Gresa Hasa, Feministin, im Gespräch über Patriarchat und Geschlechterverhältnisse in Albanien:

»Gewalt gilt als Stärke«

Gresa Hasa hat in Tirana ihr Bachelorstudium in Politikwissenschaften abgeschlossen. Sie schreibt für verschiedene albanische und internationale Publikationen. Ihr Bild mit dem Protestplakat anlässlich einer Demonstration gegen Gewalt an Frauen ging durch die Medien und sie erhielt zahlreiche Drohungen. Auf dem Plakat steht: »Wenn du wütend wirst, spül’ Geschirr, töte nicht deine Frau, du Schwanz!«

Interview Von Nicole Tomasek
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Sie haben vergangene Woche eine Protestkundgebung gegen Gewalt an Frauen mitveranstaltet. Anlass war der Mord an der 39jährigen Richterin Fildes Hafizi, die am 31. August in Tirana auf offener Straße von ihrem Ex-Mann erschossen wurde. Nicht nur die Zivilgesellschaft, auch Politiker verurteilten die Tat, der Fall erhielt international Aufmerksamkeit. Warum war der Aufschrei diesmal so groß?
Weil es sich um eine Richterin handelte. Hafizi hatte zuvor bei verschiedenen Stellen um Hilfe ersucht, sie hatte versucht, eine Schutzverfügung zu erwirken – doch vergebens. Wenn es nicht einmal eine Richterin schafft, Schutz zu erhalten, wie soll es dann all den anderen Frauen ergehen, die weniger privilegiert sind? Gewalt gegen Frauen ist in Albanien sehr weit verbreitet. Ich denke, sie ist eines der größten Probleme, die wir sofort angehen müssen. Aber sie wird meist nicht thematisiert. Es gibt zwar viel Wut in den sozialen Medien, im Alltag wird darüber geredet. Aber die Gewalt ist alltäglich, sie wird normalisiert. Fast jede Woche hört man, dass eine Frau in Albanien von ihrem Mann ermordet wurde. Vor kurzem gab es einen anderen Fall, eine Frau wurde von ihrem Mann aus dem Fenster geworfen. Auch sie hatte sich zuvor um eine Schutzverfügung bemüht, aber sie musste weiterhin mit ihrem Mann im selben Haus wohnen.

Wie viele Frauen in Albanien sind von dieser sogenannten häuslichen Gewalt betroffen?
Etwa ein Viertel der Frauen erleidet in ihrem Leben Gewalt durch einen Partner. Albanien hat auf dem Balkan die höchste Quote, wenn es um Mord an Frauen geht. Gewalt gegen Frauen gibt es nicht nur in Albanien, sondern auch im Kosovo, in Mazedonien, in anderen Balkanländern. Aber in Albanien ist das patriarchale System am schlimmsten, das ist mein Eindruck. In diesem Land als Mädchen erzogen zu werden, ist eine große Herausforderung. Es fängt zu Hause damit an, dass der Vater seine Tochter schlägt, der Bruder seine Schwester. Dann die Erziehung: Die Mädchen sollen waschen und kochen lernen, sie sollen brav sein, unterwürfig. Denn eines Tages gehen sie zu ihrem Ehemann, den sie umsorgen sollen. Mädchen und Frauen werden wie Objekte behandelt. Zuerst bist du im Haus des Vaters und der verheiratet dich dann, du gehst in das Haus dieses anderen Mannes und der Ehemann ist dann für dich verantwortlich – dafür, was du anziehst, was du sagst, für deine Freunde, wohin du gehst und so weiter.

»Das Patriarchat lebte rege fort und nach dem Ende des Regimes, dem Fall des Sozialismus, blühte es noch auf.«

Ist das immer noch so, auch für junge Frauen in Ihrem Alter?
Ja. Wir sind in Tirana, im Zentrum der Stadt, im Zentrum des Landes, wir sind hier am privilegiertesten und man findet das sogar hier. Der Mord an Hafizi fand hier statt. Ich kenne Frauen meines Alters, in meiner Klasse, die mir erzählen, dass ihren Partnern nicht gefalle, was sie anziehen, welche Freunde sie haben; sie erzählen, wie die Partner jeden Aspekt ihres Lebens kontrollieren.

Handelt es sich um gebildete Frauen?
Ja, um Oberschülerinnen und Studentinnen. Sie machen ihr Diplom und einen Monat später sind sie verheiratet. Ihre Familien erzählen ihnen, wenn sie jung sind: Du musst fleißig studieren, du musst die Beste sein. Aber ab einem gewissen Punkt hast du genug gelernt, du darfst nicht zu schlau sein, weil du ein Mädchen bist. Du bist entweder zu viel oder zu wenig. Du kannst nicht einfach normal sein, darum musst du jeden Tag kämpfen.

Sie haben erwähnt, dass die Mord­rate in Albanien im Vergleich zu anderen Balkanländern am höchsten ist. Woran liegt das?
Es hat damit zu tun, wie der Staat und die Gesellschaft mit dem Thema umgehen, und mit den politischen und historischen Traumata, die wir als Gesellschaft haben. Das Regime Enver Hoxhas war eines der härtesten stalinistischen Regime in Europa, wir waren damals so isoliert wie Nordkorea heutzutage. In Sachen Frauenrechte hat das Regime es geschafft, die unglaublich hohe Analphabetinnenrate zu reduzieren. Mädchen gingen zur Schule, mehr Frauen gingen arbeiten oder zur Universität. Die Frauen arbeiteten genauso viel wie die Männer, aber gesellschaftlich genossen sie nicht dieselben Vorzüge. Zum Beispiel arbeitete die Frau auf dem Feld, kam danach nach Hause und musste sich noch um Mann und Kinder kümmern. Sie hatte die doppelte oder dreifache Arbeitsbelastung.

Frauen wurden also in Lohnarbeit gebracht, Männer aber nicht zu Hausarbeit und Kindererziehung angehalten.
Ja, das System beutete Männer wie Frauen aus, aber Frauen wurden doppelt ausgebeutet. Es war eine sehr patriarchale Gesellschaft, Hoxhas Regime hat nichts getan, um das zu ändern. Vor kurzem habe ich eine interessante Studie einer albanischen Anthropologin gelesen, die sich mit dieser Periode und dem Kanun (albanisches Gewohnheitsrecht, Anm. d. Red.) beschäftigt. Es war sehr interessant zu sehen, wie das Regime mit dem Kanun gearbeitet hat. Auf der einen Seite wollte es die Menschen zur Emanzipation führen, den Kanun auflösen und den neuen sozialistischen Menschen schaffen. Auf der anderen Seite bewahrte und beschützte es den Kanun, weil er die grundlegenden Werte der Albaner repräsentierte.

Ging es darum, alle in den neuen sozialistischen Staat zu integrieren?
Ja, das Regime nutzte Nationalismus, um sich zu legitimieren, diese Art nationalen Kommunismus, den Hoxha schuf. Das Patriarchat verschwand also nicht, auch wenn das Regime dieses Image hatte, es zur Auflösung zu bringen. Es lebte rege fort und nach dem Ende des Regimes, dem Fall des Sozialismus, blühte es noch auf. Wir hatten viele Probleme in den Neunzigern, es gab den Bürgerkrieg 1997. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass zu dieser Zeit viele junge Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren in die Zwangsprostitution verkauft wurden. Das ist in vergleichbarem Ausmaß in keinem anderen ehemals realsozialistischen Land des Balkan passiert. Männer verkauften ihre eigenen Schwestern, Frauen, Freundinnen, Cousinen. Sie brachten diese Frauen und vor allem junge Mädchen ins Ausland zur Zwangsprostitution.

Warum nahm das dieses Ausmaß an?
Es herrschte Krieg. Der Staat war zusammengebrochen. Es gab eine extreme gesellschaftliche und ökonomische Krise, Institutionen funktionierten nicht, es herrschte ein Ausnahmezustand. Freundinnen und Freunde, die mittlerweile in ihren Vierzigern sind, oder auch meine Eltern haben mir erzählt, dass damals am helllichten Tag Männer in die Schulen gingen – niemand bewachte die Schulen – und Mädchen gewaltsam verschleppten. Schulen wurden geschlossen. Für Mädchen im Teenager­alter war das damals die Hölle. Sie waren nicht sicher. Gingen sie aus dem Haus, etwa nur um Brot zu kaufen, konnten sie vergewaltigt oder verkauft werden. Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren.

Wandten sich viele in Albanien nach dem Zusammenbruch des Systems wieder den alten Traditionen zu, weil ihnen die starren Strukturen Halt gaben, weil der Mann dann zumindest zu Hause noch das Sagen hatte?
Ja, es gab zuvor zwar einen diktatorischen Staat, aber immerhin einen Staat. Heutzutage funktioniert vieles nicht, wie der jüngste Fall zeigt. Wenn es zum Beispiel um die Wahrung der Menschenrechte geht, wenn man vor Gericht zieht, muss man die Erfahrung machen, dass die Gerichte nicht helfen. Wer mehr Geld hat, gewinnt vor Gericht. Alles ist von Korruption durchzogen.

Inwieweit begünstigen die schlechte ökonomische Lage und fehlende Aufklärung die Gewalt gegen Frauen?
Albanien ist ein sehr armes Land, das Bildungssystem ist schlecht. Die grundlegenden Werte einer Gesellschaft beruhen auf Bildung. Wenn diese fehlt, kann man nicht erwarten, dass Frauen Einsicht in ihre gesellschaftliche Rolle bekommen. Wir haben also auf der einen Seite Männer, die sehr gewalttätig sind, denn Jungen werden dazu erzogen, Gewalt gilt als Stärke, Intelligenz nicht. Auf der anderen Seite werden Frauen dazu erzogen, ihrem Vater zuzuhören, zu schweigen, sich so zu verhalten, wie es die Männer wünschen. Gewalt gegen Frauen findet man nicht nur in den Dörfern oder bei armen Familien, sondern überall. Das Fehlen von Emanzipation hat auch mit der isolierten Lage zu tun, in der sich Albanien befand, nicht nur unter Hoxhas Regime, in anderen entlegenen Balkanregionen sieht es ähnlich aus.

Gab oder gibt es feministische Gruppen oder Organisationen in Albanien?
Nein. Es gibt junge Feministinnen, wie mich zum Beispiel, aber als Individuen, nicht als organisierte Gruppe. Dennoch machen wir Veranstaltungen, organisieren Proteste, schreiben über feministische Themen für verschiedene Medien. Was es gibt, sind NGOs, aber das einzige, was die tun, ist, Fördergelder ausländischer Organisationen entgegenzunehmen, um etwas für Frauenrechte zu tun. Sie machen nichts, außer vielleicht mal am 8. März, dem Frauentag, zu demonstrieren, der in Albanien als »Muttertag« gilt, denn Frauen werden vor allem als Mütter gesehen.

Was tut die derzeitige Regierung für Frauenrechte?
Im Juni gab es Wahlen und die Regierungspartei wurde wiedergewählt. Der Ministerpräsident hat kürzlich sieben Ministerinnen ernannt. Die Regierung will damit die Frauenemanzipation voranbringen, aber das hat nichts mit Zahlen zu tun. Nur weil eine Frau Politikerin ist, macht sie noch keine feministische Politik. Es gibt zum Beispiel weibliche Abgeordnete, die bei Gesetzesvorhaben, die insbesondere Frauen betreffen, gegen eine emanzipatorische Politik stimmen. Zum Beispiel bei der Bildungsreform, die Bildung verteuert und dafür sorgt, dass weniger Mädchen länger zur Schule gehen. Wenn eine arme Familie einen Sohn und eine Tochter hat, wird sie nur den Sohn länger zur Schule schicken, wenn sie sich nicht mehr leisten kann.

Wie steht es um das Recht auf Abtreibung?
Seit Beginn der Neunziger ist Abtreibung legal. Aber das öffentliche Gesundheitssystem ist schlecht. Niemand wird dich behandeln, wenn du nicht Schmiergeld zahlst.

Wie sieht der Umgang mit weiblicher Sexualität aus?
Es gibt einen großen gesellschaftlichen Druck auf Frauen, dass sie den Mann, mit dem sie das erste Mal Sex hatten, auch heiraten. Es gibt viele Ehen mit Minderjährigen. Sex wird bei Frauen nicht als etwas angesehen, das ihnen Vergnügen bereitet, sondern die Frau »gibt« dem Mann dabei etwas, sie »verliert« ihre Jungfräulichkeit. Man kann nicht einfach Sex haben, Frauen wird eingeredet, sie müssten sich dafür schämen. Jungfräulichkeit ist ein großes Thema in Albanien. Immer wieder gibt es Väter oder Brüder, die Mädchen umbringen, weil sie denken, dass sie Sex mit einem Mann hatten, einen Freund haben oder auch nur Textnachrichten mit einem Jungen ausgetauscht haben.

Welche Rolle spielt Religion dabei und für die Geschlechterverhältnisse generell?
1965 wurde Albanien zum ersten atheistischen Staat erklärt. Viele Menschen, die während des Regimes aufwuchsen, wurden in diesem Sinne erzogen. Aber mir ist in jüngster Zeit aufgefallen, dass in manchen muslimischen Familien, in dieser Mischung aus patriarchaler Tradition und Religion, Väter ihre Töchter und Frauen zum Tragen des Kopftuchs anhalten. Religion wird manchmal aber auch als Ausrede benutzt, um patriarchale Vorstellungen durchzusetzen. Es gibt auch atheistische Eltern, die nicht wollen, dass ihre Töchter kurze Röcke anziehen. Religion spielt also keine große Rolle.

Sind Sie optimistisch, dass es eine stärkere feministische Bewegung in Albanien geben wird?
Ja, wir sind wenige, aber wir sind da und wir setzen uns systematisch dafür ein. Wir organisieren Proteste, schreiben Artikel und so weiter. Fortschritt und Wandel erreicht man nicht sofort, sondern es ist ein sehr langer Weg.