Die skurrile Veganismus-Debatte in Italien

Mehr Kontrolle beim Essen

In Italien will eine rechte Abgeordnete Eltern bestrafen lassen, die ihre Kinder nicht ausreichend ernähren. Hitzig diskutiert wird vor allem über den Veganismus.
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In der Konditorei, die in der römischen Altstadt sizilianische Spezialitäten nach »großmütterlicher Tradition« bewirbt, türmen sich in den Vitrinen Cannoli in allen Größen. Auf Nachfrage, ob die Teigröllchen, die traditionell mit dem aus Schafs- oder Kuhmilch erzeugten Frischkäse Ricotta gefüllt sind, auch in einer veganen Variante angeboten werden, schüttelt die Frau hinter der Theke energisch den Kopf. Sie hält nichts von der neuen »Ideologie« und freut sich über die antivegane Gesetzesinitiative von Elvira Savino. Die Abgeordnete der rechten Partei Forza Italia will Eltern bestrafen, die Kindern unter 16 Jahren eine für deren physische und kognitive Entwicklung adäquate Ernährung vorenthalten. Wenn nachgewiesen werden könne, dass Minderjährige aufgrund vegeta­rischer oder veganer Ernährung gesundheitliche Schäden davontragen, soll den Verantwortlichen eine Haftstrafe zwischen zwei und vier Jahren auferlegt werden. Im Falle von Kindern unter drei Jahren soll sich das Strafmaß auf bis zu sechs Jahre erhöhen, ebenso in Fällen, in denen Kinder nachweislich aufgrund veganer Ernährung zu Tode kommen. Dass der seit Monaten schwelende Kulturkampf zwischen selbstbewussten »Allesessern« und mutmaßlich »radikalisierten« Anhängern des Veganismus nicht mehr nur in der Bar oder am Strand, sondern nun auch im Parlament ausgefochten werden soll, verdankt sich zwei Notaufnahmen, die im Juli landesweit Schlagzeilen machten. In Genua musste ein zweijähriges Mädchen, das deutlich untergewichtig war und kaum noch Reaktionen zeigte, auf der Intensivstation behandelt werden. Die Ärzte diagnostizierten einen lebensbedrohlichen Mangel an Vitamin B12 und fürchteten bleibende neurologische Schäden. Nur wenige Tage später brachten Großeltern ihren einjährigen Enkel, der das Gewicht eines Neugeborenen hatte, in eine Mailänder Klinik. Weil sich die Eltern jeder Unterbrechung der strikten veganen Ernährungsweise widersetzten, wurde ihnen das Sorgerecht vorläufig entzogen und das Kleinkind der Obhut des Krankenhauses unterstellt. Andrea Ghiselli, der Präsident der italienischen Gesellschaft für Ernährungswissenschaft, warnte daraufhin eindringlich vor den gesundheits- und entwicklungsschädlichen Folgen einer veganen Küche für Kinder und Jugendliche. Er warb für eine »mediter­rane« Ernährung mit gemäßigtem Fleisch- und Fischkonsum, weil anders die notwendige Zufuhr an Eisen, Zink, Omega-3-Fettsäuren und den Vitaminen B12 und D nicht zu gewährleisten sei. Vertreter des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte halten nichts von Verboten und Strafandrohungen. Um zu vermeiden, dass Kinder aufgrund der familiären Ernährungsgewohnheiten unter wachstumsgefährdenden Mängeln leiden, plädieren sie dafür, in Kita- und Schulmensen vegane Mahlzeiten nur nach Vorlage eines ärztlichen Attests auszugeben. Außerdem fordern sie die flächendeckende Einrichtung von Zentren, in denen vegane Erziehungsberechtigte beraten und deren Kinder einer regelmäßigen Gesundheitskontrolle unterzogen werden können. Nach einem Bericht des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts Euripses ernähren sich sieben Prozent der italienischen Bevölkerung vegetarisch und ein Prozent vegan, die Tendenz sei in beiden Fällen steigend. Der Trend zur Ernährungsumstellung wird von dem politisch derzeit erfolgreichen Movimento 5 Stelle (M5S) medienwirksam unterstützt. In Turin hat die neugewählte Bürgermeisterin Chiara Appendino die Förderung vegetarischer und veganer Küche zum Regierungsprogramm erklärt, in Rom feierte ihr Parteifreund Luigi Di Maio seinen 30. Geburtstag vor laufender Fernsehkamera mit einer ausdrücklich als ­vegan präsentierten Torte. Die politischen Gegner werten die Werbung von M5S-Politikern für vegetarische und vegane Ernährung als Angriff auf die heimische Viehzucht. Außerdem fürchten sie die Einführung eines Gesinnungsstaats. Nicht einmal Hitler, so ein Kommentator der rechtsintellektuellen Tageszeitung Il Foglio, habe seine vegetarische Überzeugung mit vergleichbarer Vehemenz der Bevöl­kerung aufgezwungen. In der hitzigen Debatte droht die Realität aus dem Blick zu geraten: Dass zu Ostern zehn Prozent weniger Lammfleisch konsumiert wurden, wie das staatliche Statistikamt vermeldete, muss keine grundsätzliche Ernährungsumstellung andeuten. Nach fünf Jahren Wirtschaftskrise ernährt sich ein wachsender Anteil der italienischen Bevölkerung nicht aus Überzeugung vegetarisch, sondern aufgrund notwendiger finanzieller Einschränkungen: Viele können sich Fleisch und Fisch nicht mehr leisten.