Der Historiker László Karsai über Geschichtspolitik in Ungarn

»Die Rehabilitierung Horthys ist Geschichtsfälschung«

Interview Von

Seit vielen Jahren ist in Ungarn staatliche Geschichtsfälschung zu beo­bachten, etwa die Rehabilitierung Miklós Horthys. Der Reichsver­weser duldete unter anderem Pogrome gegen Juden und seine Regierung erließ nach 1938 Juden diskriminierende Gesetze. Ein anderes Beispiel ist, dass an die über 437 000 Ju­den, die von Ungarn nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, kein Denkmal erinnert, hingegen gegenüber dem Parlamentsgebäude in Budapest ein revisionistisches Denkmal für fünf Milliarden Forint (über 15 Millionen Euro) entstehen soll, das an den Vertrag von Trianon von 1920 erinnert, der die Teilung Ungarns festlegte. Wie sehen Sie diese Geschichtspolitik als emeritierter Professor der Geschichte?
Es ist schwer, hier keine Geschichtsfälschung zu erkennen, insbesondere für mich, denn mein Vater war Holocaust-Überlebender, der sich auch mit Zeitgeschichte befasste. Zusätzlich zur Verfälschung der Geschichte wird in letzter Zeit behauptet, die Ungarn seien mit den Sumerern verwandt, und es wird die Tatsache geleugnet, dass die unga­rische Sprache zu den finno-ugrischen Sprachen gehört.

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Wie sieht es speziell für die Zeit des Regimes unter Horthy von November 1919 bis Oktober 1944 aus?
Die ärgsten Geschichtsfälschungen gibt es tatsächlich in Bezug auf die Horthy-Periode. Anfang der achtziger Jahre – als ich ein bescheidenes Mitglied der damaligen demokratischen Opposition war – wollte ich ein historisches Forschungsthema finden, das politisch neutral und für die Zensoren der Staatspartei unbedenklich war, und so beschäftigte ich mich mit dem Holocaust. Als ich 1983 nach langer Forschung auf die Geschichte der Roma während des Holocaust stieß, war das ein Thema, das niemanden interessierte, auch nicht die wenigen Roma-Intellektuellen, mit denen ich befreundet war. Es war nicht politisch aufgeladen. Ich habe damals nicht geglaubt, dass das sozialistisch genannte System binnen kurzer Zeit zusammenbrechen würde, vor ­allem aber nicht, dass der Holocaust binnen eines Jahrzehnts zu einem politisch außerordentlich heiklen Thema werden und ich mich täglich in politischen Konflikten wiederfinden würde.
In Ungarn befassten sich Politiker nach der Wende regelmäßig mit historischen Themen. Ob es Miklós Horhty verdient habe, 1992 feierlich während eines halbstaatlichen Akts im Beisein von Regierungsmitgliedern umgebettet zu werden, oder ob Straßen und Plätze nach ihm benannt werden beziehungsweise Denkmäler für ihn im öffentlichen Raum stehen sollten, das waren damals politische Fragen. Einige His­toriker wie ich sagten damals, Horthy verdiene keine öffentliche Ehrung.

Wo kann man diese Geschichtsfälschung im Stadtbild von Budapest entdecken?
Wenn man an den beiden Ufern der Donau entlanggeht, wird man bemerken, dass das Regime von Viktor Orbán, das sich selbst als »rechts« beziehungsweise »illiberal« bezeichnet, seit 2010 die Uferstraßen umbenannt hat. Denn wenn schon an den Holocaust erinnert werden solle, sagen die heutigen Poli­tiker, dann an die Menschen, die damals Juden gerettet haben. Tatsächlich sind diese Straßen benannt nach Helden, die oft ihr Leben riskierten, um Menschen zu retten, nach Diplomaten, nach Ausländern oder Ungarn.
Allerdings wurde auch eine Straße am Ufer von Buda nach János Esterházy benannt. Er war Mitglied des Parlaments des slowakischen Satellitenstaats. Er stimmte für Gesetze, die alle Juden diskriminieren, rettete keinen einzigen Juden und vollbrachte lediglich eine gute Tat, als er sich bei der Abstimmung im Mai 1942 über die Abschiebung der Juden der Stimme enthielt. Esterházy wird deswegen von der heutigen Regierung zum Judenretter erklärt. Esterházy entschuldigte sich damals beim ungarischen Außenministerium, er habe sich nur deswegen der Stimme enthalten, weil man doch nach den Juden auch die Ungarn abschieben könnte.
Die ungarische Regierung hat 2011 sogar die US-amerikanische Anti-Defamation League (ADL) dazu gebracht, dem Enkel Esterházys eine Auszeichnung zu übergeben. Doch das endete mit einem Skandal, als die jüdische Gemeinde in Bratislava in einem Buch dokumentierte, dass Esterházy als Antisemit, der er zeitlebens war, der Entrechtung der Juden und der Beschlagnahmung ihres Vermögens zugestimmt hatte.

Vor 75 Jahren, am 19. März 1944, wurde Ungarn von deutschen Truppen besetzt. Wie wird an die bis in den April 1945 dauernde deutsche Besatzung erinnert?
Wenn wir das Donauufer verlassen, können wir das in der Nacht auf den 20. Juli 2014 aufgestellte, berüchtigte Denkmal für die »Opfer der deutschen Besatzung« auf dem Platz der Befreiung in der Mitte der Stadt sehen. Historiker, Journalisten, Überlebende und Demokraten haben dagegen vergeblich protestiert. Monatelang gab es Proteste vor diesem Denkmal, bei denen auch ich mehrere Male sprach. Das Denkmal zeigt den grausamen deutschen Naziadler, der das unschuldige, als Erzengel Gabriel abgebildete Ungarn angreift. Dieses Denkmal leugnet alles, was vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Zweiten Weltkriegs in Ungarn passierte, und insbesondere das, was nach der deutschen Besatzung am 19. März 1944 geschah: die mit vorauseilendem Gehorsam, begeistert und diszipliniert vollzogene Kollaboration.
Man kann über das Ausmaß der ungarischen Schuld diskutieren, doch man kann nicht vertuschen, dass die ungarische Regierung nach der deutschen Besatzung Alternativen hatte. Sie hätte zum Beispiel höchstens ein paar Tausend oder Zehntausend erwachsene jüdische Männer, die Arbeitsdienst leisteten, als Zwangsarbeiter den Deutschen übergeben können. Eichmann und sein aus ungefähr zwei Dutzend Männern bestehender Stab hätten da gar nichts machen können. Ohne die ungarische Kollaboration, durch Staatsapparat, Militär, Gendarmen, Polizisten, Eisenbahner, Ärzte und Hebammen hätte man nicht fast eine halbe Million als Juden kategorisierte Personen ­deportieren können. Das zu leugnen mit diesem Denkmal und mit der fort­gesetzten Rehabilitierung Horthys, ist wesentlicher Teil der staat­lichen ­Geschichtsfälschung.

Auch Bewunderern Horthys sind Denkmäler gewidmet.
Ja. Auf dem Burghügel in Budapest wurde 2015 eine Büste von Oberst Ferenc Koszorús enthüllt. Er spielte eine große Rolle bei dem Versuch, Horthy zu rehabilitieren. Er war im Stab des in Esztergom (Gran) stationierten Panzer­regiments, das der Legende zufolge von Horthy nach Budapest gerufen worden sei, um die Deportation der Budapester Juden zu verhindern. Das ist gelogen. Das Regiment ist tatsächlich am 6. Juli 1944 in Budapest angekommen. Aber nicht, um Juden zu retten, sondern weil Horthy ein paar Tage das Gerücht ­geglaubt hatte, dass die von László Baky, dem Staatssekretär für Inneres, nach Budapest befohlenen circa 3 000 Gendarmen nicht gekommen seien, um ­Juden zu deportieren, sondern um Horthy zu zwingen, den Pfeilkreuzlerführer Ferenc Szálasi zum Minister­präsidenten zu ernennen. Das war absurd, denn Baky und Szálasi hassten ­einander. Außerdem hatten die Gendarmen Budapest bereits einen Tag vor Ankunft des Panzerregiments verlassen, denn Horthy ließ am 5. Juli die Gendarmerieoffiziere, die im Hotel Astoria wohnten, zu sich auf die Burg ­rufen, und dort gab er ihnen den Befehl, Budapest zu verlassen. Sie waren Horthy fanatisch ergeben und haben sofort die Hacken zusammenge­schlagen und sich mit ihren Untergebenen aus der Hauptstadt entfernt.

Danach wurden dennoch zahlreiche Juden deportiert. Um wie viele Menschen ging es?
Nach der angeblich heldenhaften Intervention von Horthy und Koszorús, um die Deportation der Juden zu verhindern, wurden zwischen dem 6. und 8. Juli 1944 aus der Gegend von Budapest 23 909 Menschen deportiert und aus anderen Teilen des Landes 29 556 Menschen. Noch am 19. Juli 1944 wurden aus dem Internierungslager Kistarcsa 1 230 Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Im August 1944 gab Reichsverweser Horthy noch seine Zustimmung zur Deportation zahlreicher Juden. All das geschah laut den Horthy-Apologeten, weil er lange nicht gewusst habe, was in Auschwitz-Birkenau passierte. Ihnen zufolge habe er die Auschwitz-Protokolle erst am 2. Juli erhalten und gelesen.
Aus zahlreichen Quellen wissen wir, dass auch das gelogen ist und Horthy genau informiert war über den Massenmord im Vernichtungslager. Seit 1942 wusste man, was in Auschwitz geschah, wenn nicht vorher. So hatte Horthy im April 1943 in Kleßheim von Hitler davon gehört, dass man die Juden ­vernichten müsse. Horthy hatte die Auschwitz-Protokolle bereits im März oder April 1944 erhalten und erfahren, welche großindustrielle Methoden angewendet wurden, um einen Massenmord an den europäischen Juden zu begehen.

László Karsai hat in Ungarn Geschichte gelehrt und am Institut für Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften geforscht. Zu seinen Schwerpunkten gehören der Holocaust und die Verfolgung der Roma in Ungarn.