möglichkeiten der Technologie aus, worüber Katharina Pethke in »Uncanny Me« berichtet. In schrittweiser Bildbearbeitung an Scans von ihrem Körper wird Lale zur computergenerierten Figur. Schicht um Schicht wird sie vermeintlich perfekter, verliert eine Narbe am Knie, die seit Kindestagen zu ihr gehört. Wann ist diese Figur nicht mehr real, wann verschwimmt die Grenze zwischen zulässiger Retusche und der bildlichen Erschaffung eines ganz anderen Menschen? Hat man als Vorlage eine Mitverantwortung für das, was mit dem Avatar passiert? Wem gehört eigentlich das Copyright? Die gruselige Schlussszene, in der sich die verschiedenen computergenerierten Versionen von Lale anschauen, wirkt wie ein Schlag in die Magengrube, gruselig und schön zugleich.

Heftige Perspektiven haben es auch Heinz Emigholz angetan. Der Filmemacher zeichnet mit »Schlachthäuser der Moderne« mittels vieler Detailaufnahmen eine Skizze der monströsen Seite des 20. Jahrhunderts. Seine Frage: Welchen Willen zur Gewalt kann Architektur verkörpern? Architekturfotografien aus Argentinien bestimmen die erste Filmhälfte. Francisco Salamone hat dort in der Pampa während des »berüchtigten Jahrzehnts« der dreißiger Jahre, in dem Demokratie in dem Land nur auf dem Papier bestand, wahnwitzige Repräsentationsbauten errichtet. Die Zentralperspektive mit aufragenden Mitteltürmen und Anleihen an Sakralarchitektur dominieren bei Rathäusern, Friedhöfen und ja, auch bei Schlachthäusern. Manchmal sind Rundungen, fast immer kubische Formen verbaut, weil Salamone auf eigentümliche Weise Art déco und Futurismus miteinander verband.

Emigholz stellt Bezüge zu faschistischen Verwaltungsbauten in Italien her. Die Gebäude erschlagen einen, was insbesondere bei den pietätlosen Friedhofsportalen zutrifft. Da glotzt zum Beispiel von einem klot­zigen Kreuzkoloss vor wuchtigem Strahlenkranz ein kantig-realistisches Christusgesicht auf die Menschen herunter, die sich durch eine schmale Pforte drücken. Die Schlachthäuser hingegen wirken wie her­untergekommene Tempel. Emigholz zeigt die Gebäude aus vielen Per­spektiven und schult den Blick seines Publikums für schrullige Baukunst, auch für das neu errichtete Berliner Humboldt-Forum. In der Passage des Films nimmt er sich die Stein gewordene Ideologie des Neubaus ­sowie die seines Vorgängers vor. Das ist überfordernd, aber durchdacht – und am Ende mit kleiner bunten Pointe versehen.

Überwältigend ist auch die schon erwähnte Dokumentation »A Night Song« von Félix Lamarche, allerdings aufgrund ihrer Traurigkeit. Sie zeigt eine alte und kranke Frau in den letzten Stunden ihres Lebens, bevor sie den assistierten Tod stirbt. Absolut ruhige Bilder zeigen sie, wie sie Solitaire spielt, dann, wie sie im Beisein ihrer Familie von einem Arzt die tödliche Spritze verabreicht bekommt. Einige Minuten später ist ihr leergeräumtes Zimmer zu sehen, nichts ist geblieben.

»A Bunch of Amateurs« von Kim Hopkins muntert wieder auf. Der nordenglische Club der Bradford Movie Makers war über Jahrzehnte eine Institution. Selbst Filme zu drehen und im eigenen Lichtspielhaus zu zeigen, zog Menschen an. Dann kam das Internet, nur ein Dutzend Filmbegeisterter blieb übrig. Die Doku begleitet sie dabei, wie sie ein ums andere Mal daran scheitern, zumindest die Raummiete aufzubringen. Als Schmankerl sind Eigenproduktionen des Clubs aus den verschiedenen Jahrzehnten zu sehen. Als die Covid-19-Pandemie ausbrach, machte der Club ganz dicht. Das war’s, ­denken die Protagonisten, denkt der Zuschauer. Doch dann kommt die staatliche Coronahilfe wie ein Lottogewinn. Das Kino ist nicht totzu­kriegen, lautet die lärmende Botschaft dieser Dokumentation – wie auch die des Dok Leipzig insgesamt.