20.10.2017 / 15:59 Uhr

Freunde Kurdistans

Von
Thomas von der Osten-Sacken

David Romano ist einer der Journalisten, die sich seit langem in und für Irakisch-Kurdistan engagieren. Seit Jahren schreibt er eine Kolumne für das kurdische Medienportal Rudaw, das sich im Besitz des Premierministers der Kurdischen Regionalregierung Nerrchiwan Barzani befindet. In den Tagen vor dem  25. 9 gehörte Romano zu den vielen ausländischen Unterstützern  des Referendums und erklärte seinen Lesern, warum dieser Schritt richtig sei und Irakisch-Kurdistan ein eigener Staat werden müsse. Die Zeit für das Referendum, erklärte er, sei jetzt.

Folgt man dem Narrativ von „den Kurden“, dann wären es alle bestenfalls Nestbeschmutzer, schlimmstenfalls Verräter am Volk.

Auch er musste in den letzten Tagen mit ansehen, wie Kirkuk kurdischer Kontrolle entglitt, Teile der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) es vorzogen einen Separatdeal mit Bagdad abzuschließen, wie iranisch kontrollierte Milizen auf amerikanischen Panzern in den so genannten „disputed terrotories“ einfuhren und die Kurdische Regionalregierung binnen Stunden fast 40% des zuvor von ihr kontrollierten Territoriums verlor.

Als vor dem 25.9 Kritiker des Referendums immer wieder betonten, dieses Abstimmung komme aus falschen Gründen zur falschen Zeit und die kurdische Region versinke in Korruption, es gäbe keine demokratisch legitimierten Institutionen, keine Armee und außerdem, mit Ausnahme Israels, kein einziges Land auf der Welt, dass eine kurdische Eigenstaatlichkeit unterstütze, nahm Romano, wie so viele andere in Arbil ansässige Journalisten, diese Kritik auf die leichte Schulter. Lieber glaubte er den Beteuerungen der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) und Teilen der PUK, glaubte lieber, Kurdistan sei wirklich ein so stabiles und de facto staatsähnliches Gebilde, wie so oft behauptet.

Dass ein Teil der kurdischen Bevölkerung, vor allem in der Region Suleymaniah, dem Referendum ablehnend oder kritisch gegenüber stand, von irgend einer nationalen Euphorie dort nichts zu sehen oder spüren war, tat man ebenfalls ab, denn in Arbil herrschte ja Feierlaune und Taumel. Nur: Etwa 40% der Bevölkerung Irakisch-Kurdistans leben in diesem Gebiet, in dem die KDP bei Wahlen kaum 10% der Stimmen bekommt.

Dass kurdische Parteien in der Geschichte schon oft sehr schnell die Seiten gewechselt haben und es das weitgehend genau gleiche politische Personal aus jenen Jahren ist, dass nun Kurdistan in die Unabhängigkeit führen sollte, übersah man auch. Wenn ein Journalist mal über den Bazar in Suleymaniah lief und ein paar O-Töne einsammelte, die alle samt und sonders sich gegen Barzani und das Referendum richteten – und das war und ist dort die Realität – beteuerte man sich gegenseitig, dieser Journalist kenne sich im Lande eben nicht aus oder wollen den Kurden Böses, hielte es eben mit der irakischen Regierung.

Stattdessen pflegte auch Romano, der seit Jahren für Kurdistan nur das Beste will, den Narrativ von „den“ Kurden, die irgendwie repräsentiert seien von „ihrem“ Präsidenten bzw. ihrer Regierung, auch wenn die seit zwei Jahren demokratisch nicht mehr legitimiert war.

Und dann kam das große, schmerzhafte Erwachen. Alles, wovor die Kritiker des Referendums gewarnt hatten, trat ein, die großen Träume von Unabhängigkeit zerstoben in Minuten.

Anders als so viele, die ähnlich argumentierten, gesteht Romano in seiner jüngsten Kolumne nun ein, dass er sich wohl etwas getäuscht hatte.

All of Kurdistan’s ruling parties and especially the KDP share the blame for this, as well as a more generalized failure to build institutions that could replace fiefdoms and family oligopolies. (…)

If the Kurds in Iraq cannot stand up united and on their own for even a moment, no one can stand behind them.

All this is now water under the bridge, unfortunately. If Iraqi Kurds are to look to the future, they might start with introspection and more serious reforms and consolidation of their political parties, institutions and regional government in general.

Ganz genau diese Worte aber nutzen die Gegner des Referendums schon im Vorfeld, warnten auch vor Kämpfen in und um Kirkuk, wie etwa der Sprecher der „Not for Now“ Kampagne:

Wir können nur immer wieder sagen, dass dieses Referendum nicht im Interesse der kurdischen Nation ist. Auch ich fürchte, dass es zu bewaffneten Zusammenstößen mit der irakischen Armee und den schiitischen Milizen kommen wird, vor allem in den sogenannten umstrittenen Gebieten wie Kirkuk, die ja beide Seiten, die kurdische und die Zentralregierung in Bagdad, für sich beanspruchen. Sollte es zu Kämpfen kommen, wird das schreckliche Folgen für die Menschen haben, mehr Elend, mehr Zerstörung, mehr Flüchtlinge.

Ähnliche Kritik kam auch vom ehemaligen Premierminister Kurdistans Berham Salih, einem Politiker der PUK, der anders als viele andere, nicht im Ruf steht korrupt zu sein und nicht Teil eines die Parteien dominierenden Familienclans ist. Salih hat kürzlich eine neue Bewegung ins Leben gerufen, die gestern erklärte, nachdem Sicherheitskräfte versucht hatten eine ihrer Kundgebungen in Suleymaniah  zu verhindern

“These forces and parties gathered people and facilitated everything for the fake referendum of [Masoud] Barzani, but they prevent the people from a peaceful gathering against the disaster after referendum,” the statement added.

The New Generation further said the gathering will be halted to avoid attacks by the security forces against the people wanted to attend the gathering.

“We ensure the people that the New Generation will not forgive these coward parties and their betrayals and will continue in different ways, and will work seriously to make big changes in the Kurdistan Region.”

Goran, die größte Oppositionspartei, ruft die Regierung zum Rücktritt auf und fordert einen politischen Neuanfang im Land.

„Die“ Kurden also gibt es nicht, sondern eine sehr gespaltene oder, positiv ausgedrückt, pluralistische politische Landschaft, in den angesichts der Krise es Teile sogar vorgezogen haben, mit Bagdad zu kooperieren.

Auch sie sind alle Kurden oder, besser Bewohner Kurdistans, ebenso wie jene, die das Referendum aus vollen Herzen unterstützt haben.

Nur, folgt man dem so beliebten Narrativ von „DEN Kurden“, dann wären sie bestenfalls Nestbeschmutzer, schlimmstenfalls Verräter am Volk. Solche Diskurse aber kennt man aus dem 20. Jahrhundert zur Genüge und weiß hinlänglich, welche fatalen Folgen sie haben und wohin sie führen.

David Romano wird sicher ein Freund der Kurden bleiben, das scheint sicher und Arbil nicht enttäuscht den Rücken kehren. Hoffentlich werden das nur wenige tun. Denn die Menschen in Irakisch-Kurdistan und dem Nordirak brauchen Freunde mehr denn je. Nur, sie, nicht das politische Establishment, über dessen Versagen Romano die richtigen Worte fand, braucht diese Freunde.