Die Kolumnistin sorgt sich um ihre Redakteurin

Wildschweindämmerung

Das Medium Von

»Gut«, hatte die für die Kolumne zuständige Redakteurin ein wenig resigniert klingend resümiert, »dann lass dir Zeit, ich mach solange eine Runde um den See«. Und am Ende des Gesprächs hatte sie noch was von Wildschweinen in der Dämmerung gesagt.

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Wie soll man sich da bitte aufs Kolumnieren konzentrieren können? Die Aussicht, dass die Redakteurin von einer zu allem entschlossenen Horde bösartiger und mutmaßlich schwer stinkender Wildscheine durch die Landschaft gejagt wird, während man selber nett gemütlich am im Übrigen gerade frisch aufgeräumten Schreibtisch sitzt, ist nicht angenehm. Vor allem dann nicht, wenn man hinterher womöglich auch noch schuld ist, wenn die Viecher sie oder ihre neuen Stiefel angeknabbert oder andere fiese Wildschweine-Dinge mit ihr getan haben. Wildschweine, das weiß man noch von Besuchen im örtlichen Tierpark, in dem neben Kaninchen, Eselchen, kleinen Ziegen und lustig gemusterten Meerschweinchen auch Rehe und Wildschweine gehalten wurden, sind keine netten Tiere. Und sie sind groß, sehr groß, was auch nicht für sie spricht, plus: Sie haben sehr unangenehm wirkende riesige Hauer, mit denen sie anscheinend Tag und Nacht den Boden ihres Geheges durchpflügten und in eine stinkende Matschhölle verwandelten, die ihnen allerdings ausnehmend gut gefiel.

Ob sie zwischendurch auch noch Zeit fanden, die eine oder andere Redakteurin der Lokalzeitung zu fressen, man weiß es nicht, denn die las man als Kind ja nicht und hätte entsprechend das Fehlen von Angehörigen ihrer Belegschaft nicht bemerkt. Obwohl, verdient hätte das Personal das gehabt, denn Jahre später bezeichnete das Blatt mich als »Bordsteinschwalbe des Journalismus«, weil ich im Buch »Öde Orte« Wahrheiten über die Prominenz der näheren und weiteren Umgebung geschrieben hatte. Ha!