Was ist aus der Solidarnosc geworden?

Mit 30 schon ein Zombie

Was ist aus den Protagonisten der Solidarnosc geworden? Die Verlierer unter ihnen machen für ihr Scheitern eine »jüdische Verschwörung« verantwortlich.

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Das Szenario der jährlichen Gedenkfeiern hat sich seit Jahren nicht verändert. Doch die von der Intelligenzija einst angehimmelten Arbeiter spielen in der Erzählung vom Fall des Kommunismus kaum eine Rolle mehr. Bei den offiziellen Feierlichkeiten am 4. Juni – dem Tag, an dem 1989 die ersten, noch nicht wirklich freien Wahlen in Polen stattfanden – dürfen sie nicht einmal mehr als Komparsen auftreten. Zuschauerplätze stehen nicht zur Verfügung. Aus Sicherheitsgründen.
»Ich will nicht, dass Gewerkschafter mit Solidarnosc-Fahnen auf Polizisten einprügeln und umgekehrt.« Mit diesen Worten rechtfertigte Premierminister Donald Tusk bereits vor einem Jahr, dass die Feierlichkeiten zum »Sturz des Kommunismus« von Gdansk auf die Wawel-Burg in Kraków verlegt wurden. Erst vor kurzem wurde dort der bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk verunglückte rechtskonservative Präsident Lech Kaczynski samt Gattin neben den Königen in einem Alabastersarkophag beerdigt. Spielte zum 25. Jahrestag noch Jean Michel Jarre in der Danziger Lenin-Werft seine »Shipyard overture (Indus­trial revolution)«, während Anna Walentynowicz, das Ehepaar Joanna und Andrzej Gwiazda und andere Aktivisten, ohne die es die Solidarnosc nicht gegeben hätte, vor der Werft protestierten, lädt man dieses Jahr zum Mega-Konzert vorsichtshalber nicht in die Werft, sondern nach Katowice ein. Dort soll die deutsche Band Alphaville zum 30. Geburtstag der Solidarnosc ihren Smash-Hit »Forever Young« anstimmen.
Doch was ist nach 30 Jahren übrig von der einst so starken und progressiven Solidarnosc und ihrer Forderung nach selbstverwalteten Produktionsprozessen? Einst waren 80 Prozent der polnischen Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Heute sind es weniger als zehn Prozent. Anfang der neunziger Jahre war jeder zehnte Arbeiter Mitglied der Solidarnosc, heute ist es nur noch jeder fünfzigste. Seit der kapitalistischen Transformation stieg die Zahl der Arbeitslosen, sie liegt heute bei rund zehn Prozent. Nach staatlichen Angaben leben 59 Prozent der Polen unter dem Sozialminimum, das als Indikator für so­ziale Ausgrenzung gilt. Weitere zwölf Prozent leben unter dem Existenzminimum.

Mein Redaktionskollege Zbyszek M. Kowalewski war während des berühmten Ersten Delegiertenkongresses im Herbst 1981 maßgeblich an der Erarbeitung des Selbstverwaltungsprogramms der Solidarnosc beteiligt. Ziel des Programms war es, als Alternative zu Realsozialismus und Kapitalismus eine Staatsform zu gestalten, in der Arbeiterräte die vergesellschafteten Betriebe leiten und der Betriebsdirektor von der Belegschaft gewählt wird. Zudem sollten die Arbeiterräte in einer speziellen Kammer des Parlaments repräsentiert werden. Doch das Referendum zur Abstimmung des Programms wurde durch die Verhängung des Kriegsrechts unterlaufen, Solidarnosc wurde in den Untergrund verbannt.
»Die darauf folgende Trennung der Gewerkschaftsfunktionäre von der Basis war das Anfang vom Ende der radikalen Arbeiterbewegung der Solidarnosc«, sagt Kowalewski. Als 1988 die Streiks und Proteste zum letzten Mal aufflammten, wurden sie von der Führung der Bewegung abgewürgt, um die Verhandlungen mit den Machthabern am Runden Tisch nicht zu gefährden. Aus dem Elektriker Walesa wurde ein Staatspräsident, aus Gewerkschaftern wurden Bankdirektoren, Unternehmer und Politiker.
Dass die einstigen Protagonisten der Arbeiterbewegung heute zerstritten sind, verwundert kaum. Als sich 2003 im Danziger Marine-Museum die Gewinner und Verlierer der Transformation bei einer Konferenz gegenüberstanden, war die Atmosphäre geladen. Die vom katholischen Radio Maryja vereinnahmten Verlierer der Transformation interpretieren die Entfremdung der Gewerkschaftsfunktionäre von der Basis mit antirussischen und antisemitischen Verschwörungstheorien. Sie sehnen sich nach dem »guten Kapitalismus«, wie er in Großbritannien unter Thatcher geherrscht habe – so steht es jedenfalls in ihrem Zentralorgan, der neurechten Zeitschrift Obywatel.

In deren Version war Lech Walesa ein Agent der polnischen Staatsicherheit, der im August 1980 nicht über das Werfttor gesprungen, sondern mit einem Motorboot des Geheimdienstes in die Werft eingeschleust worden sei, um den Streik zu beenden. Als Walesa auf der Konferenz seinen einstigen Weggefährten gegenüber einen versöhnlichen Ton anstimmte, stammelte der frühere Parlamentsabgeordnete Kazimierz Switon etwas von »Ausverkauf Polens an jüdische Rassisten«. Die in Deutschland von Regisseur Volker Schlöndorff als Heldin der Solidarnosc gefeierte Anna Walentynowicz fügte hinzu, er habe »die Freien Gewerkschaften kompromittiert«. Auch Andrzej Gwiazda, Herausgeber der Obywatel, gehört zu den ehemaligen Soldarnosc-Kämpfern, für die heute klar ist, dass nicht etwa der Kapitalismus an ihrer Niederlage schuld ist, sondern Walesa alias »IM Bolek« und antipolnische Mächte. Die verbitterten Solidarnosc-Protagonisten wie Switon, Gwiazda und Walentynowicz schlossen sich zuletzt Kaczynskis Projekt der »IV. Republik« an. Das Flugzeugunglück, bei dem Kaczynski sowie auch Anna Walentynowicz starben, ist für sie ein weiterer Beleg für eine antipolnische Verschwörung. Die angeblichen Verschwörer werden in Radio Maryja beim Namen genannt: Juden und Kommunisten.
Im Gegensatz dazu spricht Zbyszek M. Kowalewski von der Realpolitik kapitalistischer Staaten, die die soziale Bewegung in Polen für ihren Kampf gegen den Kommunismus instrumentalisiert hätten. Kowalewski gelangte durch Zufall kurz vor der Ausrufung des Kriegszustands nach Paris, wo er bis Ende der neunziger Jahre bleiben musste. Er leitete dort das Solidaritäts-Komitee der Solidarnosc. »Plötzlich tauchte Jerzy Milewski, ein Aktivist der Danziger Solidarnosc, bei uns auf und lud alle Emigranten zu einem Treffen nach Brüssel ein«, erinnert sich Kowalewski. »Zu meiner Verwunderung verlangte Milewski, dass wir einen unterwürfigen Brief an Ronald Reagan unterschreiben.« Auf diese Art wurden »verantwortungsbewusste« Gewerkschafter ausgesucht und die Soli-Komitees auf Linie gebracht. Einer der ersten Beschlüsse des gleichgeschalteten Komitees war es, die Beschlüsse des Ersten Delegiertenkongresses zu begraben. Deren »sozialistischer« Charakter, so hieß es, drohe potentielle Unterstützer abzuschrecken. »Jedenfalls die Unterstützer, auf welche man nun setzte«, ergänzt Kowalewski.
Auch die im Untergrund tätige Temporäre Koordinations-Kommission (TKK) der Solidarnosc entfernte sich von den Beschlüssen der Basis. Im September 1985 veröffentlichte sie ihre »Wirtschafts-Postulate«, in denen von Arbeiterselbstverwaltung nicht mehr die Rede war. Damit eröffnete auch die TKK den Weg zur Restauration des Kapitalismus. So verwundert kaum, dass die Solidarnosc nach 30 Jahren nur als Zombie fortlebt. Mit den Kämpfen von damals hat sie heute kaum noch etwas zu tun.

Kamil Majchrzak ist Redakteur der polnischen Edition von »Le Monde Diplomatique« und der ostdeutschen Zeitschrift »Telegraph«.