Die Cholera breitet sich von Nordsyrien auf weitere Regionen aus

Wasser ist Macht

In Syrien breitet sich die Cholera aus, besonders betroffen ist die Autonome Selbstverwaltung im Norden. Der Grund ist die mangelnde Wasserversorgung. Der Klimawandel trifft die Region hart, aber auch die türkischen Staudämme, die das Wasser des Euphrat regulieren, spielen eine Rolle.

Seit Mitte September berichten die Vereinten Nationen über den Ausbruch von Cholera in Syrien. Vor allem der Nordosten des Landes, die Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien, auch Rojava genannt, sei betroffen. Das syrische Gesundheitsministerium hatte den Ausbruch am 10. September bekanntgegeben, nachdem 15 Fälle bestätigt worden waren. Imran Riza, bei den UN zuständig für Syrien, warnt vor einer »ernsthaften Bedrohung« für den gesamten Nahen Osten. Mittlerweile sind es mehr als 10 000 bestätigte Fälle von Cholera in Syrien.

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Anfang Oktober wurden aus dem Nachbarland Libanon die ersten Cholerafälle gemeldet. Wasserproben geben Aufschluss über die Ausbreitung der Bakterien auf drei libanesische Provinzen, am 13. Oktober waren 18 Fälle von Cholera bestätigt. Seit 1993 waren im Libanon keine Cholerainfektionen mehr gemeldet worden. Nach Einschätzung der WHO wäre das durch die schwere Wirtschaftskrise geschädigte Gesundheitssystem des Landes einem Choleraausbruch nicht gewachsen, auch habe die Explosion in Beirut im August 2020 die medizinische Infrastruktur der Hauptstadt nachhaltig beschädigt. Zudem ist der Libanon das Land, in dem im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Geflüchteten leben, ihre Gesundheitsversorgung ist besonders mangelhaft.

Mittlerweile sind es mehr als 10 000 bestätigte Fälle von Cholera in Syrien.

Cholera ist eine bakterielle Magen-Darm-Infektion. Zu den Symptomen gehören schwerer Durchfall und Erbrechen, was zu starkem Flüssigkeitsverlust führt. Unbehandelt verläuft die Krankheit nicht selten tödlich, insbesondere bei etwa durch Mangelernährung bereits geschwächten Menschen. Die für die Infektion verantwortlichen Bakterien verbreiten sich durch unzureichende Hygiene, wenn der Zugang zu sauberen Wasser fehlt. In Ländern, in denen es sauberes Wasser, Möglichkeiten zur Hygiene und gute medizinische Versorgung gibt, existiert Cholera seit Jahrzehnten nicht mehr.

In Syrien und Rojava hatte es seit vielen Jahrzehnten keinen derartigen Choleraausbruch mehr gegeben. Im Irak hatte es bereits 2015 einen Ausbruch mit knapp 3 000 Fällen gegeben, eine weitere Infektionswelle wurde im Sommer gemeldet. Die Entwicklungen in Syrien seit September sind auch das Ergebnis der Politik der türkischen Regierung. Staudämme in der Türkei halten große Mengen des Wassers des Euphrat zurück. Dieser ist aber die wichtigste Wasserversorgungsquelle für Syrien, insbesondere den Osten des Landes, wo es selten regnet. Mitte der sechziger Jahre hatte die Türkei begonnen, ein System aus Staudämmen und Wasserkraftanlagen für die Bewässerung der Landwirtschaft und die Stromerzeugung zu errichten. Insbesondere der große Atatürk-Staudamm in der Nähe der Stadt Adıyaman hält Wasser zurück, das sonst nach Syrien fließen würde. In einer Übereinkunft zwischen der Türkei und Syrien im Jahre 1987 versicherte die türkische Regierung, dass der Atatürk-Staudamm 500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde nach Syrien durchlassen würde. Im Gegenzug musste die syrische Regierung unter Hafez al-Assad versichern, die kurdische Arbeiterpartei PKK nicht zu unterstützen.

Mahmoud Ebdi, der Verantwortliche der Energiekommission der Selbstverwaltung in Rojava, beklagt, dass die Türkei seit 2017 sukzessive weniger Wasser weiterleitet. Die Selbstverwaltung ist allerdings völkerrechtlich nicht anerkannt, daher kann sie nicht gegen den Vertragsbruch der Türkei vorgehen, beispielsweise mit einer Klage beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Weil das Wasserdefizit und nun auch der Choleraausbruch allmählich aber auch zum Problem für ganz Syrien werden, könnte die syrische Regierung von der Türkei bald einfordern, wieder mehr Wasser durchzulassen.

Der Euphrat entspringt im Taurusgebirge im Südosten der Türkei und fließt nach Süden über Syrien bis in den Irak. Dass die Regierung Recep Tayyip Erdoğans das Wasser zurückhält, hat fatale Auswirkungen auf die gesamte Region entlang des Flusses: Bauern können ihre Felder nicht mehr bewässern, Brunnen trocknen aus. Da das Wasser fast gänzlich zum Stehen gekommen ist, vermehren sich Mücken, die Krankheiten übertragen können. Außerdem kann nicht mehr genügend Strom erzeugt werden, Haushalte, aber auch Betriebe sind regelmäßig von Stromausfällen betroffen. Es kommt zu Ernteausfällen, wodurch die Selbstversorgung der Region gefährdet wird.

Rojava galt immer als Kornkammer Syriens. Nun droht eine Lebensmittelknappheit, die Migrationsbewegungen auslösen kann. In der Region Heseke in Rojava wird das Wasserwerk Alouk seit der türkischen Invasion 2019 von der Besatzungsmacht und ihr nahestehenden Milizen kontrolliert. Es ist nach Angaben des Rojava Information Center seit dem 20. Juli nicht mehr in Betrieb. Ein Wassermangel für die Bevölkerung der Region ist die Folge. Die Versorgung muss durch Lastwagen gewährleistet werden, die Trinkwasser beispielsweise in Camps für Geflüchtete oder in Regionen bringt, in denen es sonst keines mehr gäbe. Es liegt nahe, dass auch der jetzige Choleraausbruch auf die Wassersituation zurückzuführen ist.

In der Türkei entspringt auch der Fluss Tigris. Dieser und der Euphrat decken zusammen 90 Prozent des irakischen Wasserbedarfs ab. Eine kleinere Menge an Wasser erreicht den Irak aber auch aus Stauseen des Iran, der den Zufluss ebenfalls immer weiter reduziert. Die iranische Wirtschaft profitiert von der Knappheit im Irak, schreiben Daniela Sala und Bart von Laffert in einem Artikel der Deutschen Welle.

Auch die Auswirkungen des Klimawandels sind im Irak deutlich spürbar. So treten immer häufiger Sandstürme in der Region auf, die auch immer stärker werden. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen prognostiziert, dass es bis 2026 pro Jahr etwa 300 »Staubtage« geben könnte. An diesen kommt für die Dauer eines Sandsturms das öffentliche Leben zum Erliegen, der Flugverkehr wird eingestellt, ebenso der Schulbetrieb, auch die Behörden schließen und die Menschen sind aufgerufen, in ihren Wohnungen zu bleiben. Seit April dieses Jahres mussten in Folge der Sandstürme bereits Tausende Menschen wegen Atemwegsproblemen in Krankenhäuser eingeliefert werden, bilanziert FAZ-Korrespondent Christoph Erhardt am 23. Mai.

Der Irak steht im Weltrisikobericht von 2022 auf Platz 63. Dieser beziffert das Risiko von Naturkatastrophen für 193 Länder weltweit. Die Bewertung setzt sich aus der Vulnerabilität und der Exposition zusammen. Erstere bezeichnet die Verwundbarkeit der Bevölkerung durch Naturereignisse oder die Auswirkungen des Klimawandels. Letztere erfasst, wie sehr Länder oder Regionen von Naturereignissen mit negativen Auswirkungen betroffen sind, also vor allem deren Intensität und Häufigkeit. Hat ein Land eine hohe Vulnerabilität, also schlechte Lebensbedingungen, mangelhafte medizinische Versorgung oder andere Faktoren, die sich auf die Belastbarkeit der Gesellschaft auswirken, kann bereits eine geringe Exposition, also ein eher seltenes Auftreten von Unwetterereignissen oder Ähnlichem, zu einer hohen Risikobewertung führen. 2021 hatte Oxfam über Ernteausfälle in Folge von Dürren im Irak berichtet. Der Ackerbau bildet die Ernährungsgrundlage der Menschen im ganzen Land.

Auch die kurdischen Gebiete sind vom Klimawandel betroffen. Für sie kommt jedoch noch ein weiteres Problem hinzu: die NGO Nature Organization Kurdistan beklagt in einem Papier aus dem Jahr 2021, dass durch Angriffe der Türkei und die dadurch entstehenden Brände in Südkurdistan in den vergangenen zehn Jahren über 1,3 Millionen Hektar Wald zerstört worden seien. Im Krieg gegen Kurdinnen und Kurden nimmt auch die Natur großen Schaden. Bereits im Jahr 2019 haben islamistische Milizen als Verbündete der Türkei in Rojava gezielt Brände gelegt, um Weizenfelder zu zerstören. Es handelt sich dabei um eine Taktik der sogenannten hybriden Kriegsführung. Eine Ernte, die schätzungsweise zwei Millionen Menschen hätte ernähren können, wurde so vernichtet.

Blickt man von den kurdischen Gebieten aus gen Osten, stellt man fest, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf andere Regionen des Mittleren Ostens noch katastrophaler sind. Seit September ist Pakistan von den schwersten Überschwemmungen seit Jahrzehnten betroffen. Über 30 Millionen Menschen sind nun ohne Obdach und die Ernte dieses Jahres ist zerstört. Thomas Rudhof-Seibert, Referent für Pakistan bei der Organisation Medico International, geht davon aus, dass mindestens auch im kommenden Jahr aufgrund der Verwüstungen, die die Überschwemmungen hinterlassen haben, und aufgrund des Todes von über 300 000 Nutztieren in den Fluten, die Ernte ausfallen wird. Faisal Edhi von der Edhi Foundation in Pakistan, einer lokalen Hilfsorganisation, deutete in einer Pressekonferenz an, die Migration aus Pakistan über Afghanistan nach Europa könne Ausmaße wie die aus Syrien im Jahr 2015 annehmen.