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Danny Yatom, ehemaliger Knesset-Abgeordneter, im Gespräch über die Lage in Israel

»Morgen wird es bestimmt nicht ganz ruhig bleiben«

Danny Yatom leitete von 1996 bis 1998 den Mossad, war von 1999 bis 2001 Sicherheitsberater des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und von 2003 bis 2008 Knesset-Abgeordneter der Arbeitspartei. Mit der »Jungle World« sprach er über die Lage in Israel nach den jüngsten Unruhen.

Interview Von Janis Just
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Gestern, am Mittwoch, demonstrierten am Abend 10000 Gläubige auf den Straßen rund um die Altstadt von Jerusalem. Organisationen wie die Waqf, aber auch einflussreiche Imame in Jerusalem haben nach Tagen des Protests gegen israelische Sicherheitsmaßnahmen an den Eingängen zum Tempelberg heute dazu aufgerufen, die Gebete wieder in den Moscheen abzuhalten. Die al-Aksa Moschee wurde von den Muslimen wieder geöffnet. Dennoch gibt es nationale und islamische Kräfte, die versuchen, die aktuelle Situation auszunutzen und zur Eskalation zu bringen. Was steht uns bevor?
Das werden wir morgen sicher besser beurteilen können. Freitag ist immer der Tag, an dem sich die meisten Muslime an der al-Aksa Moschee versammeln. Es war häufig ein Tag, der nach dem Hauptgebet am Mittag zu Problemen führte. Die Scheichs haben die Moscheen schließen lassen und die Menschen aufgefordert, ihr Gebet auf der Straße zu verrichten. Nun sind die Moscheen wieder offen. Das wird auf jeden Fall zu einer Entspannung führen. Doch gibt es natürlich auch andere, extremistische Elemente, die immer mit dem Feuer spielen, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Auch morgen wird es daher bestimmt nicht ganz ruhig bleiben.

»Wir müssen niemandem beweisen, dass wir die stärkste Kraft im Nahen Osten sind. Mit oder ohne Metalldetektoren.«

Welche extremistischen Elemente sind Israel im eigenen Land am gefährlichsten?
Einige von ihnen haben die Situation ausgenutzt um das Feuer zu entfachen. Zum einen ist es die organisierte Islamische Bewegung aus dem Norden Israels, die immer wieder heftig gegen Israel hetzt. Ein bekannter Scheich hat dazu aufgerufen, die Situation eskalieren zu lassen. Um die Wut aller Palästinenser anzustacheln, hat er verkündet, dass die Israelis den Palästinensern den Tempelberg nehmen möchten. Das ist völliger Quatsch, aber eine Lüge, die Wirkung zeigt und Menschen mobilisiert.
Die zweite Gruppe sind die Muslimbrüder, die immer daran interessiert sind, Spannung zwischen Israel und seinen Nachbarn zu erzeugen. Und dann ist da noch die palästinensische Autonomiebehörde. Was Palästinenserpräsident Abbas in der letzten Zeit sagt, ging immer in Richtung: Passt auf, die Israelis nehmen euch jetzt auch noch al-Aksa weg.
 
Wieso wurden die Metalldetektoren so schnell wieder abgebaut? Viele Muslime in Jerusalem sagen, sie hätten Israel in die Knie gezwungen, stimmt das?
Die Veränderung der Sicherheitsmaßnahmen hat sicher mehrere Gründe. Zum einen gab es, das vermute ich sehr stark, einen Austausch eines israelischen Sicherheitsmannes, den die Jordanier gefangen gehalten hatten, nachdem er einen Angriff auf die israelische Botschaft in Jordanien vereitelte und den Angreifer niederschoss.
Der andere, vielleicht entscheidendere Grund, ist dass die Polizei in Jerusalem regelmäßig Gefahrenanalysen durchführt und sich ansieht, wie das Zusammenleben in Jerusalem am besten gelingen kann. Das ist nicht einfach. In diesem Fall hat sich gezeigt, dass die Sicherheitsmaßnahmen nicht ganz die geeigneten gewesen sind. Wir müssen niemandem beweisen, dass wir die stärkste Kraft im Nahen Osten sind. Mit oder ohne Metalldetektoren. Wir hatten diese aufgebaut, um für Sicherheit zu sorgen. Wir müssen uns nun auf die aktuelle Lage einstellen. Zusammen mit unseren Nachbarn müssen wir einen Weg finden, ein sicheres Zusammenleben zu gewährleisten. Außerdem gibt es eine Reihe von Alternativen zu den Metalldetektoren.
 
Meinen Sie Wärmebildkameras und Kameras mit Gesichtserkennung?
Dazu werde ich mich aber nicht weiter äußern.
 
Welches Spiel spielt Palästinenserpräsident Abbas?
Präsident Abbas spielt mit dem Feuer und kämpft gleichzeitig um seine Macht. Er braucht die israelische Sicherheitskooperation, die er nun gekündigt hat, um in der Westbank nicht blutig weggeputscht zu werden. Abbas sollte nicht vergessen, dass er wahrscheinlich mehr davon profitiert als wir. Man wird sehen müssen, was hinter verschlossenen Türen wirklich beendet wurde. Zum anderen will er sich aber auch nicht verstecken und forderte gestern die Palästinenser für Freitag zum großen Aufstand auf. Es hängt stark von ihm ab, ob dieser Aufruf auch morgen noch Bestand haben wird, oder ob er sich anschließt und diesen einen Konflikt für beigelegt erklärt.
 
Ist eine dritte Intifada, ein bewaffneter Aufstand der Palästinenser, also vorerst abgewendet?
Ich denke nicht, dass dieses Level an Gewalt wie bei den beiden vorherigen Intifadas erreicht werden wird. Denn der Hauptgrund für die jüngsten Unruhen war, dass es Metalldetektoren und neue Kameras am Eingang zum Tempelberg gab. Alles wurde wieder abgebaut. Es kann gut sein, dass es in den nächsten Tagen wieder Ruhe einkehren wird. Ich hoffe es sehr.