Quereinsteiger sind keine schlechten Lehrer

Auf Umwegen ins Klassenzimmer

Weil es zu wenige Lehrer gibt, sollen andere nun auch unterrichten. Die nennt man Quereinsteiger und begegnet ihnen mit großer Skepsis.

Quereinsteigerinnen gibt es ja nicht nur an Schulen. Sie sind überall, ihr müsst das nur mal googeln. Es gibt Quereinsteiger in Friseursalons, in Metzge­reien, in Callcentern, auch im Dachdeckergewerbe sind Querein­steigerinnen durchaus willkommen. Der auf Wictionary.org erwähnte Beispielsatz zu »Quereinsteiger« macht deutlich, dass auch der begehrte ­Berufszweig »Millionär/in« allen Quereinsteigern offensteht, die bereit sind, sich zunächst die richtige Basisqualifikation, nämlich die Tätigkeit als Teller­wäscher, zu erarbeiten.

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Diese vielen Quereinsteiger haben das Privileg, dass ihre Berechtigung zum Quereinsteigen nicht bestritten wird. Die Quereinsteigerin an der Fleisch­theke arbeitet zwar mit Tieren oder jedenfalls Tierteilen, die wir uns in den Mund stecken und herunterschlucken wollen, aber das scheint kein Anlass für uns zu sein, ihre Qualifikation in Frage zu stellen.

Es gibt viele Beispiele für Dinge, die professionell, also von Leuten mit der richtigen Ausbildung, gestaltet und dann trotzdem ein Desaster wurden.

Man kann natürlich verstehen, dass die Menschheit gerne einen Unterschied machen möchte zwischen toten Schweinen und Kindern, auch wenn viele Kinder zum Beispiel durchaus eine ähnliche Farbe haben wie tote Schweine. Aber sie können natürlich sprechen, das können tote Schweine nicht, und sie sind unsere Zukunft, das sind tote Schweine auch nicht. Oder jedenfalls sind sie nur ein Teil der sehr unmittelbaren Zukunft, des Abendessens vielleicht oder des Frühstücks. Dass wir unsere langfristigere Zukunft nicht in die Hände irgendwelcher Amateure geben wollen, ist einigermaßen verständlich. Solche Sachen sollten wohl eher professionell gestaltet werden. Andererseits gibt es ja gerade in Berlin sehr viele Beispiele dafür, dass professionelle Leute mit der richtigen Ausbildung etwas – zum Beispiel den Flughafen BER, den Potsdamer Platz, die Mietpolitik oder die Buslinie M41 – so gestalten, dass es schwerfällt zu glauben, Quereinsteiger hätten ein schlimmeres Desaster anrichten können.

Dementsprechend gibt es natürlich auch Menschen mit zwei auf herkömmliche Weise erlangten Staatsexamen, die die Entwicklung der Kinder zu humanoiden Potsdamer Plätzen anstreben. Ich persönlich finde auch das problematisch. Die Quereinsteiger, die derzeit an meiner Schule arbeiten, unterscheiden sich insgesamt wenig von den traditionell Ausgebildeten, es sind ­junge, motivierte Männer, die ihre Fächer mögen, ­keine eigenen Kinder haben und nur nachts für ein paar Stunden nach Hause gehen. Meine Schulleitung mag sowas.

Eine Weile lang hatten wir diesen quereingestiegenen Chemielehrer, dessen Muttersprache Englisch war und der jeden Morgen mit einer neuen ­revolutionären Idee auf der Matte stand, wie etwa der, dass man die Englischstunden und die Chemiestunden zusammenlegen und in ihnen durchgängig Chemie auf Englisch lehren solle. Bei einer Schülerschaft, die in beiden Fächern nur sehr wenig beschlagen ist, würde das natürlich zu prima Synergieeffekten führen. Sein Vorschlag fand in keinem der zuständigen Gremien der Schule eine Mehrheit, woraufhin er sich gemobbt fühlte. Er steigt jetzt, glaube ich, woanders quer ein, jedenfalls ist er nicht mehr da. In einem der Seminare, die ich während des Referendariats belegen musste, hatten wir eine Quereinsteigerin, eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die ­neben dem Referendariat die für Quereinsteiger maximal mögliche Anzahl von Stunden arbeitete, weil sie das Geld brauchte. Zu Beginn des Referendariats sah sie noch ganz normal aus, aber dann verlor sie zusehends an Farbe, wöchentlich blich sie aus, bis schließlich das Farbigste an ihr die blauen Kinesiotapes an ihrem Nacken und eine ihre Augen rötlich färbende Entzündung waren. Sie war dann länger krank, aber ich habe gehört, dass sie es mit einem halben Jahr Verspätung geschafft hat, auf einer Dreiviertelstelle an einer Sekundarschule arbeitet und nur noch ganz selten weint. Ein erschreckend häufig genannter Einwand gegen Quereinsteigerinnen im Lehrerberuf ist, dass diese Menschen den Job nur wegen des Geldes machten und nicht aus einem inneren Drang heraus, Kindern die Welt zu erschließen. Hahaha.

Richtig, ich finde das ziemlich lustig, mitten im Kapitalismus Leuten vorzuwerfen, dass sie eine Arbeit des Geldes wegen verrichten, und im Übrigen: Ja, es gibt diese Menschen, die einer Berufung gefolgt sind, als sie sich dazu entschieden haben, an Schulen zu arbeiten. Ich gehöre nicht dazu, aber ich kenne einige dieser großartigen Personen. Nur sollten wir nicht vergessen, dass sehr viele der auf traditionellem Weg in den Beruf Eingestiegenen ganz andere Gründe dafür hatten. Das waren Gründe wie Phantasielosigkeit, Angst vor dem richtigen Leben oder Mama und Papa. Und was machen wir jetzt damit, was wollen wir? Ich will immer das Gleiche: Die Weltrevolution, quatsch, ich meine: Mehr Personal, weniger Stunden, und das für alle.

Wenn Quereinsteigerinnen in ihrem berufsbegleitenden Referendariat die Zeit gegeben wird, sich in Ruhe dem geschlossenen Wahnsystem, das wir Schule nennen, anzunähern, werden sie darin am Ende so gut zurecht­kommen wie alle anderen. Oder so schlecht.