Schüler sollen im Sexualkunde­unterricht mit 3D-Modellen der Klitoris aufgeklärt werden

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Um den Sexualkundeunterricht anschaulicher zu machen, hat eine französische Medizinerin ein 3D-Modell der Klitoris entwickelt.

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Ein aus der Psychoanalyse stammender Mythos rankt sich um die verschiedenen Arten des weiblichen Orgasmus: den »reifen« vaginalen und den »unreifen« klitoralen Orgasmus. Die erste Form ergibt sich Sigmund Freud zufolge erst, wenn Frauen Sex mit einem Mann haben. Sie würden dann zu »reifen« Frauen mit »reifen«, also vaginalen Orgasmen. Mittlerweile weiß man, dass die Klitoris verantwortlich für die meisten Orgasmen ist. Sie zieht sich mit ihren beiden Schenkeln in die Vagina hinein und umschließt auch den Scheideneingang. Wie sie genau aussieht und welche Teile der Klitoris überhaupt sichtbar sind, wußte Freud nicht.
Die medizinische Fachwelt hat sich aus verschiedenen Gründen mit oberflächlichen und falschen anatomischen Beschreibungen begnügt. Je nach Autor und Quelle der Abbildungen wurden der Klitoris unterschiedlichste Größen, Formen und Positionen zugeschrieben. Erstaunlich ist, dass die derzeitigen Erkenntnisse über die Klitoris erst seit wenigen Jahrzehnten vorliegen. Viele Fragen, beispielsweise wie die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Klitoris verlaufen, sind noch immer nicht endgültig geklärt. Erst 1998 veröffentlichte die australische Urologin Helen O’Connell den Artikel »Anatomical Relationship between Urethra and Clitoris« im Fachmagazin The Journal of Urology. Sie erkannte, dass die Klitoris mehr als doppelt so groß ist wie bis dahin angenommen.
Um Aufbau und Größe des weiblichen Schwellkörpers sichtbar zu machen, hat die französische Sozialmedizinerin Odile Fillod ein druckbares 3D-Modell der Klitoris entwickelt. Es soll ab diesem Jahr Schülerinnen und Schülern im Unterricht Einblicke in den Aufbau und die Dimension des weiblichen Schwellkörpers verschaffen. »Es ist wichtig, dass Frauen sich ein Bild davon machen können, was in ihrem Körper passiert, wenn sie stimuliert werden«, sagte die Medizinerin der britischen Tageszeitung Guardian. Die Idee für das Modell kam Fillod während der Gestaltung eines Aufklärungsvideos. Sie erkannte, dass nur wenige Schulbücher ein umfassendes Verständnis der Klitoris vermitteln. Auch anatomisch korrekte Abbildungen sind bislang eher selten.
In französischen Schulen wurde die Sexualaufklärung im Jahr 1973 eingeführt. Immer noch ist das Thema heiß umkämpft. 2011 entbrannte eine Debatte über die in Schulen gelehrte Sexualkunde und die explizite Beschreibung der Geschlechtsorgane sowie der gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht. Konservative Politiker gingen auf die Barrikaden, als in neuen Schulbüchern das Kapitel »Mann oder Frau werden« eingeführt wurde. Dass Theorien eines gesellschaftlich hergestellten Geschlechts als wissenschaftliche Wahrheit präsentiert würden, empörte den damaligen Generalsekretär der konservativen Union pour un mouvement populair (UMP, inzwischen Les Republicians), Jean-François Copé. »Das ist, als würde man in Wirtschaftsfachbüchern den Marxismus als wissenschaftliche Wahrheit darstellen«, sagte er damals der französischen Tageszeitung Libération.