Anwesenheit unerwünscht

In aller Welt gibt es die Hoffnung, eine multinationale Truppe könne die Lage im Südlibanon stabilisieren. Doch sie würde Gefahr laufen, zwischen die Fronten zu geraten. von markus bickel, beirut

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Timur Göksel lacht. »Es ist ihnen einfach scheißegal«, sagt der langjährige Sprecher der Unifil (Übergangsstreitkraft der Vereinten Nationen für den Libanon) über den Beschuss von Stellungen dieser Truppe durch das israelische Militär. »In der Vergangenheit hat Israel trotz Warnungen immer wieder Stützpunkte der Uno attackiert. Warum sollte sich das ändern?« Seit der Entsendung der nur mit einem schwachen Mandat ausgestatteten Kräfte in den Libanon im Jahr 1978 starben 257 Soldaten, davon mehr als 100 bei Kampfhandlungen, andere durch Anschläge oder Landminen. Insofern füge sich der Tod von vier im Südlibanon stationierten Uno-Soldaten in diese traurige Tradition ein, meint Göksel.

Die israelische Armee hat ebenso wie die Vereinten Nationen angekündigt, diesen Angriff zu untersuchen. Doch für Göksel, der im Jahr 1979 als Sprecher zur Unifil kam und derzeit als Dozent an der American University Beirut tätig ist, sind die Resultate bereits absehbar: »Vielleicht entschuldigt sich Israel, doch angesichts der Tatsache, dass die UN-Beobachter vor Ort die israelischen Militärs mehrfach gewarnt haben, bevor sie beschossen wurden, ist das lächerlich.« Im Hinblick auf eine mögliche Nachfolgemission von Unifil oder eine mit einem neuen Mandat versehene multinationale Truppe ist der Türke pessimistisch: »Eine solche Truppe dürfte von beiden Seiten unter Beschuss kommen, von der Hizbollah ebenso wie von den Israelis.«

Israel will in den kommenden Tagen im Libanon einen bis zu acht Kilometer breiten Landstreifen unter Kontrolle bringen und dort alle Stellungen der Hizbollah zerstören. Dieses Gebiet will Israel halten, bis eine multinationale Friedenstruppe die Kontrolle übernimmt. »Die Gefahr ist groß, dass die ausländischen Einheiten als Stellvertreter der USA und Israels wahrgenommen werden, die den nicht beendeten Job erledigen sollen, die Hizbollah auszuschalten«, fürchtet Göksel.

Die USA und Frankreich, das als Führungsmacht der internationalen Truppe im Gespräch ist, streiten vor allem über den Beginn des Einsatzes. Die USA wollen die Soldaten unmittelbar nach einer Feuerpause im Libanon stationieren, Frankreich hingegen will den Einsatz erst beginnen lassen, wenn ein dauerhafter Waffenstillstand in Kraft ist. Strittig ist außerdem die israelische Forderung, auch weiterhin mit Truppen im Libanon präsent zu bleiben. Nicht nur die beiden regionalen Schutzmächte der Hizbollah, der Iran und Syrien, sind gegen eine internationale Streitmacht. Auch die Hizbollah, die mit zwei Ministern in der Regierung von Premierminister Fouad Siniora vertreten ist, lehnt dies ab, obwohl sie formal dem Beschluss des Kabinetts zugestimmt hat, der die Wiederherstellung der staatlichen Souveränität über das gesamte libanesische Territorium vorsieht.

In einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Figaro sprach sich Ende der vorigen Woche auch der bis Kriegsbeginn populärste christliche Politiker des Landes, der ehemalige Armee- und Regierungschef und Vorsitzende der Freien Patriotischen Bewegung, Michel Aoun, vehement gegen eine multinationale Truppe aus.

Allein die innerlibanesischen Widerstände gegen eine multinationale Truppe könnten ausreichen, ihr ein ähnliches Schicksal zu bescheren wie der Unifil, die selbst in Uno-Kreisen als gescheitert gilt. Ohne einen Waffenstillstand wird es keine internationale Truppe geben; selbst wenn sie zustande kommt, wird es ihr kaum gelingen, einen Waffenstillstand auch gegen den Willen der Beteiligten durchzusetzen. Mit dem Beschuss französischer Soldaten zwei Wochen nach ihrem Eintreffen 1978 habe die Unifil übrigens auch ihre unheilvolle Karriere begonnen, berichtet Göksel. »Für den ersten Beschuss waren damals palästinensische Einheiten verantwortlich.«