Über das jüdische Hollywood

Hollywoods offene Wunde

Fast hätte es wirklich eine »Basterd«-Truppe gegeben. Und wie im Tarantino-Film wäre sie aus Hollywood gekommen, allerdings nicht nur auf der Leinwand. Eine historische Abschweifung zu »Inglourious Basterds«.

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Ungefähr in der Mitte von Quentin Tarantinos Film »Inglourious Basterds« gibt es eine dieser Szenen, die man aus einer Menge Dirty War Movies kennt: Einer der Helden wird in einer der Kommandozentralen der Alliierten auf seine Mission hinter den feindlichen Linien vorbereitet und muss seine Eignung dazu darstellen. Immer sind da die Räume groß, werden Whisky-Flaschen aus Weltkugeln geholt und sitzt eine geheimnisvolle Figur der Weltgeschichte in einer weniger beleuchteten Ecke des Saals. Der, der hier eine solche Mission, nämlich die »Operation Kino« durchführen soll, ist der britische Filmkritiker und Kriegsfreiwillige »Archie Hicox«. Und die geheimnisvolle Figur im Hintergrund ist Wins­ton Churchill, gespielt von Rod Taylor. Archie Hicox jedenfalls muss, um mit den »Basterds« des Films zusammen ein Attentat auf die Größen des »Dritten Reichs« planen zu können, in der Geschichte des deutschen Films und der Ufa einigermaßen Bescheid wissen. Deutschland unter Hitler, das weiß er, ist ein filmverrücktes Land. Und ein verrücktes Filmland. (Und ein Land, das auf sehr filmische Weise wahnsinnig ist.) Goebbels bedient sich des Kinos als perfekte Unterhaltungs- und Propagandamaschine. Gute Laune, hat er in sein Tagebuch geschrieben, ist kriegswichtig.
Goebbels will also Leute wie Louis B. Mayer mit den eigenen Waffen schlagen? Das ist die Frage, die Churchill aus dem Hintergrund an den jungen Filmkritiker und Geheimagenten richtet. Goebbels sehe sich eher wie ein David O. Selznick, antwortet Hicox. Eine von Hunderten von filmhistorischen Reminiszenzen, die es in diesem Film gibt, für den Plot nicht weiter von Bedeutung, nerdiges Insidertum, oder? Aber vielleicht steckt in der Gegenüberstellung der beiden Produzenten-Namen auch ein bisschen mehr.

Zeit für eine längere Abschweifung, die erstaunlicherweise direkt ins Herz von »Inglourious Basterds« zurückführen wird. Louis B. Mayer ist das Kind einer jüdischen Familie, die vor den Juden-Verfolgungen in Minsk in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts fliehen musste. Seine Kindheit muss ein einziges Grauen gewesen sein. Ob die Armut der Familie oder die Gewalt in der Familie schlimmer war, ist schwer zu sagen. 1907 gründete er ein erstes eigenes Nickel Odeon, 1910 gehörten ihm 90 Prozent aller Kinos in Neuengland, und 1915 wurde er reich durch seinen Anteil an Griffiths »The Birth of a Nation«. Im Jahr darauf gründete er die Metro Pictures Corporation, wich wie viele andere vor dem Edison Trust nach Hollywood aus und wurde dort einer der »Mogule«. Mayers Idee war die »gesunde Unterhaltung« für die amerikanische Bevölkerung, er erfand ein Amerika, in dem Nachbarschaft, Gottesfurcht, Patriotismus und Familiensinn vorherrschten und Politik und Probleme ansonsten nichts zu suchen hatten. Mayer war erzkonservativ, unterstützte die Republikaner und insbesondere einen gewissen Senator McCarthy. Und außerdem war er ein Typ, der ziemlich rücksichtslos mit Menschen umging, weder vor Verrat noch Erpressung zurückschreckte, sich auf das Jammern wie auf das Drohen verstand (die Coens haben ihn in »Barton Fink« wunderbar paraphrasiert).
David O. Selznick, Sohn des Regisseurs Lewis J. Selznick, hatte Mayers Tochter Irene geheiratet und wollte es trotzdem oder gerade deswegen ohne die Hilfe seines Schwiegervaters in Hollywood zu etwas bringen. Er schaffte es mit »Gone With the Wind«. Bei RKO Pictures war er für die Produktion von »The Most Dangerous Game« und »King Kong« verantwortlich und arbeitete mit Greta Garbo. Später entstanden unter seiner Ägide Hitchcocks »Rebecca« und »Spellbound« sowie »Duel in the Sun«.

Alle diese Filme spielen direkt oder indirekt eine Rolle in »Inglourious Basterds«, aber ebenso wichtig ist vielleicht die »jüdische Identität« dieser so grundverschiedenen Film-Produzenten: Mayer gehörte zu den Hollywood-Produzenten, die nur bedingt mit einer »jüdischen Identität« zurechtkamen; dagegen protestierte der Drehbuchautor Ben Hecht gegen die »amerikanisierten Juden«, die als Autoren und Regisseure mit Stücken und Filmen für den Erhalt einer rassistischen WASP- (White Anglo-Saxon Protestant) Illusion arbeiteten und sich dem Schicksal der Juden in Europa gegenüber taub und blind stellten. »Alle meine wütenden Kritiker schreiben, dass sie stolz darauf sind, Amerikaner zu sein und Nelken zu tragen«, schrieb er in einem Artikel unter der Überschrift »Mein Stamm wird Israel genannt« (1941), »und dass sie es auf den Tod nicht ausstehen können, wenn Leute wie ich versuchen, sie zu judaisieren und allgemein das Judenbewusstsein der Welt zu schärfen.«
So sehr er sich damit die Feindschaft mancher Kollegen zuzog, so bekam Ben Hecht auch Zustimmung, insbesondere von Hilel Kook, dem Neffen des ehemaligen Oberrabbiners von Palästina, der sich in den USA Peter Bergson nannte und eben jene Idee verfolgte, die Tarantino in seinem Film entwickelt, nämlich eine spezielle »jüdische« Truppe zu gründen, die jenseits der »offiziellen« amerikanischen Armee gegen die Nazis in Europa kämpfen würde und dies vor allem wegen ihrer Kenntnisse europäischer Sprachen und Kulturen können würde. Die Untergrundorganisation »Irgun Zwai Leumi« operierte bereits in Palästina für die Befreiung der Juden, und es gab eine Reihe von ihnen, die auch an eine ähnliche Organisation in Europa dachten. Gegen eine solche Bewegung des jüdischen Selbstbewusstseins hatte sich eine Front in Hollywood gebildet, zu der neben Politikern wie Joseph P. Kennedy auch die Produzenten Mayer, Warner und Goldwyn gehörten, auch wenn die in ihrer Haltung gegenüber zionistischen Organisationen sehr differierten. Die »Irgun« wurde gerade wegen der Bereitschaft abgelehnt, Gewalt anzuwenden, aus dem Opfer-Status in den begründeten Gegen-Terror zu gelangen. »Irgun« »wurde von den meisten angesehenen Juden außerhalb Hollywoods als eine Schande betrachtet, und nun erging es der Organisation in Hollywood ebenso. Harry Warner, ein glühender Zionist, wies Hechts Ansinnen zurück und warf ihn aus dem Büro«, berichtet Neil Gabler in seinem Buch »Ein eigenes Reich. Wie jüdische Emigranten Hollywood erfanden«.

Aber auch der Filmproduzent David O. Selznick wies Hechts Anfrage nach einer Benefiz-Veranstaltung für seinen Plan, eine »Basterd«-Gruppe zum Schutz der Juden im von den Nazis besetzten Europa zu gründen, zurück mit der Begründung: »Ich bin Amerikaner, nicht Jude.« Daraufhin schlug Ben Hecht ihm eine Wette vor: Wenn er drei beliebige Leute in Hollywood anriefe und sie frage, ob Selznick »Jude« oder »Amerikaner« sei, und nur ein einziger von ihnen nicht ohne zu zögern »Jude« antworten würde, dann würde Hecht alle seine »judaistischen« Aktivitäten sofort einstellen. Selznick ging tatsächlich auf die Wette ein, rief als erstes den Herausgeber des Motion Picture Exhibitor’s Herald, Martin Quigley, an und stellte die entscheidende Frage. Quigley antworte sofort, Selznick sei natürlich Jude. Entsprechend, wenn auch nicht mit der gleichen Direktheit, antwortete der Autor Nunnally Johnson, und schließlich der Agent Leland Hayward, dessen Antwort wörtlich überliefert ist: »Du lieber Gott, was ist denn mit David los? Er ist Jude, und das weiß er auch.«
Selznick gab sich geschlagen und unterstützte Hechts Sammlung. »Selznick zahlte, und schließlich erklärten sich andere führende Hollywood-Juden, von den Verbrechen der Nationalsozialisten eingeschüchtert, bereit, an einem Treffen in der Kantine der Twentieth Century-Fox teilzunehmen. Als jedoch einer der Redner, ein britischer Oberst, der im Ersten Weltkrieg eine Gruppe jüdischer Soldaten kommandiert hatte, die Briten wegen ihres Verhaltens in Palästina hart attackierte, begannen die Hollywood-Juden zu schwanken, denn die meisten von ihnen waren anglophil eingestellt. Der anschließende Spendenaufruf wurde mit eisigem Schweigen quittiert, bis die Klatschkolumnistin Hedda Hopper eine Zusage von 300 Dollar machte. Schon ging der Wohltätigkeitswettbewerb wieder los, und am Ende des Abends hatte Hecht Zusagen über 130 000 Dollar« (Neil Gabler). Dass freilich von diesen 130 000 nur 9 000 Dollar tatsächlich bezahlt wurden, das war auch für die gewohnten Verhältnisse in solchen Benefiz-Shows ausgesprochen blamabel. Quentin Tarantino hat nicht nur die Welt- und die Filmgeschichte umgeschrieben, er hat vor allem auf eine Wunde der Hollywood-Geschichte reagiert. Er hat einen Traum verwirklicht, der einmal sehr nahe an einer greifbaren Realität war.
Ben Hecht schrieb ein »jüdisches Passionsspiel« unter dem Titel »Wir werden niemals sterben«, aber trotz des Achtungserfolges des Stückes (mit der Musik von Kurt Weill) kam man dem Ziel, eine eigene jüdische Organisation und schließlich eine eigene Truppe aufzustellen, nicht näher. Und dann kam eine Situation, in der sich nicht nur die amerikanischen Politiker mit Schuld beladen mussten, sondern auch Hollywood: Die Regierung Rumäniens bot an, 70 000 Juden ausreisen zu lassen, wenn nur für den Transport der Flüchtlinge gesorgt werde. In einer vergleichsweise heftig formulierten Anzeige in der New York Times rechnete Hecht den Preis für ein jüdisches Leben vor: 50 Dollar. Es war zu viel.
Sowohl die Aktivität einer Gruppe jüdischer Partisanen in Europa als auch eine mögliche Unterstützung durch britisches Militär und Geheimdienste sind also viel weniger phantastische Erfindungen, als es zunächst den Anschein haben mag.

Redaktionell gekürzter und bearbeiteter Auszug mit freundlicher Genehmigung des Autors aus: »Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über Inglourious Basterds«, Verlag Bertz + Fischer, Berlin 2009, 176 Seiten, 9,90 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.