Kolumbien erlaubt Ehen zwischen mehr als zwei gleichgeschlechtlichen Partnern

Kolumbianischer Dreier

In Kolumbien haben drei Männer legal eine Ehe geschlossen. Auch sonst zeigt sich das südamerikanische Land liberal im Umgang mit unkonventionellen Lebensformen – zumindest rechtlich.

»Ob es komisch ist, mehr als eine Person zu lieben? Es ist viel komischer, zu glauben, dass man nur eine einzige Person lieben kann«, sagte Manuel Bermúdez der kolumbianischen Wochenzeitung Semana. Bermúdez hat gerade seine beiden Partner Victor Prada und Alejandro Rodríguez standesamtlich geheiratet. Die drei bilden damit die erste legalisierte Trieja, Dreierehe, Kolumbiens. Nachdem das südamerikanische Land bereits im vergangenen Jahr die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hatte, sind nun auch polygame Eheschließungen rechtlich ­legitimiert. Homosexuelle Paare dürfen – ebenso wie verwitwete Personen und Alleinstehende – bereits seit 2015 Kinder adoptieren.

Ein Großteil der Bevölkerung hält an traditionellen katholischen Moralvorstellungen fest.

Bermúdez, Prada und Rodríguez führen ihre Beziehung seit mehreren Jahren. Zunächst waren sie zu viert, ihr Partner Alex Esnéider verstarb 2015 an Krebs. Sein Tod verursachte neben emotionalen auch juristische Probleme. »Als Alex Esnéider starb, hatten wir kein offizielles Dokument, das unsere Beziehung belegte. Deswegen begann ein schwieriger Gerichtsprozess um sein Erbe und die Güter, die wir gemeinsam mit ihm erworben hatten«, erzählte Rodríguez dem Radiosender W Radio. Mit der offiziellen Eheschließung wollten die drei sich vor allem juristisch und ökonomisch absichern.

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Während die polygyne Ehe, das heißt zwischen einem Mann und mehreren Frauen, weit verbreitet ist, vor allem in Afrika und in islamisch geprägten Ländern, ist die polyandrische Ehe, also zwischen einer Frau und mehreren Männern, selten anzutreffen. Polygynie wird häufig von religiösen Fundamentalisten verteidigt.

Die Mehrfachehe gleichgeschlechtlicher Partner ist ein neues Phänomen und hat nicht die Aufrechterhaltung des Patriarchats und traditioneller Macht- und Familienverhältnisse zum Ziel. Zwar sind polyamore Beziehungen unter homo-, trans- und intersexuellen Menschen keine Seltenheit. Diese werden jedoch rechtlich nicht anerkannt. 2015 berichteten verschiedene Boulevardmedien, darunter die New York Post, über die erste Eheschließung zwischen drei Männern in Thailand. Da nach thailändischem Recht homosexuelle Ehen allerdings generell nicht anerkannt werden, hätten die drei ­lediglich symbolisch nach buddhistischem Recht geheiratet, so die New York Post.

Kolumbien schafft nun einen Präzedenzfall für die gesetzliche Gleichstellung unkonventioneller Lebens- und Familienformen. Der Schritt bestärkt die liberale Lebensweise vieler Menschen vor allem in den Millionenstädten Bogotá und Medellín. So nehmen trans-, inter- und homosexuelle Personen seit einigen Jahren wichtige ge­sellschaftliche Funktionen bis hin zu Regierungsämtern ein. Tatiana Piñeros Laverde, die seit 2008 offen als Trans­sexuelle lebt, übernahm 2012 zunächst die Leitung der Integrationsbehörde der Hauptstadt Bogotá, seit 2014 leitet sie das staatliche Institut für Tourismus. Die Bildungsministerin Gina Parody bekennt sich öffentlich zu ihrer Beziehung zu Cecilia Álvarez, einer ehemaligen Ministerin für Wirtschaft, Industrie und Tourismus. Auch die ­populäre Senatorin Claudia López, über deren mögliche Präsidentschaftskan­didatur im kommenden Jahr spekuliert wird, steht offen zu ihrer Homosexualität.

Diese gesellschaftliche Entwicklung erreicht jedoch bei Weitem nicht alle Kolumbianerinnen und Kolumbianer. Ein Großteil der Bevölkerung hält nach wie vor an traditionellen katholischen Moralvorstellungen fest. Insbesondere gegen das Recht auf Adoption für homosexuelle Paare regt sich Widerstand. Ein Referendumsersuchen, mit dem die konservative Senatorin Viviane Morales das Recht auf Adoption auf heterosexuelle Paare beschränken wollte, scheiterte zwar Anfang Mai vor dem Ersten Ausschuss des Parlaments, aber nur sehr knapp. Der Oberste Gerichtshof hatte die Adoption für homosexuelle Paare und Einzelpersonen im ­November 2015 legalisiert, da eine Beschränkung auf heterosexuelle Paare gegen die Verfassung verstoße und nicht dem Kindeswohl entsprache.

Während die Abgeordneten hauptsächlich mit den zu erwartenden hohen Kosten eines außerplanmäßigen Referendums argumentierten und sich zugleich auf die Entscheidung des Gerichts beriefen, betonte Morales die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Debatte. Dabei kann sie auf den Rückhalt der konservativen Kräfte vertrauen: Es gelang ihr, in Rekordzeit über zwei Millionen Unterschriften für das Referendum zu sammeln. Auch der ­Senat ließ die Volksabstimmung zunächst zu.
Initiativen wie diese belegen, dass die liberale Gesetzgebung in Kolumbien nach wie vor umstritten und gefährdet ist. Auch wenn homo-, trans- und intersexuelle Personen ebenso wie ­verschiedene Familienformen eine gesetzliche Legitimierung erfahren, ist Diskriminierung weiterhin die Regel. Der Nichtregierungsorganisation Colombia Diversa zufolge wurden in Kolumbien allein zwischen 2012 und 2015 mindestens 405 LGBTI ermordet – die deutliche Mehrheit davon waren Transsexuelle, die auch am meisten von Zwangsprostitution betroffen sind.

Auch an anderer Stelle wird das traditionelle Familienbild weiter verteidigt: So boykottierte eine Union aus Vertretern der katholischen Kirche und der konservativen Opposition im vergangenen Herbst das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla Farc unter anderem mit Verweis auf die darin enthaltene »Gender-Ideologie«. Die Verhandlungspartner sahen sich in der Folge gezwungen zu betonen, dass in ­erster Linie der Schutz von Frauen ­gemeint sei. Auf eben jene »Gender-Ideologie«, die die »gottgegebene Ordnung« ins Wanken bringe, verweist nun auch Marco Fidel Ramírez, ein Stadtrat in der Hauptstadt Bogotá. Der Konservative forderte die Annullierung der Dreierehe zwischen Rodríguez, Prada und Bermúdez, da diese gegen die Mehrheitskultur Kolumbiens ­verstoße und das Land »verderbe«.

Das traditionelle Familien- und Geschlechterbild lebt also in den Köpfen vieler Kolumbianerinnen und Kolumbianer fort. Die liberale ­Gesetzgebung ermöglicht es den Menschen jedoch ­zumindest, unkonventionelle Lebens- und Familienformen rechtlich abzusichern und gerichtlich gegen Diskriminierung vorzugehen. Gleichzeitig bestärkt sie den Kampf um Rechte für LGBTI und sorgt für deren bessere Sichtbarkeit. Das katholische Familienbild bröckelt so jeden Tag ein bisschen mehr.