US-amerikanische Ethnologen boykottieren Israel

Israel und Indigene

Fast die Hälfte der Mitglieder des US-amerikanischen Ethnologen­verbands wollen Israel wissenschaftlich boykottieren. Damit stehen sie nicht allein. Ihre besondere Boykottkompetenz begründen sie mit dem Wissen über den Genozid an der indigenen Bevölkerung während der Kolonialisierung Amerikas.

Anzeige

Die antiisraelische Boykottkampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) ist seit längerem im akademischen Mainstream der USA angelangt. Bereits drei große Wissenschaftsverbände haben sich mit überwältigenden Mehrheiten zum Boykott israelischer Universitäten entschlossen: die American Association for the Advancement of Science (AAAS) 2013, die American Studies Association (ASA) 2014 und die National Women’s Studies Association (NWSA) Ende vergangenen Jahres.
Im November stimmten 1 040 Teilnehmer der Jahrestagung der American Anthropological Association (AAA), mit 10 000 Mitgliedern der größte Verband von Ethnologen der Welt, für den Boykott israelischer Universitäten. Nur 136 stimmten gegen die Annahme einer Resolution, die unter anderem den Ausschluss israelischer Universitäten aus dem Datenbanknetzwerk »Anthrobase« vorsah. Dass die Boykotteure betonten, man ziele nicht auf Individuen, sondern auf Institutionen, war ein durchschaubarer Schwindel. Ein solches Klima erschwert auch in den USA forschenden jüdischen oder israelischen Ethnologinnen und Ethnologen die Aussicht auf akademische Stellen. Die Boykottresolution war schließlich kein Überraschungsantrag von Lobbygruppen, sondern Ergebnis einer offiziellen Untersuchungskommission der AAA. Während die BDS-Bewegung mit Webinars und Workshops an den Universitäten von unten wühlte, organisierte die Spitze der AAA mit einem Kommissionsbericht der »Task Force on AAA Engagement on Israel-Palestine« vom 1. Oktober 2015 den Angriff von oben. Das Wort »Antisemitismus« kommt in dem Dokument exakt einmal vor: in einer Beschwerde über einen angeblich ungerechtfertigten Antisemitismus-Vorwurf. Der in Gaza und der Westbank dominierende Antisemitismus konnte offenbar nicht erfasst werden.
Auf den Triumph des BDS vom November folgte jedoch kürzlich Ernüchterung. In einer von Mitte April bis Ende Mai dauernden Urabstimmung lehnte eine hauchdünne Mehrheit von 51 Prozent aller Mitglieder der AAA die Resolution doch noch ab. Der Vorstand der AAA ließ es sich jedoch nicht nehmen, noch am Tag der Verkündung des Ergebnisses, am 7. Juni, einen alternativen Aktionsplan gegen Israel zu veröffentlichen, den die Mitgliederversammlung nicht mehr absegnen muss. Die Vorsitzende Alisse Waterston bedauerte die Mitgliederentscheidung und begründete den neuen Plan mit den sehr christlichen Worten: »Unsere Maßnahmen begründen sich nicht aus einer Position der leichtfertigen moralischen Überlegenheit, sondern aus Liebe zur ganzen Menschheit.«
Zu den anmaßenden Forderungen des Vorstands der AAA gehört der vollständige Abbau von Checkpoints. Zwei Tage nach dem Aufruf der AAA wurde der israelische Ethnologe Michael Feige, bekannt für seine Forschungen zum Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, beim Terroranschlag auf den Sarona Market in Tel Aviv ermordet. Dutzende solcher Angriffe haben IDF-Soldaten alleine in den vergangenen Monaten dank der Checkpoints verhindert oder sie wurden selbst Opfer eines Anschlags. Beim Kurznekrolog für Feige ließ es sich die AAA nicht nehmen, seinen Tod noch für ihre antiisraelische Stimmungsmache zu missbrauchen. »Der Verlust seines, jeglichen Lebens drängt umso mehr dazu, dass Frieden und Gerechtigkeit in Israel-Palästina einkehren.« Der Mord wurde zu einem allgemeinen Tod verharmlost, Israel zum Doppelstaat erklärt. Da die AAA das antisemitische Motiv des palästinensischen Terrors ignoriert, verteidigt sie die Rechte von jüdischen Wissenschaftlern nur dann, wenn sie für den BDS aktiv sind und mit dem israelischen Gesetz, das Boykottaufrufe gegen Siedlungen im Westjordanland verbietet, in Konflikt geraten. Während die Rechte von arabischen Studierenden im Westjordanland gestärkt werden sollen, erwähnen die Dokumente der AAA nicht einmal, dass Jüdinnen und Juden in den meisten arabischen Ländern keine Einreisegenehmigung erhalten. Adressat der Kritik ist ausschließlich Israel.
Die Multiplikatoren wissen genau, was sie tun. Michael Taussig, einer der fähigsten Adepten Kritischer Theorie in der Ethnologie, ließ sich als Erstunterzeichner des Boykotts auflisten. Nur wenige Ethnologen, darunter Richard Shweder, sprachen sich öffentlich gegen den Boykott aus. Viele folgten dem Boykott inhaltlich, ohne das Mittel gutzuheißen. Auch wenn 51 Prozent der Mitglieder der AAA gegen die Resolution stimmten, spricht die unverhohlene Parteinahme des Vorstandes Bände darüber, was in Zukunft von der US-amerikanischen Ethnologie zu erwarten sein wird.
Dass Wissenschaftler mit grosser Zahl Israel-Boykotte unterstützen, hat jeweils spezifische Gründe. Führende britische Konservative verübeln traditionell die Kränkung durch das störrische ehemalige Mandatsgebiet Palästina, aus dem unter anderem Israel hervorging. Britische Studierende und Lehrkräfte können gemeinsam mit der Führung der südafrikanischen Regierungspartei ANC gegen die »israelische Apartheid« kämpfen und so für kurze Momente die inneren Widersprüche des ANC beziehungsweise das gewerkschaftliche Elend in Großbritannien vergessen. Gegen den genozidalen Sudan, gegen das gigantische land grabbing in der kapitalistischen Peripherie, gegen den »Islamischen Staat«, gegen den Autoritarismus im Iran, Weißrussland oder China kann man nichts ausrichten – Israel aber kann man boykottieren. Der Boykott des verwundbaren, winzigen Staates tröstet vor allem viele Linke über die Ohnmacht bei größeren Problemen hinweg und bietet ihnen die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können. Wo als Schwundstufe gewerkschaftlicher Arbeit das Handeln von Konsumenten als systemverändernd gilt, geht es schon strukturell nur gegen kleine Objekte. Dort schadet der Verzicht den Konsumenten am wenigsten und den Boykottierten am meisten. Natürlich nimmt man es mit dem Boykott dann auch nicht so ernst, dass man tatsächlich verzichten würde. Es geht um Triebabfuhr, nicht um Konsistenz.
Spezifisch für die Debatte in der US-amerikanischen Ethnologie ist der starke Bezug auf die indigenen Gesellschaften der USA und deren genozidaler Dezimierung und Diskriminierung. So fühlt man sich nicht nur besonders verantwortlich, sondern hält sich auch für besonders befähigt, Kolonialismus zu erkennen und zu kritisieren. So heißt es in der Boykottresolution der AAA vom 20. November 2015: »Als Disziplin, deren Ursprung untrennbar mit der Geschichte des Kolonialismus verbunden ist, sind Anthropologen befähigt, koloniale Praktiken zu erkennen und zu verurteilen, insbesondere wenn sie von unserer Regierung und in der Gesellschaft unterstützt werden (…) Boykotte haben sich in ähnlichen Kämpfen um Befreiung und Gerechtigkeit als wirksam erwiesen, einschließlich im Südafrika der Apartheid.«
Ausgerechnet der als Genozid angelegte Krieg radikaler Palästinenser gegen Jüdinnen und Juden in Israel, zu dessen politischem Arm BDS mit der wirren Forderung nach der Umsetzung der (von Israel einst akzeptierten und mittlerweile hinfälligen) UN-Resolution 194 wird, wird mit dem Befreiungskampf der Schwarzen im südlichen Afrika und dem Widerstand von Indigenen gleichgesetzt. Dass man mit den wahllosen Projektionen eigener geschichtlicher Schuld auf den vermeintlichen »Apartheid-Staat Israel« an westlichen Universitäten Erfolg hat, ist Symptom einer »Menschheit ohne Erinnerung« (Adorno), des Verlusts an Geschichtsbewusstsein.
Wie sich der Widerstand der 51 Prozent gestaltet, die in der AAA gegen den Antrag gestimmt haben, ist unklar. Von deutschen Ethnologieverbänden ist indes wenig Resonanz zu erwarten. Viele sind schon aus Karrieregründen auf die gütliche Kooperation mit der einflussreichen AAA angewiesen. Die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde ist auf ihren Versammlungen vollständig von Fitnessübungen für den akademischen Markt absorbiert, für inhaltliche Debatten bleibt wenig Raum. Weder die Theorie des Antisemitismus noch die zu dessen Verständnis notwendige Psychoanalyse waren je relevante Elemente der ethnologischen Ausbildung. So sind die Grundbedingungen für den Erfolg des BDS auch in der deutschen Ethnologie vorhanden, wenngleich man sich mit einem offenen Boykott aus »historischen Gründen« vorerst schwertun wird.