Evangelikale Anhänger der Republikanischen Partei in den USA

Die Apokalypse naht

In den USA sind evangelikale Christen und die Republikanische Partei eng miteinander verstrickt. Eine Reportage über die Aktivitäten beider vor den und während der US-amerikanischen Zwischenwahlen.
Reportage Von

Mit fester Stimme zitiert Julie Green das Wort Gottes: »Habt keine Angst, denn eure Feinde werden euch nicht mehr lange die Freiheit entziehen können, die ich für euch vorgesehen habe.« Green sitzt in ihrem Arbeitszimmer und spricht direkt in ihre Webcam: »Eine große Veränderung wird bald stattfinden«, fügt sie hinzu, und dann noch, wie immer, wenn sie eine ihrer Prophezeiungen abschließt: »So spricht der Herr.«

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Julie Green ist eine evangelikale Predigerin aus dem US-Bundesstaat Iowa im Mittleren Westen, die von sich sagt, sie sei eine Prophetin Gottes. Fast täglich stellt sie Videos ins Netz, in denen sie vermeintlich göttliche Botschaften von ihrem Macbook abliest. Manchmal sitzt sie dabei im Auto, meistens ist sie jedoch wie heute in ihrem kleinen, mit dunklem Mobiliar ausgestatteten Büro zu sehen. In Greens Offenbarungen und Prophezeiungen vermengen sich Politik und Religion, bis sie nicht mehr voneinander zu trennen sind. In langen Predigten spricht sie zu den weit über 100 000 Followern auf Social-Media-Kanälen im Namen Gottes, oft richtet sie ihre Rede direkt an den ehemaligen republikanischen US-Präsidenten Donald Trump (2017–2021), den sie für Gottes Auserwählten hält. Die Wortwahl klingt dabei mal biblisch, mal wie die einer Sportlehrerin: »It’s go time, my son.« Rechte Evangelikale berufen sich gerne auf die Offenbarung – oder, nach dem griechischen Wort: Apokalypse – des Johannes, die von dem katastrophalen Ende der Welt und dem Kommen des »Reichs Gottes« erzählt, das einer Minderheit von wahren Gläubigen vorbehalten ist. An wenigen Stellen zeichnet die Bibel solch düster-psychedelische Bilder wie in der Offenbarung des Johannes: »Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: der Tod, und die Hölle zog mit ihm einher. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und Hunger und Tod.«

Manchmal spricht Pfarrerin Green mit Bedauern über das Los der von ihr verurteilten Demokraten, oft verliert sie sich aber in ekstatischer Rachsucht, wenn sie beschreibt, was ihnen widerfahren wird.

Keine Schulden mehr

Wie ihr biblischer Vorgänger, in dessen Amtsnachfolge sich Julie Green wähnt, spricht sie am liebsten vom »Jüngsten Gericht«, dem Tag, an dem die Ungläubigen verurteilt werden. Auch in ihren Offenbarungen erscheint bald ein »Engel des Todes«, der ein Blutbad unter den Feinden Gottes anrichtet. Diese decken sich meist mit den Feinden des ehemaligen Präsidenten, darunter prominente Persönlichkeiten der Demokratischen Partei wie der ehema­lige Präsident Barack Obama (2009–2017), die Clintons (Bill, Präsident von 1993–2001 und Hillary, Präsidentschaftskandidatin 2016), oder auch der jüdische Milliardär und Finanzier George Soros, der die Demokraten durch Parteispenden unterstützt. Dieser ist seit Jahrzehnten Zielscheibe von Verschwörungstheorien sowie antisemitischen Verdächtigungen. Immer wieder geht es auch um den Immunologen und Medizinischen Chefberater des Präsidenten, Anthony Fauci, der seit Beginn der Covid-19-Pandemie von Rechtsextremen angefeindet wird, bis hin zu Todesdrohungen. Manchmal spricht Green mit Bedauern über das Los der von ihr Verurteilten, oft verliert sie sich aber in ekstatischer Rachsucht, wenn sie beschreibt, was ihnen widerfahren wird. Zweifel an ihrem Schicksal lässt sie nicht: »Manche ihrer Anführer müssen sterben.«

So entrückt Green mit ihren Interpretationen der Offenbarung auch klingen mag, sind vermeintliche Pro­phet:innen wie sie in den USA ein ­fester Bestandteil der christlichen Rechten. Mehrere Dutzend dieser selbst­ernannten Sprachrohre Gottes tummeln sich nicht nur im Internet, sondern sind vermehrt auf Veranstaltungen der Republikanischen Partei zu sehen. So hat Green zum Beispiel kürzlich bei den Gouverneurswahlen in Pennsylvania den republikanischen Kandidaten und Qanon-Anhänger Doug Mastriano bei mehreren Wahlkampfveranstaltungen unterstützt, der die Wahl allerdings verlor.

Momentan ist sie zudem mit der »Reawaken America Tour« unterwegs, bei der sie unter anderem mit Trumps Sohn Eric auf der Bühne steht sowie mit dem ehemaligen Generalleutnant Michael T. Flynn, der während der Prä­sidentschaft Donald Trumps Direktor des militärischen Geheimdiensts Defence Intelligence Agency und Nationalen Sicherheitsberater war. Flynn wurde verurteilt, nachdem er Falschaussagen bezüglich russischer und türkischer Politkontakte zugegeben hatte, anschließend aber von Trump begnadigt. Nach dessen Wahlniederlage 2020 forderte Flynn, Trump solle das Kriegsrecht ausrufen und die Wahl wiederholen lassen.

»Reawaken America« ist eine Art ­extremistischer Wanderzirkus, bei dem Musik gespielt wird, rechte Po­li­ti­ke­r:in­nen und Prediger:innen zu Wort kommen und Merchandise-Artikel von Qanon und Trump verkauft werden. Auch der einstige Berater Präsident Richard Nixons (1969–1974), Roger Stone, tritt derzeit bei der Tour auf. Er schreibt Bücher mit politischen Verschwörungstheorien und entging ebenfalls dank Trump einem Gefängnisaufenthalt.

Vor allem für ältere weiße Gläubige in den USA ist die Synthese von Politik und Religion attraktiv. Finster mag das Schicksal der »Sünder« der Demokratischen Partei nach den Worten der Propheten sein, doch als verheißungsvoll für die Gläubigen wird die Welt nach der Apokalypse beschrieben. Zentral für Green und andere extremistische Evangelikale ist dabei immer das Versprechen, dass die Ungerechtigkeit des Wahlsiegs von Joe Biden bei der zurückliegenden Präsidentschaftswahl aufgehoben und Donald Trump wieder zum rechtmäßigen Staatsoberhaupt der USA werden wird. »Alles, was euch genommen wurde, wird euch wieder zurückgegeben«, sagte Green kürzlich in einem Video, das kurz vor den Zwischenwahlen veröffentlicht wurde. »Es wird keine Kreditkartenschulden mehr geben.«

Die vermeintlichen Sprachrohre Gottes tummeln sich nicht nur im Internet, sondern sind auch vermehrt auf Veranstaltungen der republikanischen Partei zu sehen.

God’s Own Country

Zu Greens Anhängerinnen gehört Linda Rhyne Briseno. Jeden Morgen schaut sie sich die neuesten Videos an, um Kraft für den Tag zu sammeln. Briseno lebt in Tempe, einer der vielen Vorstädte in der Metropolregion Phoenix, der Hauptstadt des Bundesstaats Ari­zona im Südwesten der USA. An einem für die Gegend typisch sonnigen Morgen beschreibt Briseno im Gespräch mit der Jungle World den Unterschied zwischen ihrer christlichen Erziehung und dem Wissen, dass sie nun durch die Videos von Green und anderen vermeintlichen Propheten vermittelt bekommt, mit einer Metapher: »Als ich noch ein Kind war, habe ich Milch getrunken. Heute bin ich erwachsen und esse Fleisch.«

Briseno besucht noch eine eher traditionelle baptistische Kirche in der Gegend, die verschiedenen Social-Media-Kanäle der Propheten erlebt sie nach eigenem Bekunden aber als eine unmittelbare und persönliche Interaktion mit Gott selbst. Im Weltbild rechter Evangelikaler hat Gott für die USA eine Sonderrolle in der Endzeit vorgesehen, wie auch schon die Gründung der Vereinigten Staaten in Gottes Plan vorgesehen gewesen sei. »Unsere Verfassung wurde von Gott inspiriert«, sagt auch Briseno. »Das Christentum ist die Grundlage unserer Nation.«

Der Konflikt, den Menschen wie Briseno auszufechten meinen, hat nur noch wenig mit einem politischen Konflikt zu tun. Für sie ist die Auseinandersetzung mit der Demokratischen Partei existentiell: ein Kampf gegen das Böse, bei dem das Schicksal der Welt auf dem Spiel steht. Erfüllen die USA nicht Gottes Auftrag, um die Bedingungen für das biblische »Jüngste Gericht«, das »Ende des Weltgeschehens« und die »Erlösung« durch Gott herbeizuführen, kann der Messias nicht zurückkehren.

Auch wenn Briseno und Green am äußeren rechten Rand des Evangelikalismus stehen, finden sich ihre Themen mittlerweile im Mainstream der Republikanischen Partei. Wo Kan­di­dat:innen der Republikaner den Demokraten früher vorwarfen, dass sie aus atheistischer Zerstörungswut das Weihnachtsfest abschaffen wollten, lassen sie heute durchblicken, dass ihre politischen Gegenspieler:innen sich verschwören würden, um an das Blut von Kindern zu kommen und es zur Verjüngung zu trinken.

Die Ursprünge der jeweiligen konspirativen und religiösen Strömungen sind obskur, aber miteinander verbunden. Manche Beobachter:innen der ­US-amerikanischen Rechten halten ­Qanon vor allem für eine Ausgeburt des Internets, andere sehen darin die Neuauflage der antisemitischen Mär vom rituellen Kindesmord. Mittlerweile finden sich Versatzstücke dieser ausufernden Verschwörungstheorie nicht nur in vielen evangelikalen Predigten wieder, sondern vermehrt auch in der Rhetorik der Republikanischen Partei.

In Linda Rhyne Brisenos Heimatstaat Arizona haben sich über die vergangenen Jahre Religion, Verschwörungserzählungen und Nationalismus stark vermengt. In diesem swing state, einem mal demokratisch, mal republikanisch wählenden Staat, war Bidens Mehrheit bei der Präsidentschaftswahl 2020 äußerst knapp, seitdem hält sich die Lüge der gestohlenen Wahl hier hartnäckig. Trotz des eher moderaten Profils vieler Wähler:innen hat sich die Parteiorganisation der Republikaner in Arizona weit ins rechte Lager geschlagen, bei den meisten Vorwahlen 2022 siegten die jeweils extremsten Kandidaten und Kandidatinnen.

Kampf gegen die Migration

Chandler, Arizona, liegt 20 Minuten Autofahrt von Brisenos Haus entfernt und gehört ebenfalls zu den Vorstädten von Phoenix. Wenige Wochen vor den midterm elections fand hier eine Wahlkampfveranstaltung der Republikaner statt, bei der die Anwärter auf den Gouverneurs- und den Senatsposten der Partei vor einer gigantischen gelb-orangen Fahne, den Farben Arizonas, auftraten. Die Gouverneurskan­didatin Kari Lake ließ wissen, mit ihrer Entscheidung, sich für das Amt aufstellen zu lassen, leiste sie einer Nachricht von Gott Folge, der sie dazu ge­rufen habe.

Die Besucher:innen der Veranstaltung greifen bekannte Themen auf. »Haben Sie schon mal von George Soros gehört?« fragt eine Unterstützerin der Republikaner, die an einem kleinen Imbiss um die Ecke auf ihr Essen wartet. »Er finanziert die ganzen Demokraten.« Eine zweite Frau, die angeschwipst mit ihren Freundinnen auf den Beginn der Reden wartet, sagt schlichtweg, die Demokraten »sind satanisch«. Auch auf der Bühne werden Angstszenarien ­beschworen, die ihren Ursprung in Verschwörungstheorien haben. Immer wieder reden die republikanischen Kandidaten über die vermeintliche Gefahr, die die Demokraten für die Kinder von Arizona darstellen. Vor allem eine Einflussnahme der LGBT-Gemeinde auf die Jüngsten drohe durch einen demokratischen Wahlsieg, rufen die Redner des Abends immer wieder. Wer die Kinder bedrohe, werde »in Stücke gerissen«, heißt es in der Wahlkampfwerbung von Kari Lake.

Neben der Angst vor einer Bedrohung für die Kinder schüren die Rechten wohl keine Angst eifriger als die vor der Einwanderung aus dem Süden. Arizona liegt an der Grenze zu Mexiko, Städte wie Yuma und Nogales sind Wegstationen für Tausende von Migrant:innen, die aus Mexiko und Lateinamerika kommend die Sonora-Wüste durchqueren. Die Republikaner im Südwesten nutzen die Nähe der Grenze seit jeher, um rassistische Ressentiments zu schüren und damit Wahlkampf zu machen.

Ein zentrales Versprechen Lakes bei ihrer Kandidatur als Gouverneurin Arizonas war, dass sie sofort nach ihrem Amtseid die »Situation« entlang der Grenze zu einer Invasion erklären wolle. Höchstwahrscheinlich hätte sie es ihrem Amtskollegen Greg Abbott nachgemacht, der schon 2019 die Nationalgarde, freiwillig Dienst leistende Milizsoldaten, seines Staats Texas an dessen Grenze mit Mexiko beordert hat. Zwar dürfen nach US-amerikanischem Recht die einzelnen Bundesstaaten nicht direkt in die Einwanderungspolitik eingreifen, aber natürlich kann ein Gouverneur wie in Texas den staatlichen Sicherheitskräften den Auftrag geben, illegale Immigration hart zu be­kämpfen.

»Sie übernehmen unser Land«

Für die christliche Rechte geht die Abschottung der Grenze mit ihren Vorstellungen von einer wehrhaften Nation einher. Dieser drohe die Zerstörung nämlich nicht nur von satanischen Kräften im Inneren, sondern eben auch durch Bedrohungen von außen. Rosemary Wareham ist eine evangelikale Christin aus Arizona, die sich von den Wahlkampfthemen der Republikaner angesprochen fühlt. Wareham lebt ebenfalls in Chandler nahe Phoenix. »Ich war schon immer sehr patriotisch«, begründet sie ihre Unterstützung der Republikaner im Gespräch mit der Jungle World. »Ich liebe dieses Land.« Wareham hält die Grenzen Arizonas für bei weitem nicht ausreichend bewacht. »Wir lassen die Illegalen hier einfach rein,« sagt sie. »Sie übernehmen unser Land.« Prophetisch auftretenden Evangelikalen wie Julie Green folgt Rosemary Wareham nicht, aber sie wünscht sich, dass sich mehr Kirchen in Arizona explizit politisch äußerten. Auch wenn sie nicht preisgeben möchte, welches Gotteshaus sie selbst besucht, sagt sie, dass »viele einfach nicht laut genug sind«, wenn es darum geht, das Politische mit dem Glauben zu verbinden.

Nicht alle Leute, die die »Reawaken America Tour« oder Wahlkampfveranstaltungen der Republikanischen Partei besuchen, glauben, dass Julie Green wirklich eine Prophetin ist. Nach Aus­legung vieler Christen sind Greens Videos sogar die reine Häresie, die im Widerspruch zu den christlichen Glaubensgrundsätzen steht. Die strikt ­hierarchisierte katholische Kirche, der knapp ein Viertel der US-Bevölkerung angehört, vertritt im Hinblick auf Sexualität und Frauenrechte reaktionäre Positionen, bietet aber verschwörungsideologischen Amateurpredigern und Propheten weniger Raum. Suzy Quintana zum Beispiel, eine Nachbarin Warehams, ist Katholikin, auch sie unterstützt die Republikaner. In der Kirche, in der sie die Messe feiert, spielen explizit politische Themen kaum eine Rolle, sagt sie. »Außer Abtreibung, natürlich.«

Nichts hat im vergangenen halben Jahrhundert rechte Christ:innen und die Republikanische Partei so zusammengeschweißt wie der Kampf gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Mit dem im Juni verkündeten Ende von »Roe vs. Wade«, dem Präzedenzfall, der seit 1973 das Recht auf Abtreibung zumindest auf dem Papier ­garantierte, feierte diese Allianz ihren bislang wohl größten Erfolg. Seit rechte Gläubigen und fiskalisch konserva­tive, wirtschaftsliberalen Republikaner unter Präsident Ronald Reagan (1981–1989) zusammenfanden, ist diese Strömung in der US-amerikanischen Politik sehr mächtig geworden.

Doug Mastriano, der rechtsextreme Gouverneurskandidat, der Julie Green auf seinen Veranstaltungen predigen ließ, hat die Wahl verloren. In Arizona werden noch Stimmzettel ausgezählt, wie schon 2020 werden auch diesmal Wahlergebnisse wohl sehr knapp ausfallen. Fest steht bereits, dass sich eine knappe Mehrheit der Wahlberechtigten in Arizona für die moderate Kandidatin der Demokraten, Katie Hobbs, und nicht für die rechte Demagogin Kari Lake entschieden hat. Auch der republikanische Kandidat für den US-­Senat, Blake Masters, hat gegen den de­mokratischen Amtsinhaber Mark ­Kelly verloren. Umfragen zeigen, dass die meisten Menschen in den USA sich nicht mit den Zielen von Hardlinern wie Lake identifizieren. Zu jung, zu divers, zu nichtreligiös sind die meisten US-Amerikaner:innen heute, um sich von der christlichen Rechten und ihrer reaktionären Politik einnehmen zu lassen. Ein Blick auf deren Erfolge in den vergangenen Jahren zeigt aber, wie einflussreich sie trotzdem ist.