Sonntag, 19.11.2017 / 13:34 Uhr

Turmbau zu Babel in Grosny

Von
Gastbeitrag von Koban Kunta, Kaukasischer Knoten

Kadyrow missbraucht den Islam um die tschetschenischen Sufi-Traditionen zu verfälschen, damit sie seinen eigenen Ambitionen dienen und seine Willkürherrschaft rechtfertigen. Die Ambiguität des Islams besteht für ihn darin, vom selbsternannten Beschützer der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem, respektive Schutzherrn des Massakers an Muslimen in Maynmar zum wainachischen Weihnachtsmann für Patron Putin zu mutieren.

Obwohl das selbsternannte Oberhaupt der tschetschenischen Republik damit prahlt, den Koran auswendig Rezitieren zu können, scheint er Sure 16:26  vergessen zu haben.[1] Den fleißig arbeiten seine Bienen an dem Bau des »Achmat-Turm« - einem 435 Meter hohen Gebäude mit einem Museum, dass seinem Vater gewidmet ist. Aktiv wirbt Kadyrow auf seinem eignem Instagram Account für den Bau, der durch seine Stiftung finanziert wird - die Begeisterung der Bewohner von Grosny dagegen hält sich in Grenzen. Viele schätzen nicht sonderlich, dass Dank des riesigen Turms auf der anderen Straßenseite von der zentralen Moschee, diese buchstäblich im Schatten des Geschäftszentrums stehen wird.[2] Ein Zaun, der das Gebiet der zukünftigen »Grosny Mall« umgibt, schließt sich eng an die Gedenkstätte für die Opfer der Deportation von 1944 an. Die Bewohner befürchten, dass wegen Vorkommnissen in der Vergangenheit das Denkmal völlig zerstört wird, obwohl die Behörden das Gegenteil versichern.[3]

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Weil das Gebäude in der Russischen Föderation am höchsten ist - 59 Meter höher als der »Vostok« Turm des Moskauers »Verband« Komplexes – wurde es bereits als Turm von Babel bezeichnet.[4] Obwohl Variationen ähnlich der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel in der islamischen Tradition existieren, ist dem Islam das zentrale Thema vom Gott, der die Menschheit auf der Grundlage der Sprache trennt, fremd. Im islamischen Glauben schuf Gott die Nationen, um sich zu kennen und nicht zu trennen – doch Kadyrov kümmert sich wenig um an-Nahl, der selbsternannte Beschützer der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem feierte noch 2011 feucht fröhlich Heiligabend als Weihnachtsmann verkleidet. Dasselbe Jahr als der Präsident von Tschetschenien für sich beschloss, dass es ehrwürdiger wäre, am 10.Mai mit den Föderalen seinen Vater zu huldigen, anstatt am 23. Februar ein anständiges Andenken die Deportation zu erlauben. Was sind schon die Gräber der Großeltern im Vergleich zu einem Geschäftszentrum?

Im Allgemeinen scheint mit der theologischen Sattelfestigkeit des weitgehend ungebildeten tschetschenischen Präsidenten nicht besonders gut bestellt zu sein. Wie rudimentär seine Kenntnisse des kanonischen sunnitischen Islam sein dürften, den er mit Elementen des traditionellen Islam der Sufi-Bruderschaften zu verschränken versucht und der Materie der christlichen Lehre kombiniert, dokumentieren immer wieder grotesk bis erratisch anmutende Aktionen Kadyrows.[5] Neben seinem Faible für Vater Frost und der Nutzung von Weihwasser, scheint er eine besondere Vorliebe für die Benennung aller wichtigen islamischen Institutionen und Moscheen nach bestimmten Persönlichkeiten, insbesondere der seines Vaters, entwickelt zu haben, was gegen ein zentrales Gebot des konventionellen sunnitischen Islams verstößt. Überdies droht seine pervertierte Vereinnahmung des traditionellen Islam die Islamisierung der tschetschenischen Gesellschaft entlang orthodoxer sunnitischer Positionen voranzutreiben, denn der Kern traditioneller Gläubigkeit wird so zusehends aushöhlt und geht so als Schutzwall gegenüber dem Salafismus verloren.

Selbst der tschetschenische Mufti zeichnet sich durch die bedingungslose Unterstützung des Regimes des syrischen Präsidenten Bashir Assad aus. Viele in Tschetschenien schätzen die Agitation für die Mufti-Reisen nach Syrien, zahlreiche Treffen mit Assad, seinen Ministern und religiösen Persönlichkeiten, die das Alawiten-Regime in Syrien unterstützen, nicht sonderlich. Die Entsendung von Tschetschenen, um in der Militärpolizei in diesem Nahostland zu dienen, und die Anweisungen, die ihnen von Mezhiev gegeben wurden, führten zu einer negativen Resonanz in den sozialen Medien.  Selbst in den eigenen Reihen steigt der Unmut, wie diverse Dienstverweigerungen belegen[6] denn Syrien als Schauplatz der imperialen Politik Putins ist auch »nur« die Neuauflage des Zweiten Tschetschenienkriegs, den es sind dieselben zynischen Witze welche man sich in den Ruinen erzählt, einziger Unterschied ist, dass das Abschlachtenheute live in alle Haushälter dieser Welt übertragen wird.

Anfrage an Radio Jerewan: Stimmt es das Russland gezielt syrische Krankenhäuser mit Fassbomben bombardiert?

Antwort: Im Prinzip ja. Aber es war nicht eine Fassbombe, sondern eine Iskander. Und es war kein Angriff auf ein ziviles Ziel, sondern ein militärisches – denn Russland bekämpft den Terrorismus bereits bei der Entstehung weshalb die Entbindungsstation ebenfalls eliminiert wurde.

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[1] Diejenigen, die vor ihnen waren, planten auch Ränke, doch Allah rüttelte ihren Bau an den Grundmauern, so dass das Dach von oben her auf sie stürzte; und die Strafe kam über sie, ohne dass sie ahnten, woher.
[2] https://www.kavkazr.com/a/dorogoy-akhmat-tower/28635036.html
[3] Im Februar 2014 wurde das Denkmal, das 1992 für die Opfer von Stalins Deportation im Jahre 1944 gebaut wurde, auf Anliegen von Kadyrow »renoviert und restauriert«. Verschiedene Churty (Grabsteine) wurden dabei beschädigt oder zerstört, um Platz für das Denkmal für Kadyrows Vater zu schaffen, der am 9. Mai 2004 ermordet wurde.
[4] https://www.kavkazr.com/a/28846440.html?nocache=1
[5] https://www.rferl.org/a/kadyrovs_chechen_sufism_accomodates_christmas_trees_holy_water/24453480.html
[6] https://www.youtube.com/watch?v=IMD-Me-nAyE