Oras Shukur, Journalist, über Aufstieg und Fall des »Islamischen Staats« im Osten Syriens

»Sie werden die richtige Zeit abwarten, um wieder aufzutauchen«

Oras Shukur ist ein syrischer Journalist und Forscher. Er hat für das Magazin »An al-Madina« gearbeitet und für verschiedene arabische Tageszeitungen geschrieben.

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Wie ist gegenwärtig die Lage im Osten Syriens?
Der größte Teil des Ostens Syriens ist heute noch unter der Kontrolle von Daesh (arabisches Akronym für »Islamischer Staat«, Anm. d. Red.). Raqqa ist zwar fast vollständig von Koalitionstruppen eingekesselt. Aber am Fluss Euphrat gibt es die Wüste, in der sich Daesh frei bewegen kann, ebenso wie auf der Straße zwischen Deir ez-Zor und al-Mayadin. In Deir ez-Zor gibt es einen kleinen Kessel, der vom syrischen Regime kontrolliert wird. Das sind ungefähr drei Stadtviertel, der Rest wird von Daesh kontrolliert. Das ist seit 2014 so. Damals kam Daesh und hat diese Regionen erobert.

Als sich der »Islamische Staat« (IS) 2014 in der Region ausbreitete, stieß er da in ein Machtvakuum vor?
Nicht unbedingt. Die Menschen lebten unter ihren eigenen Regeln, sie hatten ihre eigenen Räte. Aber dann gewannen die radikalen Bewegungen an Stärke. Die haben die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten unter Beschuss genommen. Damit meine ich keine Aktivisten mit langen Haaren, sondern normale Menschen, die ihre Komitees aufgebaut haben. Es ging da um die Basisstrukturen, die nach der Vertreibung des Regimes aufgebaut wurden. Man brauchte eine Institution, damit Menschen heiraten konnten. Falls jemand geschlagen wurde, brauchte man eine Art Polizei.

Wie lief der »Staatsaufbau« unter dem IS ab?
Das war von Region zu Region unterschiedlich. Daesh machte das zum Teil sehr geschickt. Seine Kämpfer nutzten ihr Wissen über die anderen Gruppen. Wenn sie in ein Gebiet einfielen, setzten sie alle ihre Machtmittel ein, Propaganda und Mord gleichzeitig. Dann haben sie alle Menschen entwaffnet und die anderen Verbände – häufig die der Freien Syrischen Armee (FSA) – im Osten vor die Wahl gestellt: Entweder ihr macht bei uns mit oder wir bringen euch um.

Das klingt ganz so, als wäre in Syrien ein ausgetüftelter Plan verfolgt worden.
Die hatten ja Erfahrungen im Irak gesammelt. Die Islamisten haben riesige Gebiete, Städte und Dörfer im Irak lange Zeit kontrolliert. Sie kennen die Abläufe und wissen auch, was die jeweiligen Gesellschaften benötigen. Daesh bestach durch ein smartes Timing, hat sich auf die Fahnen geschrieben, mit dem Chaos aufzuräumen. Die sind alle gut ausgebildet und wissen, wo sie angreifen müssen. Sie wussten auch die Angst ihrer Gegner zu nutzen und haben dementsprechend Autobomben eingesetzt. Viele Verteidiger sind dann einfach weggerannt.

»Ich befürchte, dass sich das Gebiet zwischen dem Irak und der Levante zu einer Region entwickelt, die vergleichbar mit dem afghanisch-pakistanischen Grenzland ist.«

Was haben Ihre Recherchen ergeben? Wer steckt hinter den IS-Angriffen?
Das hängt ganz von der Personalebene ab. Da gibt es die irakischen Salafisten. Sie waren in der Vergangenheit häufig Mitglieder in Saddam Husseins Ba’ath-Partei. Abu Bakr al-Baghdadi, der »Kalif«, ist doch das beste Beispiel. Er begann seine Karriere in irakischen Universitäten unter Saddam Hussein. Solche Jihadisten gab es viele in der Ba’ath-Partei – vor allem in den letzten Jahren von Saddam Husseins Herrschaft. Sie bilden die Führungsriege im Irak. Sie operieren auf strategischer Ebene, haben viel Macht und Erfahrung. Dann gibt es Menschen aus der ganzen Welt, vom Golf oder aus Nordafrika. Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, spielen die Menschen aus den Golfstaaten keine große Rolle. Sie werden meistens bei der Sittenpolizei eingesetzt. Aber sie sind auch nicht die, die Streife laufen und Leute auspeitschen. Tunesier und Tschetschenen sind in der Regel Kämpfer.
Ägypter und Saudis beispielsweise arbeiten in Betrieben und kümmern sich um die Wirtschaft. Es gibt verschiedene Ebenen. Aber es ist ein sehr fluides System, das sich ständig ändert. Die lokale Bevölkerung hat in diesem System nicht unbedingt eine Chance. Da gibt es klare Unterschiede, das fängt bei den Gehältern an.

Noch immer sind in Europa viele erstaunt darüber, wie schnell sich der IS 2014 in Syrien ausbreitete. Wie hat sich das nach Ihren Kenntnissen vollzogen?
Daesh war eine neue, brutale Realität für die lokale Bevölkerung, die nicht sonderlich politisiert war. Die Menschen haben zum Beispiel ein Geschäft oder arbeiten in der Wasserversorgung in einem kleinen Dorf, weit weg von den Städten, mitten in der Wüste. Ein Familienvater, der dort lebt, will häufig nicht in ein Flüchtlingslager umziehen. Es geht ihm mit seinen sechs Kindern ganz gut und für eine Flucht nach Europa hat er kein Geld. Seit Jahrzehnten macht er immer das Gleiche und dann kommt Daesh und sagt ihm: Du musst den Eid auf den Kalifen schwören oder wir töten dich. Also was macht er? Diese Menschen sind keine Unterstützer von Daesh. Wenn Sie in dieser Situation wären, würden Sie wahrscheinlich das Gleiche machen. Wenn ein Bauer fünf Hektar Baumwollfelder hat – wie kann er das zurücklassen und ins Nirgendwo fliehen?

Über Widerstand im Herrschaftsgebiet des IS ist nur sehr wenig bekannt. Werden die Jihadisten trotz ihrer Brutalität anerkannt?
Daesh ist Regierung und Polizei zugleich. Die einfachen Leute mögen sie nicht, denn die Islamisten kontrollieren ihr Leben, von den kleinen alltäglichen Dingen bis hin zur großen Politik. Ich würde schätzen: 80 bis 90 Prozent der Menschen im Osten Syriens sind de facto gegen Daesh. Viele von ihnen versuchen, etwas gegen die Herrschaft der Islamisten zu tun.

Wer sind diese Menschen und was sind ihre Aktionen?
Man darf nicht vergessen, dass die Zivilisten keine Waffen mehr haben. Sie wurden alle eingesammelt. Der erste größere Widerstand gegen Daesh kam von den Revolutionären, also jenen, die schon gegen das Regime Bashar al-Assads auf die Straße gegangen sind und organisiert waren. Diese Leute wurden getötet, weil sie Aktivisten waren. Sie starben in den Daesh-Gefängnissen, man hat sie in den Hinrichtungsvideos gesehen. Die meisten dieser Menschen sind tot oder haben das Land verlassen. Ähnlich verhält es sich mit ehemaligen FSA-Kämpfern. Sie wurden entweder umgebracht oder vertrieben. In der Regel waren die Strafen gegen Widerständler äußerst drastisch. Erst kürzlich hat Daesh ein Video veröffentlicht, in dem zwei Kinder umgebracht werden. Ihr Vergehen: mutmaßliche Kooperation mit der internationalen Koalition. Ständig werden Telefone kontrolliert, ständig werden Menschen für das Rauchen bestraft. Manchmal gibt es Sabotageversuche, es werden Autos von Daesh in Brand gesteckt. Vor einigen Wochen hat Daesh eine eigene Währung eingeführt, den »Goldenen Dinar« – in Wahrheit handelt es sich um wertlose Münzen. Jetzt wird jeder zur Benutzung dieser Währung gezwungen, muss seine Dollar-Reserven eintauschen, damit Daesh an die Devisen kommt. Aus Protest haben die Menschen in Raqqa und in al-Mayadin ihre Geschäfte geschlossen und gestreikt. Daran kann man erkennen, dass Daesh Pläne für die Zukunft hat. Diese Geldsammelaktion ist ein gutes Beispiel.

Kürzlich hat die irakische Armee Mossul für befreit erklärt, auch in Syrien dürfte es mit dem »Kalifat« bald zu Ende gehen. Was planen die Jihadisten nun?
Es gibt erste Berichte, dass sich diese Leute jetzt auf die Zeit danach vorbereiten. Das sagen sie auch selbst: in den Moscheen, in ihren öffentlichen Stellungnahmen, in ihren Videos. Sie sagen, dass es keinen Unterschied mache, ob sie weiter an Territorium verlieren. Der »Islamische Staat« werde bleiben. Immer häufiger werden jetzt auch Kindersoldaten eingesetzt. In Raqqa allein sind es mehr als 1 000.
Wenn man sich heute Videos der Islamisten ansieht oder ihr Magazin durchblättert, erkennt man eine Entwicklung: Immer mehr Kinder werden in zentralen Positionen gezeigt. Sie wollen zeigen: Es gibt eine neue Generation. Die am besten ausgebildeten und erfahrenen Kämpfer sollen in den Schlachten um Raqqa und Mossul nicht verheizt werden. Sie wollen ihre Elite nicht opfern. Deshalb setzen sie Kinder und Ortsansässige ein, und viele junge, verblendete Kämpfer. Das Gebiet zwischen der Levante und dem Irak ist riesig. Dort werden sich die besten Kämpfer festsetzen: und die Kämpfer haben Erfahrung in diesem Versteckspiel. Man darf auch nicht vergessen: Kaum jemand kennt die Gesichter dieser Leute. Sie haben Netzwerke, sie haben Geld, viel Geld. Ich befürchte, dass sich das Gebiet zwischen dem Irak und der Levante zu einer Region entwickelt, die vergleichbar mit dem afghanisch-pakistanischen Grenzland ist.

Wir müssen also auch zukünftig mit dem Terror des IS rechnen?
Ja. Sie werden die richtige Zeit abwarten, um wieder aufzutauchen. Sie sind sich sicher, dass vielerorts wieder Konflikte entstehen werden. Dann wird hier und da ein Dorf eingenommen und für ein paar Tage gehalten. Diese Aktionen werden dementsprechend per Video neu vermarktet. Das ist bereits im Irak zwischen 2006 und 2009 passiert. Allein Falluja wurde fünfmal eingenommen. Sobald die Menschen auf die Straße gingen, um zu demons­trieren, tauchte Daesh auf. Solange es in Syrien keine Strategie für die Verwaltung und den Wiederaufbau der befreiten Gebiete gibt, besteht diese Gefahr immer noch.

Was kann die internationale Koalition tun, um eine erneute Ausbreitung des IS zu verhindern?
Man könnte sich die Gesellschaften genau anschauen und dann darüber nachdenken, wie man ein Gegenkonzept zu Daesh aufbaut, nicht nur in Syrien, sondern im Irak, in Ägypten und in Libyen, in Afghanistan und im Jemen. Was ist der gemeinsame Nenner in all diesen gescheiterten Staaten? Alle sind instabil. Dort hat Daesh angesetzt und dort werden derartige Gruppen auch in Zukunft ansetzen. Es kann bei der ganzen Sache ja nicht nur um die Hollywood-Videospiel-Ästhetik in deren Videos gehen. Es sollte vielmehr um die Menschen in diesen Ländern gehen und darum, ihnen andere Möglichkeiten zu geben. Es ist wichtig, diesen Gebieten eine gemeinsame Identität zu geben und sie nicht in Mehrheiten und Minderheiten zu unterteilen, nicht mehr von Sunniten, Schiiten, Kurden, Arabern zu sprechen. Davon, dass die einen Terroristen seien und die anderen nicht.

Ein solcher Aufbau wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern.
Genau. Die internationale Koalition wird einen langen Atem brauchen. Die Jungen brauchen eine echte Alternative. Immerhin haben sie über zweieinhalb Jahre unter diesem Regime gelebt, und nicht nur zwei Tage. Selbst zwei Tage können einen Menschen nachhaltig traumatisieren. Aber diese Menschen wurden über Jahre gezwungen, hinzuschauen und sich die Propaganda anzuhören. Zudem gab es keine unabhängige Schulbildung, kein Fernsehen, kaum Strom – keine Möglichkeit zur Kommunikation nach Außen. Diese Menschen sind sehr geduldig und im Moment haben sie keine Wahl außer abzuwarten. Dazu kommen Dutzende zivile Opfer – sie werden von den Bomben der Befreier getötet. Viele der Araber vertrauen der SDF (Demokratische Kräfte Syriens, eine von der kurdischen YPG dominierte Miliz, Anm. d. Red.) nicht. Ebenso wenig trauen sie dem syrischen Regime – und Daesh erst recht nicht. Es gibt für sie derzeit keine Alternative.