Im indischen Teeanbaugebiet Darjeeling wird seit Monaten für ein unabhängiges »Gorkhaland« gestreikt

Streiken, bis der Tee kalt wird

Das indische Teeanbaugebiet Darjeeling wird seit Monaten von Demonstrationen und Streiks erschüttert. Die Morcha-Bewegung fordert dort einen unabhängigen Staat.
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Der Streik in Darjeeling dauerte bereits 96 Tage an, als die ersten drei Teegärten am Montag vergangener Woche wieder eröffnet wurden. Als Anlass für die anhaltenden Streiks und Demonstrationen in der nordindischen Region und den Dooars, den umliegenden Tälern, gilt die Entscheidung der Regierung des Bundesstaats Westbengalen, künftig an Schulen Bengalisch statt Nepalesisch als Hauptsprache zu unterrichten. Jedoch dürfte es vielmehr darum gehen, dass dieses Jahr lokale Wahlen stattfinden und die Anführer der Bewegung Gorkha Janmukti Morcha (GJM), die in der Gegend um das Teeanbaugebiet Darjeeeling für einen unabhängigen Staat namens Gorkhaland kämpft, gemerkt haben, dass ihnen die Wählerinnen und Wähler wegrennen. Hört man sich unter der Bevölkerung in Darjeeling um, scheint die Aufregung ob der Regierungsanordnung nicht so groß zu sein, wie es die Proteste erscheinen lassen. Es überwiegt die Erleichterung, dass Bengalens Ministerpräsidentin Mamata Banerjee die Morcha-Bewegung so weit gezähmt hat, dass diese mit ihren Streiks den überlebenswichtigen Tourismussektor und die Teeernte nicht vollkommen zerstören konnte.

Viele Menschen in Darjeeling haben seit mehr als drei Monaten kein regelmäßiges Einkommen, auch die Internetverbindung ist unterbrochen.

Eigentlich war die Morcha-Bewegung schon fast am Ende. Der Konflikt begann in den achtziger Jahren, als nepalesischstämmige Bevölkerungsgruppen der Nepali, auch Gorkha genannt, einen eigenen Bundesstaat forderten, weil sie sich von den Bengalen wie Menschen zweiter Klasse behandelt fühlten. Sie sammelten sich in der Gorkha National Liberation Front (GNLF), die ab 1986 gegen die indische Regierung kämpfte. 1988 einigten sich beide Seiten in einem Abkommen auf eine Teilunabhängigkeit für die Bewohner Darjeelings und der Dooars, der Darjeeling Gorkha Hill Council (DGHC) verwaltete einige Gebiete der Region. Bis dahin hatte der Konflikt nach Regierungsangaben bereits 1 200 Tote gefordert.

Bis 2010 blieb es relativ ruhig, dann übernahm Bimal Gurung die 2007 gegründete GJM – sein Konkurrent Madan Tamang wurde von Anhängern Gurungs zu Tode gehackt. Aus lokalen Jugendlichen hatte Gurung schnell eine schlagkräftige Truppe zusammengestellt, die mit gewalttätigen Demonstrationen die bengalische Regierung unter Druck setzte und die Bevölkerung einschüchterte.

Die seit 2011 amtierende Ministerpräsidentin Mamata Banerjee gestand den Bergbewohnern schließlich mehr Autonomie zu und deren Forderung nach einer Abspaltung vom Bundesstaat Westbengalen schien vom Tisch. Doch dann kamen die Parlamentswahlen 2014. Narendra Modi, der spätere Premierminister Indiens, versprach der GJM ihr Gorkhaland, wenn sie dafür seine Kandidaten unterstützen. Mit einer Mischung aus Härte und Entgegenkommen gelang es Banerjee daraufhin erneut, den Einfluss der Morcha-Bewegung erheblich zu schwächen. Doch da sie die letzte ernsthafte Gegenspielerin Modis ist, traf sich dieser vor einigen Monaten erneut mit den Anführern der GJM und versprach, diese in ihrem Streben nach einem unabhängigen Staat zu unterstützen (Jungle World 16/2017).

Die Streikaufrufe und Demonstrationen der GJM halten in den meisten Gegenden an, auch wenn die Lage sich vielerorts beruhigt hat. Rund 100 000 Teepflückerinnen und -pflücker hatten in den vergangenen Monaten die Arbeit niedergelegt, einige Regierungsgebäude und Polizeiwagen wurden in Brand gesetzt, angeblich setzten GJM-Unterstützer auch Ladenbesitzer unter Druck, ihre Geschäfte nicht zu öffnen.

Im Juni wuren bei Demonstrationen der GJM in Darjeeling mindestens fünf Demonstrierende getötet. Banerjee stritt ab, dass die Polizei etwas damit zu tun hatte. Es war nicht das erste Mal, dass bei Demonstrationen in diesem Bundesstaat Menschen starben. Banerjee verwies auf die 35 teils schwerverletzten Polizisten und warf den Demonstrierenden vor, mit terroristischen Gruppen zusammenzuarbeiten – ein gängiger Vorwurf. Da die Morcha-Bewegung auf regionalen Patriotismus und Populismus setzt, scheint es aber unwahrscheinlich, dass sie mit maoistischen Rebellengruppen zusammenarbeitet, die Indiens Regierung schwerer zu schaffen machen als etwa islamistische Gruppen.

Immer wieder wurden auch Touristenbusse von Anhängern Gurungs gewaltsam aufgehalten, die Besucherströme blieben in dieser Saison daher aus. Neben dem Tourismus ist der Teeanbau die Haupteinnahmequelle der Region. Dieses Jahr konnten nur 30 Prozent der Darjeeling-Ernte eingebracht werden. Den beliebten milden »Herbst-Flush« wird es dieses Jahr nicht geben. Die Originalsorte wird in 87 Teegärten Darjeelings angebaut. Für einen Darjeeling Blend sind per Gesetz nur fünf Prozent Darjeeling vorgeschrieben, daher werden jedes Jahr etwa 40 000 Tonnen Tee unter dem Namen Darjeeling verkauft, obwohl nur 8 000 bis 10 000 Tonnen pro Jahr produziert werden.

Viele Menschen in Darjeeling haben seit mehr als drei Monaten kein regelmäßiges Einkommen. Die Regierung hat die Internetverbindung »zum Schutz der Bevölkerung« unterbrochen. Mit solchen Maßnahmen stärkt Banerjee jedoch nur Gurung, der seit Ankündigung des Streiks untergetaucht ist. Sollte er sein Gor­khaland bekommen, würde das Banerjee ihren Posten kosten. Das käme auch Modi zugute, der den Konflikt ebenfalls geschürt hatte.

Dass es der Bevölkerung Darjeelings in einem unabhängigen Gorkhaland besser gehen würde, ist nicht zu erwarten. Die überwiegende Mehrheit der Touristen sind Bengalen und auch die können sehr patriotisch sein. Des weiteren fehlt es an gut ausgebildeten Einheimischen, die neu entstehende Verwaltungsstellen übernehmen könnten; besonders unter den Anhängern von Gurung haben viele keine ausreichende Qualifikation. Etliche Teebauern sind abgewandert und haben sich an Orten um Dharamsala niedergelassen. Mittlerweile gilt Tee aus den Bergregionen Nepals unter Experten als gleichwertiger Ersatz. Ein abgewanderter Teebauer klagte schon vor Jahren: »Menschen wie Gurung können nur zerstören, aber nichts aufbauen.«