Notizen aus Neuschwabenland, Teil 18

Schwieriges Coming-out

Diese Kolumne berichtet über das Milieu der »Neuen Rechten«. Notizen aus Neuschwabenland, Teil 18: CDU, »Identitäre«, Männer- und Opferliteratur.

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Der Wahlsieg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern gibt den Kräften in der CDU Auftrieb, die sich mit der Liberalisierung der Partei unter Bundeskanzlerin Angela Merkel nie abfinden konnten. Angesichts des Debakels der CDU, bei der Wahl hinter die AfD zurückgefallen zu sein, griff Veronika Bellmann, Mitglied im sächsischen CDU-Landesvorstand, ihre Bundesvorsitzende im Gespräch mit der neurechten Wochenzeitung Jungen Freiheit (JF) offen an. Sie kritisierte allerdings nicht die Strategie, der rechten Konkurrenz durch Mimesis die Stimmen abzujagen. Schlauer war AfD-Gründungsmitglied Konrad Adam. In der JF schrieb er schon vor der Wahl, die CDU führe mit ihren Versuchen, die AfD in Mecklenburg-Vorpommern auf den letzten Metern inhaltlich noch einzuholen, lediglich »Wahlkampf gegen sich selbst«. Allerdings ist die hauptsächlich von der CSU geführte Revolte gegen Merkel in Hinblick auf zukünftige Koalitionen nicht unbedeutend. In Österreich, dem großen Vorbild für die JF und andere, wurde in der Vergangenheit vorgemacht, dass ein Bündnis zwischen bürgerlichen Konservativen und Rechtspopulisten zwar riskant für die Konservativen, aber durchaus machbar ist.
Von Österreichern unterstützt wird auch die Identitäre Bewegung (IB). Beständig arbeitet sie daran, den Medien attraktive Bilder von sich zu liefern. Ende August besetzten ihre Anhänger in Berlin kurzzeitig das Brandenburger Tor und entrollten ein Transparent mit der Forderung, die Grenzen zu schließen. Die neurechte Szene jubelte. Jürgen Elsässers Magazin Compact brachte zur gleichen Zeit einen Schwerpunkt zur IB, die rechte NGO »Ein Prozent«, in der neben Elsässer auch der Verleger Götz Kubitschek organisiert ist, sammelt Spenden. Im Gespräch mit dem Blog »Tichys Einblick« bekannte Kubitschek sich zur Finanzierung der Aktion am Brandenburger Tor.
Kubitschek hat jüngst einige seiner Texte in einem Sammelband veröffentlicht: »Die Spurbreite des schmalen Grats«. Darin angekündigt ist auch ein Neuabdruck der »Provokationen« aus dem Jahr 2007, mit denen er eine Art Situationismus von rechts herbeizuschreiben versuchte. Zum Verständnis der Vorgehensweise der »Identitären« und ähnlicher Aktionsgruppen ist der Text hilfreich.
Insgesamt erweitert Kubitscheks Verlag Antaios sein Programm. Nach Akif Pirinçci bietet er nun auch Kriminalromane an. Die Ankündigung zum Buch »Systemfehler« verrät einiges über die Zielgruppe: »Eine junge Frau wird von Asylanten zu Tode vergewaltigt, ihr Verehrer beginnt einen Rachefeldzug.« Am Ende »bricht in Deutschland das Chaos aus«. Das Buch dürfte die gleichen Leser finden wie die derzeitige Standardlektüre des Verlags für »Identitäre«, »Der Weg der Männer« von Jack Donovan. Der huldigt einer archaischen Männlichkeit, lobt »Gewalt, Chaos und Tyrannei« als ihre konstituierenden Momente, sexuelle Gewalt inklusive. Was also beim »Fremden« bedrohlich ist, erscheint beim »Eigenen« erstrebenswert. Die beiden Publikationen markieren die Pole des rechten Diskurses um »sexuelle Übergriffe von Ausländern auf Frauen« (JF). Er richtet sich nicht gegen patriarchale Gewaltverhältnisse, sondern orientiert sich allein an der ethnisch grundierten Frage »Wer gegen wen?«.
Von seiner sanften Seite zeigt sich dagegen Martin Lichtmesz. Mit einem Buch zu den »Überlebensstrategien in einer polarisierten Gesellschaft« will er offenbar die Sparte neurechter Coming-out-Literatur erweitern. Traditionell macht man in der Szene ein großes Gewese um die »zweite Geburt« (Armin Mohler) durch die öffentliche Selbstbezeichnung als »Rechter«. Dabei wird der »Bekenntnismut« stets von Selbstviktimisierung begleitet. Auf der Website der Sezession bittet Lichtmesz nun die Leser um Schilderung ihrer eigenen Diskriminierungserfahrungen als Rechte, um einen entsprechenden »Ratgeber« zu schreiben.
Wie sehr Rechte Opfer seien, betont auch eine Broschüre des Instituts für Staatspolitik über »den Weg in den Mainstream« mit dem Thema: »Wie linke Journalisten den Ton angeben«. Und wer wird darin knallhart als »Verteilerknoten« mit einer »Schlüsselrolle beim Linksschwenk« der deutschen Medien entlarvt? Die Jungle World!