Martin Beckers Ruhrpott-Roman »Marschmusik«

Es war einmal im Ruhrgebiet

Martin Becker erinnert in seinem Roman »Marschmusik« an ein Milieu, das für immer verschwinden wird.

Von Knud Kohr
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»Ich könnte trödeln, aber es hilft ja nichts.« Mit diesen Worten beginnt der Roman »Marschmusik« von ­Martin Becker. Knapp 300 Seiten später endet er mit denselben Worten. Beckers Held fährt auf Heimatbesuch in eine Stadt am Rande des Ruhrgebiets, die über Generationen vom Kohlebergbau lebte. Der geht seit langem schleichend nieder, aber sein Ende ist beschlossen. Im Dezember 2018 soll auch die letzte Zeche im Ruhrgebiet schließen; zu Hochzeiten waren es rund 150. Der Bergbau ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, er hat auch die Menschen und die Landschaft geprägt. Doch was bleibt eigentlich übrig, wenn immer weniger Leute auf der Straße sich mit »Glück auf!« begrüßen? Wenn der Vater vor einigen Jahren gestorben ist und die Mutter sich von einem Hirnschlag nie mehr richtig erholt hat? Aber wieder mit dem Kettenrauchen begann, kaum dass sie aus dem Krankenhaus entlassen war. Das sind in etwa die Überlegungen des jungen Mannes, der in einer proletarischen Familie im Ruhrpott aufgewachsen ist, die einst gut vom Kohlebergbau leben konnte und der heute nur noch Erinnerungen bleiben.

Länger als drei Tage hält es der Erzähler im alten Kinderzimmer nicht aus. Schon deshalb nicht, weil in jedem Schrank, in jeder Schublade die Vergangenheit lauert. Schlagartig ist er mit all den Träumen konfrontiert, die er als Heranwachsender hegte, damals, als er noch hier wohnte.
Zunächst ist er erstaunt, wie klein das Reihenhaus ist, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Als Kind erschien es ihm wie ein riesiger Palast. Als er in die Pubertät kam und sein großer Bruder immer mehr Zeit außerhalb des Hauses verbrachte, zog er zum ersten Mal um. In den Keller nämlich. Eigentlich hätte der sein geheimes Reich werden sollen. Allerdings ließ sich seine Mutter durch so seltsame Ansprüche wie die auf »Privatsphäre« nicht davon abhalten, ohne Vorankündigung oder gar Anklopfen ins geheime Reich einzumarschieren.

Eigentlich wollte der Protagonist hier auch das Fundament für seine Zukunft als musikalisches Genie legen. Sein Instrument ist die Posaune und er ist sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er der beste Posaunist der Welt ist. Da die Posaune nur von wenigen gespielt wird und er über ein gewisses Talent verfügt, findet er bald seinen Platz im Spielmannszug der Stadt. Der Teenager spielt bei Beerdigungen und am Volkstrauertag und bekommt sogar erste Soli bei Konzerten, aber er verliert nie die Angst vor dem ersten Ton. Als er Stunden bei einem Musiklehrer nimmt, wird ihm allmählich klar, wie viel Arbeit eine Karriere als Berufsmusiker bedeutet, und bald verschwindet die Posaune im Schrank. Bei seinem Besuch im Elternhaus erinnert ihn das Instrument daran, was aus ihm hätte werden können. Was genau er heute macht und wovon er lebt, bleibt im Roman seltsam nebulös. Klar ist nur, dass er Reisereportagen schreibt. Becker bleibt hier bei Andeutungen. Sein Held ist allein durch das nächtliche New York gestreift, er war mal verliebt in Paris.

Erzählt werden all die kleinen Geschichten und Anekdoten, mit denen man abends in der Kneipe bei den daheim gebliebenen Freunden Eindruck schinden kann. Ob der Erzähler aber mit dem bislang Erreichten zufrieden ist und was seine Zukunftspläne sind, davon erfährt man im Roman wenig. Es scheint, als gehöre er zu einer Generation, die ihre Kindheit zurückgelassen hat, ohne von der eigenen Zukunft eine genaue Vorstellung entwickelt zu haben. Von Freundinnen oder Frauen des Protagonisten liest man in »Marschmusik« auch nichts, und Kinder hat einer wie er schon gar nicht. Sein Leben scheint genauso leer wie die Flöze, in die die letzten Bergleute einfahren.

Die Lebensentwürfe der anderen, die in der Region geblieben sind, überzeugen ihn ebenso wenig. Sein älterer Bruder ist nur ein paar Dutzend Kilometer weggezogen. Dort arbeitet er in einem Betrieb für Stahlteile, seine Abende verbringt er bei Frau und Kindern. Ob es in dieser Familie noch Ziele gibt, verschweigt »Marschmusik« seinen Lesern. Vermutlich gibt es sie nicht.

Die alt gewordene Mutter hat sich in zwei Zimmern des Reihenhauses eingerichtet. Mehr scheint sie auch nicht zu brauchen. Für Unterhaltung sorgen die Zeitung und der Fernseher, zwei Mal pro Woche kommt die polnische Haushaltshilfe. Um seine Mutter zu unterhalten, begleitet der junge Mann sie ins Einkaufszentrum. Auch hier sieht man die Zeichen des Verfalls – Leerstand und Vermüllung. Institutionen wie das Alte-Damen-Café, in dem schüchtern ein paar Schülerinnen ihren Kakao tranken, gibt es nicht mehr.

Am zweiten der drei Tage, die der Erzähler in der alten Heimat verbringt, fährt er mit der Frühschicht in den Berg ein. Hier, einen Kilometer unter der Oberfläche, findet er so etwas wie Kameradschaft unter den Bergleuten. Es ist eine eingespielte Gemeinschaft, die sich da unter Millionen Tonnen von Erde gebildet hat, jeder muss sich auf den anderen verlassen können. Es geht immerhin um Leben und Tod.
Am Ende der Schicht schenkt der Vorarbeiter dem Helden ein faustgroßes Stück Kohle. Beim nächsten Mal soll er mit der Spätschicht einfahren.
Oben auf der Straße trifft der Held noch einen alten Freund, der in einer Band spielt. Dieses Mal kann er leider nicht zu deren Konzert kommen. Aber beim nächsten Mal. Beim nächsten Mal bestimmt.


Martin Becker: Marschmusik. Luchterhand, München 2017, 286 Seiten, 18 Euro