Sonia Combe forscht über Dissidenten in der DDR

Revanche in doppelter Hinsicht

Ein 2019 erschienenes Buch der französischen Osteuropahistorikerin Sonia Combe wirft ein neues Licht auf die Intellektuellen der ehemaligen DDR. So interessant die darin aufgestellten Thesen sind – hierzulande blieben die Reaktionen auf die nun erschienene deutsche Übersetzung verhalten.

Als Sonia Combes Band »La loyauté à tout prix. Les floués du ›socialisme réel‹« 2019 in Frankreich erstmals erschien, fielen französische wie internationale Kritiken sehr lobend aus. »Sonia Combe hat die umfassendste Darstellung der intellektuellen Entwicklung in der DDR geschrieben«, merkte The Times Literary Supplement in England an. Dass das thesenstarke, flüssig geschriebene Buch der Forscherin, die an der Pariser Sorbonne und am Centre Marc Bloch in Berlin arbeitet, nicht noch mehr Reaktionen hervorrief, schien lediglich daran zu liegen, dass es bislang nur auf Französisch vorlag.

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Tatsächlich eröffnet Combe eine gänzlich neue Sicht auf die Intellektuellen in der DDR. Was ihre Perspek­tive angenehm von zahllosen deutschen Publikationen unterscheidet, ist ihr undogmatischer Blick auf die in großer Zahl präsentierten Bio­graphien und Ereignisse. Dabei hat Combe kein populärwissenschaftliches Sachbuch geschrieben, sondern stellt sich vielmehr in eine franzö­sische Tradition der Essayistik. Durch die Außenperspektive als Französin gelingt es ihr auch, die verbreiteten Vergleiche zwischen der DDR und der BRD zu vermeiden. Das ist gerade dann interessant, wenn die Autorin auf Parallelen zwischen Frankreich und der DDR hinweist, die deutsche Leser:innen kaum intuitiv herstellen dürften.

Sonia Combe hat mit ihren Thesen in »Loyal um jeden Preis« Grundlagen dafür geschaffen, eine Diskussion über die Intellektuellen im Real­sozia­lis­­mus zu führen – aber auch über Themen, die darüber hinausgehen.

Doch geht es Combe nicht um Systemvergleiche. Sie schreibt eine Geschichte der kritischen Intellektuellen im Realsozialismus: Anna Seghers und Bertolt Brecht, Christa Wolf und Heiner Müller, um nur die bekannteren Namen zu nennen. Für sie alle findet sie den Begriff der »linientreuen Dissidenten« – eine Formulierung, die sie der Autobiographie des kommunistischen Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski entlehnt und die – trotz ihrer Widersprüchlichkeit – als Denkfigur einleuchtet. Denn einerseits standen die von Combe untersuchten Persönlichkeiten stets loyal zum System und zur Idee des Sozialismus. Andererseits übten sie auch regelmäßig Kritik an Partei und Staat.

Was bei Combe wohl erstmals für die deutsche Rezeption so klar und zentral benannt wird, ist die jüdische Herkunft, die vor allem die erste Generation dieser kritisch-kommunistischen Intellektuellen verband: ­außer Seghers beispielsweise Arnold Zweig, Edith Anderson und Stefan Heym. »Für die Remigranten jüdischer Herkunft war es eine Revanche in doppelter Hinsicht. In der DDR setzten sie nicht nur den Kampf gegen das kapitalistische System fort, sondern auch gegen jenes Deutschland, das ihren Tod als Juden beschlossen hatte, ein Deutschland, dessen Erbe für sie die Bundesrepublik repräsentierte.«

Combes oft als Provokation aufgefasste These, in der DDR habe es eine letzte »deutsch-jüdische Symbiose« gegeben, muss man nicht vollständig teilen: Für die heutige, westdeutsch geprägte DDR-Debatte reicht es anzuerkennen, dass es solche Biographien überhaupt gegeben hat – und das, im Vergleich zur Nachkriegs-BRD, ­sogar sehr zahlreich. »Nicht dorthin gehen, wo die Gehlens und die Globkes sind«, sei für viele jüdische Remigranten eine Motivation gewesen, die DDR vorzuziehen. Insbesondere für jene, deren Profession mit der deutschen Sprache zu tun hatte und die nur deshalb eine Rückkehr überhaupt erwogen.

Ein weiteres Verdienst Combes liegt darin, dass sie im Zuge intensiver Quellenstudien auch Persönlichkeiten wiederentdeckt hat, die im Nachwendediskurs untergegangen sind. Darunter befinden sich auffallend viele Frauen, die bisher kaum in der Geschichtsschreibung auftauchten, zum Beispiel Hilde Eisler, Edith Anderson oder Lea Grundig.

Die wichtigste personelle Wiederentdeckung des Bands dürfte aber der Philosoph Wolfgang Heise sein: 1925 als Sohn einer österreichischen Jüdin und eines preußischen nichtjüdischen Vaters in Berlin geboren, gehörte er laut Combe zu einer »Zwischengeneration« kritischer DDR-­Intellektueller. Unter den Nazis ins Arbeitslager bei Zerbst verschleppt, studierte Heise nach der Befreiung an der Humboldt-Universität in ­Berlin Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik. Er gehörte bereits früh zu den führenden DDR-Philosophen, wurde aber im Laufe der sech­ziger Jahre aufgrund seiner Standhaftigkeit gegen die staatliche Repression geschasst und auf den als Abstellgleis gedachten Lehrstuhl für Geschichte der Ästhetik ebenfalls an der HU versetzt. Dort bildete Heise mehrere Generationen kritischer ­Intellektueller heran, seine Vorlesungen waren berühmt. Wolf Biermann, der in den sechziger Jahren bei Heise studierte, bezeichnete ihn später als »meinen DDR-Voltaire«. Heise starb 1987 mit nur 61 Jahren und hinterließ ein bisher kaum beachtetes Werk.

Wolfgang Heise gilt Sonia Combe allerdings auch als beispielhaft für das weitverbreitete »Schweigen« der DDR-Intellektuellen: Als von den ­Nazis verfolgter Jude und Kommunist sah er einzig im Sozialismus die Versicherung eines »Nie wieder«, das er durch großangelegte öffentliche Kritik nicht aufs Spiel setzen mochte. Sein persönlicher Brief an Kurt Hager, den Chefideologen der SED, in dem er seinem Entsetzen über die Ausbürgerung Biermanns 1976 Nachdruck verlieh, zeigt aber auch, dass Schweigen oft lediglich in der Öffentlichkeit herrschte: Kritik wurde zwar geäußert, allerdings immer nur innerhalb der Partei.

Sonia Combe hat mit vielfältigen und teils auch provokanten Thesen in »Loyal um jeden Preis« Grundlagen dafür geschaffen, eine Diskussion über die Intellektuellen im Realsozialismus zu führen – aber auch über Themen, die darüber hinausgehen, wie etwa das Verhältnis von Wissenschaft und Aktivismus, Kunst und Politik. Doch als im Mai die deutsche Übersetzung erschien, passierte erst einmal gar nichts. Erst Mitte Juni wurde im Deutschlandfunk Kultur eine erste Buchkritik gesendet, die sich damit begnügte, die klassisch deutschen antikommunistischen Vorurteile aufzuwärmen: In dem mit »Opportun aus Überzeugung« überschriebenen Beitrag werden den kritischen Intellektuellen pauschal »überschaubare Denkaktivitäten« attestiert. Unter Verkennung der his­torischen und politischen Umstände fordert der Rezensent, die intellek­tuellen Leistungen der Ost-Intellektuellen an West-Remigranten wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zu messen. Dass er dabei ­exakt jenen »herablassenden Ton eines Wilhelminischen Provinzialschulrats« traf, den Adorno einst an der Nietzsche-Kritik von Georg Lukács moniert hatte, war dem Rezensenten wohl nicht bewusst.
Abgesehen von wenigen Rezensionen in regionalen oder dezidiert linken Publikationen blieb die DLF-Kritik allein auf weiter Flur: Kaum ­jemand in Deutschland mochte sich mit Combes Thesen auseinander­setzen. Das scheint bei einem historischen Thema an sich nicht ungewöhnlich, erstaunt aber, da über die DDR und jüdische Themen ansonsten gern debattiert wird. Es scheint fast so, als sei Sonia Combes unvoreingenommener Außenseiterinnenblick auf die deutsche Geschichte zu radikal, um in Deutschland ernsthaft diskutiert zu werden.


Sonia Combe: Loyal um jeden Preis. »Linientreue Dissidenten« im Sozialismus. Aus dem Französischen von Dorothee Röseberg. Ch. Links, Berlin 2022, 272 Seiten, 25 Euro