Das Afrika-Museum in Brüssel reproduziert den kolonialen Blick

»Nicht mehr ins Museum«

Der Brüsseler Kunsthistoriker Toma Luntumbue glaubt nicht, dass dem ehemaligen Kongo-Museum der Kolonialismus ausgetrieben werden kann.

Anzeige

Toma Luntumbue unterrichtet als Professor am Brüsseler Konservatorium La Cambre. Er glaubt nicht, dass das Königliche Museum für Zentralafrika in Tervuren jemals den kolonialen Blick ablegen und ein großes Publikum mit afrikanischem Hintergrund anziehen kann. »Einem Museum, das einer einzigen Region gewidmet ist, ist der kolonialen Blick von seiner inneren Logik her eingeschrieben«, sagt er im Gespräch mit der Jungle World. »Sicher gibt es in Tervuren hervorragende Mineralogen, Spezialisten für Hölzer und andere für Käfer.« Doch diese Spezialisten gehören aus Luntumbues Sicht in ein Museum für Naturgeschichte. »Das Spezialverhältnis Belgiens zu Afrika, zum Kongo, beruht allein auf dem Kolonialismus. Ohne die Episode des Kolonialismus hätte Belgien mit Afrika nichts zu tun. Trotzdem will man kein Museum zum Kolonialismus machen – wie so etwas ginge, hat Südafrika mit dem Apartheid-Museum in Johannesburg gezeigt –, sondern tut so, als hätte man ein Geheimwissen über die Region.« Luntumbue sieht die Pläne für Tervuren kritisch. »Ein Museum, in dem es um Wissen geht, wollen sie dann doch nicht machen. Dazu sind sie viel zu stolz auf ihre tollen Exponate: auf ihren ausgestopften Elefanten, auf ihre Giraffe und auf ihren 22-Meter-Einbaum. Das geht dann nach der Ich-hab-den Größten-Logik.«
Luntumbue illustriert seine Skepsis an einem Beispiel: »Es gibt eine bestimmte Art von kleinen Masken, so groß wie ein halber Handteller, die von Frauen an bestimmten Stellen der Kleidung getragen wurden. Sie durften nicht einmal vom Ehemann der Frau berührt werden. Damit verbindet sich ein ganzes System gesellschaftlicher Normen, aber wie wollen Sie das im Museum zeigen? Die Masken sehen einigermaßen unspektakulär aus, lange Texte liest heute keiner mehr.« Und er gibt zu bedenken: »Wenn Sie Glück haben, gibt es noch Filmmaterial, das sie zeigen können – auf einem Bildschirm. Aber warum dann ins Museum gehen? Bildschirme haben die Leute zu Hause genug, die Welt ist heute voller Bildschirme. Man muss heute nicht mehr ins Museum, um sich sein Bild zu machen.« Die Museen sind nach Ansicht Luntumbues konzeptuell in der Krise. In Tervuren würden die Probleme, die die ganze Gattung beträfen, nur besonders deutlich.