Donnerstag, 10 August, 2017; 12:23 Uhr

Moskau, Teheran und die Taliban

Thomas von der Osten-Sacken

Auch wenn inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte, dass es Moskau ganz sicher nicht darum geht, Islamisten zu bekämpfen, sondern diese Putin nur als Vorwand dienen, seine geostrategischen Ziele zu verfolgen, hält sich weiter die Mär, Russland sei doch irgendwie ein Verbündeter im Kampf gegen den islamischen Terrorismus. Dass Moskau sich in einem engen Bündnis mit der Islamischen Republik Iran befindet und man gemeinsam alles tut, um das Assad-Regime zu retten: geschenkt. Angeblich, so hört und liest man ja immer wieder, seien die Mullahs in Teheran anders als ihre sunnitische Konkurrenz. Nur: Putin versteht sich nicht nur bestens mit dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Achmatowitsch Kadyrow, unter dessen Regierung Homosexuelle im Namen der Scharia systematisch verfolgt und ermordet werden. Wie sich immer mehr herausstellt, unterhält Moskau neuerdings auch beste Arbeitsbeziehungen zu den Taliban. Natürlich, wie es offiziell heißt, weil die afghanischen Gotteskrieger das kleinere Übel seien und man sie im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) unterstützen müsse.

In Wirklichkeit geht es Moskau und seinem Verbündeten in Teheran um etwas ganz anderes: Darum nämlich, überall in der Region die eigene Einflusssphäre zu vergrößern und die Reste US-amerikanischer oder westlicher Dominanz mit allen Mitteln zurückzudrängen.

Das mögen nun Moskau wohlgesonnene Politiker und Publizisten glauben, die auch schon 2015 den Eintritt der russischen Luftwaffe in den Syrienkrieg begrüßten, da es ja angeblich gegen den IS ging, auch wenn seitdem nur ein verschwindender Bruchteil der Bomben, die russische Flieger in Syrien abgeladen haben, auf vom IS kontrolliertes Territorium fiel.

In Wirklichkeit geht es Moskau und seinem Verbündeten in Teheran um etwas ganz anderes: Darum nämlich, überall in der Region die eigene Einflusssphäre zu vergrößern und die Reste US-amerikanischer oder westlicher Dominanz mit allen Mitteln zurückzudrängen. Und was macht der Westen? Er spielt mit. Überlässt sukzessive Stück für Stück dieser Achse des Widerstandes das Feld; in Syrien, im Irak und nun auch in Afghanistan, wo unter Vermittlung des Iran die Taliban gerade militärisch und politisch gestärkt werden:

„Die New York Times hat über die enger werdenden Beziehungen der Regierungen des Iran und Russlands mit den Taliban in Afghanistan berichtet, ein Problem, das im Frühjahr besonders dringlich wurde, aber seit mindestens zwei Jahren abzusehen war. (…)

Russland gab erstmals im Dezember 2015 zu, dass es die Taliban unterstützt, angeblich, um den Islamischen Staat in Khorasan (IS-K) zu bekämpfen. Auch nach seinem Rückzug 1989 hat Moskau weiterhin Beziehungen zu verschiedenen Fraktionen in Afghanistan unterhalten. Obwohl das Verhältnis zu den Taliban in den 1990er Jahren überwiegend schwierig war, versuchten die Taliban die Beziehungen durch Saddam Hussein zu ‚stabilisieren’. Die Koalition in Afghanistan hat sich darüber beklagt, dass Russland den unnachgiebigen Taliban politische Legitimation verleiht und in Tadschikistan Ausbildungslager für die Taliban eingerichtet hat. Im Juli wurden eindeutige Beweise für die Lieferung russischer Waffen an die Taliban gefunden.“

Während Russland sich, wie Kyle Orton hier schreibt, zu einem Hauptsponsor der Taliban aufschwingt – und wie gut Putin mit solchen Figuren kooperieren kann, zeigt ja das Beispiel Tschetschenien –, verfolgt der Iran seine ganz eigenen Ziele:

„Das durch die Präsenz des Iran in Afghanistan gesäte Chaos ist keineswegs zufällig entstanden. In Afghanistan verfolgt der Iran die gleichen Ziele wie im Irak: die Schaffung eines instabilen, schwachen und abhängigen Nachbarn, auf den der Westen keinerlei Einfluss ausübt. Dabei hat dem Iran in erheblichem Umfang geholfen, dass der Westen in den vergangenen Jahren der Ausdehnung der iranischen Rolle im Nahen Osten, insbesondere in Syrien, selbst dann noch tatenlos – und zum Teil wohlwollend – zugesehen hat, als Teheran zur Stützung seines Imperiums sein Bündnis mit den zurückkehrenden Russen konsolidierte. Um Timor Sharan, ein Mitglied der afghanischen Regierung, zu zitieren, ‚Die Syrienfrage gab dem Iran und Russland das Selbstvertrauen und dieses Selbstvertrauen kommt jetzt in Afghanistan zum Zuge.‘“

Syrien ist die Blaupause – und die De-facto-Übergabe des Landes an Russland und den Iran ermutigt beide, ihre Strategie, die sich sie für sie bislang völlig auszahlt, auch anderswo fortzuführen.

Statt aber zumindest noch zu versuchen, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, fahren europäische Politiker mit einem Lächeln auf den Lippen in den Iran, um dort dem neuen alten Präsidenten zu gratulieren, und überbieten sich gegenseitig mit ihren Forderungen, man dürfe den Dialog jetzt nicht gefährden. Der Iran sieht all das nur als Ermutigung, seinen bisherigen Kurs fortzuführen.

Zwischenzeitlich übernehmen Russland und der Teheran weiter die Kontrolle in der Region, mit allen Konsequenzen, die man sich aber offenbar in Europa weigert zu sehen, bis dann wieder ein paar hundert Flüchtlinge vor dem Vormarsch der von Russland ausgerüsteten Taliban nach Deutschland oder Österreich fliehen – und die Debatte über sichere Gebiete in Afghanistan, in die man angeblich zurückschieben kann, neu entfacht wird.

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch.