Montag, 04.11.2019 / 10:04 Uhr

Proteste im Libanon und Irak: Antizionistisches Narrativ in der Krise

Von
Thomas von der Osten-Sacken

Auch wenn es dem Iran und seinen Verbündeten noch einmal gelingen sollte, die Proteste im Irak und im Libanon mit brutaler Gewalt zu unterdrücken, können sie eines wohl nicht mehr verhindern: Dass ihre wahnhaften Verschwörungstheorien langsam zerfallen.

 

Vielleicht werden sie ja eines Tages, sollte es denn irgendwann einmal besser werden in der Region, sich gegenseitig Witze erzählen über jene Zeiten Anfang des 21. Jahrhunderts, als die Machthaber in Teheran oder anderswo noch jedes Ereignis, das ihnen nicht passte, zur zionistischen Verschwörung oder imperialistischen Plot erklärten. Lange hatte das ja irgendwie auch funktioniert und Zustimmung bei den breiten Massen gefunden, so absurd es auf Außenstehende auch gewirkt haben mochte.

 

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(Bild: Ausgerechnet live im Hizbollah-TV al Amanar erklärte eine Demonstrantin im Libanon, sie habe keinen Grund, Israel zu hassen)

 

Aber irgendwann gerät jedes System in die Krise – und in einer solchen befindet sich angesichts der jüngsten Massenproteste im Libanon und Irak ganz offenbar das Regime in Teheran. Da investierte es über Jahre Milliarden, um im Nahen Osten sein Imperium auszubauen, das es stolz „Achse des Widerstandes“ nennt und dessen Ziel die „Einkreisung“ und letztlich Vernichtung Israels ist. Und dann, man wähnte sich kurz vor dem Ziel, gehen in den wichtigsten Hauptstädten dieses Imperiums Millionen auf die Straße und richten ihren Unmut direkt gegen die Islamische Republik selbst.

Der Wahn schafft bekanntermaßen seine eigenen Wirklichkeiten und wenn man die bärtigen großen Führer im Nahen Osten so reden hört, fragt man sich jedes Mal: Glauben die wirklich an den Unfug, den sie erzählen?

Was nicht sein darf, kann aber nicht sein. Wie also reagieren? Zur Verfügung steht seit Jahren nur ein binäres System: Wenn wer im Libanon oder dem Irak demonstriert, dann entweder für die gerechte Sache des palästinensischen Volkes gegen das „zionistische Krebsgeschwür“ und die Gemeinheiten des Imperialismus oder aber als feindlicher Agent, der Teil irgendeiner Verschwörung ist, ob willentlich oder als fehlgeleiteter Verführter. Ein paar Nuancen sind möglich, aber viele nicht. So gelang es etwa 2011, die syrische Opposition kollektiv zu islamischen Terroristen zu erklären, die dann allerdings wiederum nur im Auftrag böser westlicher Mächte handelten.

Was lächerlich und auch ein wenig langweilig klingt, hat leider nur allzu oft funktioniert. Denn der Wahn schafft bekanntermaßen seine eigenen Wirklichkeiten und wenn man die bärtigen großen Führer im Nahen Osten so reden hört, fragt man sich jedes Mal: Glauben die wirklich an den Unfug, den sie erzählen? Vermutlich tun sie es, zumindest zu großen Teilen. Auch in der Sowjetunion unter Stalin waren Millionen fest überzeugt, eine ganz miese und umfassende trotzkistische Verschwörung abwehren zu müssen. Zum Wesen dieser Verschwörungen gehört, dass aus Sicht der von ihnen Betroffenen auch nach Jahren und Hekatomben von Toten, die Bedrohung nicht nachlässt. Jederzeit kann der Feind zuschlagen, egal wie eng die zahlreichen Geheimdienste ihre Kontrolle auch ausgedehnt haben.

Anders ist kaum zu erklären, dass ausgerechnet im Libanon, der so engmaschig vom Iran kontrolliert wird, Millionen aktuell nicht etwa auf die Straße gingen, um berechtigte Forderungen nach Veränderung zu stellen, sondern Teil eines amerikanischen und israelischen Plans seien. Das nämlich ist das offizielle iranische Narrativ, nachdem anfangs noch versucht wurde, die Massendemonstrationen zu Solidaritätsveranstaltungen mit den Palästinensern umzulügen. Damit machten sich iranische Medien so offensichtlich lächerlich, dass schnell auf die zweite verfügbare Erklärung umgeschaltet wurde.