Underground Pop in Tirana

Die Zukunft des Alban-Pop hat gerade erst begonnen

Zusammen mit Alban Nimani betreibt der DJ, Musiker, Veranstalter und Galerist Rubin Beqo ein Kulturzentrum in Tirana. Wer sich für die Vergangenheit, den Ist-Zustand und die Perspektiven der albanischen Musikszene interessiert, muss hierhin kommen.

Rubin Beqo ist unerbittlich. »Das Leben der jungen Albaner dreht sich um Konsum. Ihr Nachtleben ist eine miese Kopie des italienischen Mainstream inklusive der schlechten Musik – all about the pussy.« Galerien und Kunstausstellungen? »Wenn man sich mit den entsprechenden Politikern versteht, ist manches möglich.« Subkulturen? »So etwas gibt es in Albanien nicht.«
Aber was nicht ist, kann bekanntlich noch werden. Beqo – Mitte 30, Jungengesicht, schnelles Mundwerk – ist nicht nur Kritiker, sondern auch Praktiker und er möchte die Musikszene besser machen. Dafür hat er mit seinem Kompagnon Alban Nimani vor etwa zwei Jahren in Tirana das Tulla Culture Center gegründet, einen Ort für Konzerte und Ausstellungen, für Abseitiges und Tanzbares.

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Das Tulla Culture Center verbirgt sich im Obergeschoss eines Industriegebäudes, umgeben von russischer Architektur der Nachkriegszeit. Während die Urlaubssaison auf ihrem Höhepunkt angekommen ist und die Strände von Durrës bis zur albanischen Rivera voll sind, ist es hier mitten in Tirana still. »Wir sind ein Land mit über 300 Sonnentagen«, sagt Beqo. »Das Gebäude heizt sich den Tag über auf 35 bis 40 Grad auf. Das kühlt auch nur am frühen Morgen ein wenig runter.« Im Mai gab es im Tulla Culture Center eine Teilausstellung der Mediterranea Young Artists Biennale. Da Wohnhäuser in der Nähe sind, dürfen nachts aber keine Veranstaltungen stattfinden. Partys können hier nicht steigen, um Mitternacht muss die Musik aus sein. Im Moment ist Sommerpause, die allerdings für den Umbau genutzt wird. Außerdem organisiert Beqo Musikfestivals und plant die Zukunft.

Viel soll im Tulla passieren in der nächsten Saison. Es sollen mehr Ausstellungen in einem eigens dafür geschaffenen Raum gezeigt werden. Auch den Record Store Day im kommenden April will der Plattensammler Beqo feiern. Doch bei Preisen von 15 bis 30 Euro für neues Vinyl – völlig unerschwinglich in einem Land mit einem durchschnittlichen Nettoeinkommen von 300 Euro im Monat und einer Jugendarbeitslosenquote von über 30 Prozent – kann man nicht einfach limitierte Editionen verkaufen, sondern muss andere Angebote schaffen. Dieses Jahr wurden DJs aus Nachbarländern wie Griechenland und Italien eingeladen, die vergessene Volksmusik aus ihren Ländern auflegten. Im Hof wurden Second-Hand-Platten verkauft.

Auf die Frage, ob die albanische Musikszene etwas Spannendes zu bieten habe, muss Beqo lange überlegen. Das Problem sei nicht unbedingt die Qualität, sondern die hohe Fluktuation. Bands wie die Grrrl-Punkband Premenstrual Syndrome gründeten sich schnell und lösten sich genauso rasch wieder auf. »Immerhin fand das letzte Konzert der Band im Tulla statt«, erzählt Beqo. Ihm fällt Bledi Boraku ein, dessen Musik Balkanpop in sphärischen Postrock aufgehen lässt. Mehr Bands gebe es aber im Kosovo, wie etwa Asgjë Sikur Dielli, die anlässlich des 20. Bandjubiläums eine Best-of-LP veröffentlichten und für die sein Partner Nimani singe. Anders als Albanien gehörte der Kosovo zu Jugoslawien. Dort waren die Grenzen durchlässiger, das Regime war weit weniger strikt und eine Popmusikszene dort schon so lange existent wie in London oder Düsseldorf.

Albanien hingegen war abgeriegelt. Enver Hoxha, Staatsoberhaupt von 1944 bis 1985, duldete keinen Fremdeinfluss. Die »Pilzbunker« – über das gesamte Land verteilte Ein-Mann-Gefechtsstände – sind das Symbol seiner paranoiden Abschottung geworden. Was unter Hoxha an künstlerisch selbständiger albanischer Unterhaltungsmusik möglich war, endete spätestens 1972 mit dem 11. »Festivali i Këngës«. Damals ließ Hoxha die Veranstalter des bis dahin größten Songwettbewerbs des Landes verhaften und einige von ihnen hinrichten. Ihre Auswahl von Künstlern und Titeln betrachtete er als Gefährdung des Jugendwohls. »Meine Frühsozialisierung in Sachen Popmusik war mein Vater, der manchmal den Song ›Sympathy‹ von dieser Progband namens Rare Bird gesungen hat – abends, wenn er mal betrunken war.«

Nachdem Hoxha gestorben und das stalinistische System 1991 in ein Mehrparteiensystem überführt worden war, nutzten Musiker und Künstler schnell die neue Freiheit. »Allerdings haben sie nichts genuin Neues geschaffen, sondern den Dingen angehangen, die auch sonst angesagt waren, wie Grunge«, sagt Beqo. Das zarte Pflänzchen albanischer Jugendkultur verdorrte 1997, als der sogenannte Pyramidenskandal das Land im Chaos versinken ließ. Investmentbanken hatten Anlageprodukte verkauft, die den Kunden enorme Zinsen versprachen. Viele Albaner verschuldeten sich, um in diese Fonds einzuzahlen. Schon die ersten Rückzahlungen konnten von Anbietern wie Vefa Holdings und Sudja Holdings nicht geleistet werden. Mit deren Bankrott verloren die Anleger ihr Geld. Die Wut war groß, Waffendepots wurden geplündert. »Es war eine schlimme Zeit. Jede Nacht wurde in Tirana geschossen. Dazu kam dann noch eine Heroinepidemie.« Die Auswanderung erreichte einen neuen Höhepunkt. Derzeit leben ungefähr 500 000 Exilalbaner in Italien, oft gut in der dortigen Gesellschaft integriert. Noch mehr sind es in Griechenland. Viele von ihnen schlagen sich als einfache Arbeiter auf Baustellen durch. Um das Jahr 2000 stabilisierte sich nach Nato-Interventionen und Neuwahlen die Situation in Albanien. Für die Bürger waren es wirtschaftlich harte Zeiten.

»Man kann gar nicht unterschätzen, welche Bedeutung Edi Rama für unser Leben besonders in Tirana hatte«, meint Rubin Beqo. Rama, seit 2013 Ministerpräsident, gehörte als Maler und Lektor an der Akademie der Künste zur ersten Generation freier Kulturschaffender. Auch Rama wanderte aus, kehrte aber 1998 zurück, zuerst als Minister für Kultur, Jugend und Sport der sozialistischen Regierung von Fatos Nano. Ab dem Jahr 2000 war er über zehn Jahre lang Bürgermeister von Tirana.

Viele junge Albaner kehrten zurück ins Land und brachten neue Musik und Moden mit. Ähnlich wie im Berlin der frühen neunziger Jahre wurde in leerstehenden Gebäuden in der Stadt gefeiert, auch im vormals für die Bevölkerung gesperrten Viertel Blloku. »Es war eine großartige Zeit in Tirana für mich, aber auch für unsere Generation nach dem Pyramidenskandal«, sagt Beqo, der selbst einige Jahre in Prag verbrachte. Rama bekämpfte die Korruption, verbesserte die Müllentsorgung, ­begrünte die Stadt und ließ die grauen Wohnblöcke und Stromkästen bunt bemalen.

In der bildenden Kunst und der Literatur haben sich albanische Kulturschaffende wie Edi Rama und der Schriftsteller Ismail Kadare inzwischen längst Weltgeltung verschafft. Beqo ist allerdings skeptisch, ob albanische Musiker irgendwann internationale Beachtung erfahren werden. Selbstverständlich würde er nur zu gern die Voraussetzungen dafür schaffen. Das Gebäude des Tulla Culture Center gehört der Familie seines Partners. Damit sind die beiden  unabhängig von den steigenden Immobilienpreisen in Tirana und können langfristig planen. Wenn es nach Beqo geht, ist das auch nötig. »In zehn Jahren wird es vielleicht etwas geben, was auch global als typisch albanische Popmusik bekannt ist.« Das Tulla Culture Center ist wohl der beste Ort, um das Gelingen des Projekts Alban-Pop zu verfolgen.