Die »Rote Flora« in Hamburg wird 25

Schulterblatt 71: mehr als eine Adresse

Vor 25 Jahren wurde die Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel besetzt. Das autonome Stadtteilzentrum ist damit das am längsten besetzte Gebäude der Republik, selbst den Verkauf an einen Investor hat die Flora überlebt.

Wer mit dem Phrasendrescher durch das Wortfeld drischt, kann das ruhig Ironie der Geschichte nennen: 3,6 mögliche Sterne erhält die Rote Flora bei den Google-Bewertungen, das Stage-Theater »Neue Flora« kommt im selben Ranking auf 4,6. Demnach ist also das, was einige Hamburger Besetzer vor ziemlich genau 25 Jahren auf dem Schulterblatt im Hamburger Schanzenviertel verhindert haben, beliebter als das halbruinöse Theater, das nun ein autonomes Zentrum ist. Zudem schreibt auch kein Nutzer »Sollen das Ding endlich abreißen« auf die Facebook-Seite des Musical-theaters Neue Flora (im Folgenden nur noch Bespaßungsbunker genannt), in dem gerade wieder das »Phantom der Oper« aufgeführt wird.

Auch wenn der Horizont der meisten Menschen, die etwas bei Google bewerten, wahrscheinlich nicht mal für eine adäquate Rezension des örtlichen Schnitzelparadieses taugt: Genau dieses Ranking sagt viel darüber aus, in was sich die Hansestadt im vergangenen Vierteljahrhundert verwandelt hat – und viel über das, was die Rote Flora in Hamburg so wichtig macht. Und es macht deutlich, dass selbst diejenigen, die die Flora in letzter Zeit wegen mangelnden Engagements im Stadtteil kritisierten, eines nicht vergessen dürfen: Ohne die Flora gäbe es in Hamburg wohl keinen Stadtteil mehr, in dem man über mangelndes politisches Engagement meckern könnte. Ohne die gerade 25 Jahre alt gewordene Flora könnte man auf dem Schulterblatt wohl nur die Kaffeepreise kritisieren, sich beschweren, dass die »Diesen Körper formte Bier«-T-Shirts nur in Größe L vorrätig sind und dass es so wenige Parkplätze für Touristenbusse gibt. Ein Blick auf die Geschichte des besetzten alten Theaters offenbart, dass hanseatisches Understatement ein Mythos ist, genährt von den Versprechungen der Hamburger Tourismusbehörde, um Anreisenden einen Freifahrtschein für das Danebenbenehmen zu schenken. Denn es gibt wohl keine andere Stadt in Deutschland, in der fast jedes Wochenende professionell organisierte Besäufnisse wie Schlager-Move, Hafengeburtstag, Harley und Cruise Days stattfinden. Die Flora ist also zu allererst ein Denkmal, das zwar den Namen verdient, aber die Stadt, in der es steht, verdient das Denkmal nicht.
Dass sich das mal so klar darstellen würde, war Ende der achtziger Jahre noch nicht zu erkennen. Die Kramladenkette »Tausend Töpfe« hatte das Gebäude gerade abgegeben. Das einstige Theater, in das im 19. und 20. Jahrhundert Altonaer und Sankt Paulianer zum Varieté gingen, war in einem miserablen Zustand. Das Dach war nicht mehr ganz dicht, Teile der Außenfassade lösten sich auf. Es war eine Zeit, in der es am Schulterblatt noch richtige Läden gab, statt Sneaker oder Designerbrillen gab es also Zeugs für den alltäglichen Bedarf. Das Schanzenviertel war noch ein eher verschlafenes Kaff, in dem Hafenarbeiter ihre mit dem Ende des Stückguts in den siebziger Jahren verbundene Arbeitslosigkeit auslebten, Türken kleine Geschäfte führten und die zugezogene Dorfjugend an linken Utopien bastelte. Doch dann kam Friedrich Kurz.

Kurz hatte zwei Jahre zuvor das Musical »Cats« an die Reeperbahn gebracht. Ein aggressives und umfassendes Marketing mit Rabattaktionen für Bahntickets und Hotelbuchungen machte das alte Operettenhaus ab 1986 zur Pilgerstätte für Musicalfans. Denn diese konnten plötzlich nicht nur eine Eintrittskarte für die Vorführung erwerben, sondern ihnen wurde ein ganzes Event-Paket geboten. Es war, wenn nicht die Geburt, so wenigstens der Samen, der aus Hamburg eine Eventstadt machte. Wolfgang Jansen beschreibt diesen Coup in dem Buch »Cats & Co. Geschichte des Musicals im deutschsprachigen Theater«. Natürlich blieb diese Entwicklung dem Hamburger Senat nicht verborgen. Unter der Führung des damaligen Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi (SPD) versuchte man in den achtziger Jahren ohnehin, die wirtschaftliche Fixierung Hamburgs auf den Hafen zu lockern und stattdessen den Tourismus als zweites Standbein zu etablieren. Denn wenn viele Touristen kommen, so die Rechnung, ist eine Stadt statistisch gesehen besonders attraktiv, und besonders attraktive Städte ziehen Arbeitgeber an, die aufgrund dieser Attraktivität glauben, die besseren Bewerber rekrutieren zu können. Als Kurz dann im Jahr 1987 an die Tür des Rathauses klopfte und der Regierung sein Konzept für eine neue Spielstätte vorlegte, griff der Senat begehrlich zu. Der Musicalentrepreneur bekam die Erlaubnis, die Rote Flora abzureißen, um am Schulterblatt 71 seinen Bespaßungsbunker für das »Phantom der Oper« zu bauen. Dass für diesen Massenmagneten weder die Infrastruktur des Schanzenviertels geeignet noch Begeisterung bei den Anwohnern vorhanden war, interessierte zu dieser Zeit nicht. Und dass der Senat glaubte, dass durch die Hafenstraßenbesetzung ein paar Straßen weiter die subversiven Kräfte schon genug beschäftigt seien, ist mehr als eine Vermutung.

Doch es kam zu Protesten. Anwohner und Autonome versuchten immer wieder die Arbeiten zu sabotieren – vergebens. Denn ein Großteil der Flora fiel im April 1988 den Abrissarbeiten zum Opfer. Besonders schmerzlich aus heutiger Sicht ist der Verlust der von Gustave Eiffel für die Pariser Weltausstellung 1867 entworfenen Galérie des Machines. Sie war nach dem Ende der Ausstellung nach Hamburg verfrachtet worden, um in der Flora den Kristallpalast zu geben. Die transportable und unter Denkmalschutz stehende Eisen-Glas-Konstruktion wurde einfach verschrottet.
Daraufhin verschärfte sich der Protest. Es kam erst zu Sitzblockaden und später zu Anschlägen auf die Baustelle. Im November 1988 war der Bespaßungsbunker in der Schanze Makulatur und die Flora eine leerstehende Ruine. Denn Kurz war die Sache zu heiß geworden und er beschloss, das unter allen Gesichtspunkten scheußliche »Phantom der Oper«-Gebäude an die vielbefahrene Stresemannstraße in Altona zu pflanzen, wo es heute noch dank der anreisenden Touristenbusse an den Vorführabenden regelmäßig zu Vehrkehrsinfarkten kommt.
Im Sommer 1989 war es dann so weit: Die Flora wurde besetzt. Autonome bauten und bastelten, um aus dem Trümmerhaufen wieder ein Haus zu machen. Auf einem staubigen Bauplatz begrünten sie einen Park. Und nebenbei mussten sie das Gebäude immer wieder vor dem Zugriff der Politiker bewahren. Selbst eine verfassungsrechtlich umstrittene Razzia und den Verkauf an einen Investor, der immer wieder für Probleme sorgt, hat die Flora seitdem überlebt. Das einzige, was ihr wirklich zugesetzt hat, ist der Umstand, dass die 25jährige ein so beliebtes Postkartenmotiv für die Dinkis (Double Income No Kids) geworden ist. Manchmal wird dadurch vergessen, dass sie nur einen schönen, mit knalligen Bannern verzierten Vorbau hat, sondern auch ein Innenleben.
Es gibt dieses Video mit Rocko Schamoni und Christian Dabeler aus dem Jahr 1990, in dem sie für den Berliner Sender Rias TV einen Hamburg-Guide ablieferten. Am Ende sitzen beide in der kahlen, mit einigen alten Möbeln ausgestatteten Halle, in die aus Euro-Paletten und Backsteinen eine kleine Bühne gezimmert worden war. Heute finden in dieser Halle immer noch Konzerte statt. Es ist der einzige Ort ihrer Hamburg-Tour, den Schamoni und Dabeler in ihrem Film wirklich und ohne Zynismus empfehlen. Und diese Empfehlung trifft im Schanzenviertel im Jahr 2014 besonders zu.

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