31.10.2017 / 16:03 Uhr

Giftgas in Syrien: Mediales Totalversagen

Von
Gastbeitrag von Florian Markl, Mena-Watch

Am vergangenen Donnerstag legte die gemeinsame Kommission der Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) ihren Untersuchungsbericht über zwei Fälle von Giftgasattacken in Syrien vor. Einer davon war der Angriff auf das Dorf Chan Schaichun am 4. April 2017, bei dem unter dem Einsatz des Giftgases Sarin Dutzende Menschen getötet und Hunderte verletzt wurde. Auf Basis ihrer umfangreichen Nachforschungen kommen die Ermittler zu einem eindeutigen Ergebnis: Verantwortlich für das Kriegsverbrechen war das syrische Regime. In den hiesigen Printmedien und im ORF war darüber so gut wie nichts zu erfahren. Hatten sie alle im April ausführlich über die abstrusesten Verschwörungstheorien rund um den Giftgaseinsatz berichtet, mit denen die Verantwortung des syrischen Regimes geleugnet wurde, so herrscht jetzt beinahe völliges Stillschweigen.

Eine Nebelwand aus alternativen Theorien

Kaum  tauchten im vergangenen April die ersten Nachrichten über die Attacke auf Chan Schaichun auf, schon begann die russisch-syrische Propagandamaschinerie, unterstützt von ihren willigen Helfern im Westen, auf Hochtouren zu laufen. Verschiedenste Theorien wurden gestreut, um zu belegen, dass nicht das syrische Regime hinter dem Giftgasangriff steckte. Mal wurde behauptet, es habe überhaupt keinen Angriff durch die syrische Luftwaffe gegeben, ein anderes Mal bestritten, dass Giftgas eingesetzt worden sei; die Bilder, auf denen die Opfer des Gasangriffs zu sehen sind, seien Fälschungen. Dann wurde verbreitet, ein syrischer Angriff habe ein Giftgaslager syrischer Rebellen getroffen, wodurch das Sarin freigesetzt worden sei. Und schließlich wurde behauptet, die ganze Angelegenheit sei eine Operation unter falscher Flagge gewesen, um das syrische Regime schlecht aussehen zu lassen.

Diese und andere Theorien wurden im Rahmen einer Desinformationskampagne vom russischen Außenministerium genauso verbreitet wie von russischen und einigen westlichen Medien, der syrischen Propaganda und ihren Helfershelfern im Westen, heißen sie nun Seymour Hersh, Michael Lüders oder Karin Kneissl. Dass die verschiedenen Theorien sich grundlegend widersprechen, steht der Wirksamkeit der Desinformationskampagne nicht im Wege. Denn dabei geht es gar nicht darum, gleichermaßen glaubwürdige wie stichhaltige Erklärungen für das zu liefern, was am 4. April in Chan Schaichun geschehen ist. Das Ziel besteht vielmehr darin, den tatsächlichen Vorgängen so viele verschiedene alternative Versionen wie möglich entgegenzusetzen, dass am Ende die Behauptung plausibel erscheint, es sei überhaupt nicht möglich, die Wahrheit herauszufinden. Die Wirklichkeit verschwindet in einer Nebelwand, in der nichts mehr zu erkennen ist.

Schweigen im Walde

Der Bericht der gemeinsamen UN-OPCW-Untersuchungskommission tritt dieser Desinformationskampagne mit Schlussfolgerungen entgegen, die sich aus ihrer detaillierten Untersuchung zweier Giftgasattacken ergeben: der bereits erwähnten vom 4. April, für die unzweideutig das syrische Regime verantwortlich gemacht wird, und einem Vorfall, bei dem am 15. und 16. September 2016 zwei Frauen nach Granateneinschlägen mit Senfgas in Berührung gekommen sind. Dafür wird in dem Bericht der Islamische Staat verantwortlich gemacht.

Der Report erläutert die Vielzahl verschiedener Untersuchungsschritte, die unternommen wurde, um die Frage nach der Verantwortung für die beiden Angriffe zu beantworten, wobei er sich ausgiebig auch mit den Versionen auseinandersetzt, die das syrische Regime übermittelte, um seine Sichtweise der Dinge klarzulegen. Soweit man das je sagen kann, waren die Untersuchungen umfassend und ausgewogen. Den Verschwörungstheorien der Marken Hersh oder Lüders wurde damit der Boden entzogen.

Das sollte man zumindest glauben, solange man sich nicht angesehen hat, wie die Printmedien und der ORF den Bericht und die darin enthaltene Inkriminierung des syrischen Regimes für die Giftgasattacke von Chan Schaikun aufgenommen haben. Kurz gesagt: Es herrscht das große Schweigen. Bislang fanden sich in den von Mena Watch systematisch ausgewerteten Medien genau ein Bericht im Ö1-Mittagsjournal (27. Oktober 2017) und je eine Kurzmeldung in der Kronen Zeitung (28. Oktober 2017) sowie im Ö1-Morgenjournal (27. Oktober 2017). Abgesehen davon sieht die Bilanz folgendermaßen aus:

Der Standard: 0
Die Presse: 0
Salzburger Nachrichten: 0
Kurier: 0
Kleine Zeitung: 0
Ö1-Abendjournal: 0
ZIB 13: 0
ZIB: 0
ZIB 2: 0
ZIB 24: 0

Während die Verschwörungstheorien rund um den Giftgaseinsatz von Chan Schaikun in der einen oder anderen Form in allen Medien wiedergegeben wurden, herrscht jetzt (von zwei Ausnahmen abgesehen) Totenstille rund um den Bericht, der genau diese abstrusen Theorien widerlegt. So sieht mediales Totalversagen aus.

Beitrag zuest erschienen auf Mena-Watch http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/giftgas-in-syrien-mediales-totalversagen/